Fürth

Begrüßung im Rathaus

Rabbiner David Zharko (l.) und Julia Tschekalina kamen zum Gedankenaustausch mit Oberbürgermeister Thomas Jung zusammen. Foto: Birgit Gaßner

Was braucht ein Junge, um ein »echter« Fürther zu sein? Eine erste Voraussetzung hat der kleine Aaron Zharko bereits mit seiner Geburt am 1. Januar in der mittelfränkischen Stadt erfüllt. Eine weitere ist die Verbundenheit zum Fußball-Klub, der Spielvereinigung Greuther Fürth. Um hier schon zeitig die entsprechende Grundlage zu legen, hat ihm Oberbürgermeister Thomas Jung (SPD) einen Strampler mit dem Emblem des Vereins mitgebracht.

Gelegenheit, die Geschenke zu über­reichen, bot sich am vergangenen Donnerstag bei der Vorstellung von Aarons Vater, Rabbiner David Zharko, und der neuen Vorsitzenden der Fürther Israelitischen Kultusgemeinde, Julia Tschekalina. Ende des vergangenen Jahres haben beide diese Ämter übernommen.

Vor der offiziellen Vorstellung wurde über die Unterbringung von Flüchtlingen gesprochen.

Während in der Begrüßungstüte für den neuen Fürther Bürger alles steckte, was heute zur Stadt gehört, wie Playmobil oder die Miniaturausgabe eines Bobbycar, ging Thomas Jung bei der Begrüßung des neuen Rabbiners auf die herausragende jüdische Vergangenheit der Stadt ein. Sie galt lange als das »fränkische Jerusalem«.

blütezeit Im 18. Jahrhundert war Fürth eine der spirituellen Hauptstädte des europäischen Judentums. Die Blütezeit endete mit dem Nationalsozialismus. Einer der international bekanntesten Fürther war der 1923 hier geborene, spätere US-Außenminister Henry Kissinger, der 1938 als 15-Jähriger mit seiner Familie in die USA emigrierte. Vor seinem Bild in der Gemäldereihe der großen Fürther kamen Rabbiner David Zharko, Julia Tschekalina und Thomas Jung später zum Fototermin zusammen.

Dem neuen Rabbiner schenkte Jung zur Begrüßung ein Buch über die einmalige Bedeutung des jüdischen Fürth in der Geschichte. Als wichtige Persönlichkeiten nannte er den Verleger Leopold Ullstein, der 1826 in Fürth geboren wurde, oder den Schriftsteller Karl Jakob Wassermann. Als größten Sponsor der Stadt erwähnte Oberbürgermeister Jung dann Alfred Nathan, der 1907 das Nathanstift als Wöchnerinnen- und Säuglingsheim gegründet hatte.

Aus ihm ist die Geburtshilfliche Abteilung der Frauenklinik des Klinikums Fürth hervorgegangen, die auch heute noch mit Mitteln der Nathanstiftung unterstützt wird. Diese hatte der Fürther Rechtsanwalt und Ehrenbürger Nathan 1906 zum Gedächtnis an seine Eltern gegründet.

wirkungsstätte Bevor sich Rabbiner David Zharko ausführlich mit der Geschichte seiner neuen Wirkungsstätte befassen kann, stehen derzeit ganz andere Aufgaben an: Er schleppt Kisten und Koffer, er holt ukrainische Kriegsflüchtlinge vom Bahnhof ab. Untergebracht sind viele von ihnen bei Freunden und Verwandten, die bereits nach dem Ende der Sowjetunion nach Fürth gekommen sind. »Wo sonst zwei Erwachsene und Kinder am Tisch saßen, sind es heute vier oder sechs und auch entsprechend mehr Kinder«, erzählen David Zharko und Julia Tschekalina. »Es wird nahezu Unmögliches geleistet.« Der Rabbiner hat die Eltern seiner Frau aus der Ukraine aufgenommen.

Vor ihrer offiziellen Vorstellung im Rathaus hatten Zharko und Tschekalina mit dem Oberbürgermeister über Möglichkeiten zur Unterbringung von Flüchtlingen in Fürth gesprochen.

Rabbiner David Zharko hat die Eltern seiner Frau aus der Ukraine aufgenommen.

David Zharko wurde 1986 in Kiew geboren. Dort absolvierte er auch die jüdische Schule. Nach einem Aufenthalt in Israel kam er zurück nach Kiew, besuchte dort eine Jeschiwa. Bald stand der Berufswunsch fest: Er wollte Rabbiner werden. Der Weg führte über das Rabbinerseminar in Hamburg. Dort kam auch seine inzwischen dreijährige Tochter Rosa zur Welt.

Nach seiner Ausbildung war Zharko auf der Suche nach einer entsprechenden Stelle. Zur gleichen Zeit suchte wiederum die Fürther Kultusgemeinde einen neuen Rabbiner. Im Herbst 2021 fiel die Entscheidung: David Zharko kam in die mittelfränkische Stadt zwischen Regnitz und Rednitz. Seine ukrainische Muttersprache hilft ihm hier sehr, Deutsch lernt er gerade. In Fürth fühlen er und seine Familie sich wohl. Er hält Schiurim für Männer ab, seine Frau unterrichtet die Frauen, die daran Interesse haben.

neubesetzung Mit dem Jahresende 2021 war auch eine Neubesetzung der Leitung der Fürther Kultusgemeinde notwendig. Neue Vorsitzende wurde Julia Tschekalina. Auch sie stammt aus der Ukraine, kam 1978 in Kiew zur Welt. 1994 kam die Familie nach Fürth und wurde bald schon Mitglied der Jüdischen Gemeinde.

Hier hat sich Tschekalina von Anfang an aktiv eingebracht. »Ich bin sehr froh, dass ich das Vertrauen der Gemeinde habe – und dass sie mich zur Vorsitzenden gewählt haben«, sagt die Mutter zweier Kinder. Das Miteinander mit der Stadtgesellschaft ist ihr wichtig. Deshalb arbeitet sie auch aktiv mit dem Kulturamt zusammen.

Damit interessierte Fürther mehr über das jüdische Leben erfahren können, veranstaltet die Gemeinde immer wieder Führungen und einen »offenen Schabbat«. Da gibt es etwa eine halbe Stunde vor dem Gebet am Schabbatabend die Möglichkeit, sich in der Synagoge zu treffen, Fragen zu stellen und Informationen zu bekommen.

aufgaben Neben der Sorge und der Hilfe für die Kriegsflüchtlinge stehen noch weitere Aufgaben in der rund 300 Mitglieder zählenden Gemeinde an, von Renovierungsarbeiten bis zur möglichen Realisierung eines Kindergartens. Großer Wert wird auch auf die Pflege der Friedhöfe gelegt, vor allem des historischen Friedhofs.

Als Nächstes ist Pessach zu bewältigen: »Die Einkäufe für die Feiertage sind schon erledigt«, erzählt Julia Tschekalina. »Aber es kommen immer wieder tagesaktuelle Aufgaben hinzu.«

Alija

Darum bleibe ich

Der 7. Oktober hat unsere Autorin zu einem anderen Menschen gemacht. Und beinahe wäre sie nach Israel ausgewandert. Vieles aber hält sie hier – aus gutem Grund

von Barbara Bišický-Ehrlich  23.07.2026

Interview

»Kiddusch mit Empanadas«

Daniela Rusowsky über die lateinamerikanische Gemeinschaft in Berlin, Melodien aus der Heimat und die Bedeutung von Kabbalat Schabbat

von Mascha Malburg  23.07.2026

Programm

Marathon-Mann, Swingende Hermline und ein festliches Triple in Karlsruhe: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 23. Juli bis zum 30. Juli

 22.07.2026

Projekt

Ein Denkmal für gefallene Soldaten und ermordete Juden

Ein Dorf will mit einer Gedenkstätte an die Opfer der NS-Zeit erinnern. Das geplante gemeinsame Gedenken an gefallene Soldaten und ermordete Juden ruft ein unterschiedliches Echo hervor

von Jens Bayer-Grimm  21.07.2026

Berlin

Jüdisch, Queer, Selbstbewusst

Der »Pride-Shabbat« des Vereins Keshet Deutschland zeigt auch in diesem Jahr wieder, dass jüdisches und queeres Leben zusammengehören

von Leon Stork  20.07.2026

Pforzheim

Die vergessene jüdische Geschichte der Goldstadt

Vom Schwarzwald aus verkauften Juden einst Schmuck in die ganze Welt. Erst langsam wird diese Geschichte aufgearbeitet. Sie ist nicht immer glänzend – und auch noch nicht vorbei

von Mascha Malburg  20.07.2026

Porträt der Woche

»Ich wollte zum Ursprung«

Richard Ernst konvertierte zum Judentum, wurde Gärtner und Hobbymaler

von Anja Bochtler  18.07.2026

Würdigung

Im Einsatz für die Demokratie

Minister Georg Eisenreich zeichnete Engagierte in Justiz und Polizei mit dem Fritz-Neuland-Gedächtnispreis aus

von Luis Gruhler  18.07.2026

München

Bücher für alle

Der Literaturwissenschaftler Nathan Cohen sprach im Rahmen der Scholem-Alejchem-Reihe über populäre jiddische Literatur in Osteuropa

von Nora Niemann  18.07.2026