»Schalom Aleikum«

Begegnung im Alter

Im Gespräch: Abdul-Jalil Zeitun, Semen Vassermann, Jannis Panagiotidis, Firouz Vladi und Inessa Goldmann (v.l.) Foto: Thomas Osterfeld

»See the other side« und »Mutige Entdecker bleiben« – unter diesen Mottos hatte »Schalom Aleikum« am Dienstag in die Jüdische Gemeinde Osnabrück eingeladen. Durch das Dialogprojekt pflegt der Zentralrat der Juden in Deutschland einen offenen Austausch zwischen jüdischen und muslimischen Akteuren der Zivilgesellschaft.

https://www.instagram.com/p/B4NmX-oIAQl/

In Osnabrück nahmen daran etwa 90 Personen teil – die meisten von ihnen ältere Menschen, passend zum Thema des Abends: »Jüdische und muslimische Senioren im Gespräch«.

Dabei ging es um biografische Erzählungen der Protagonisten, ihre Migrations- und Diskriminierungserfahrungen, die gegenseitige Wahrnehmung von Juden und Muslimen sowie um die Potenziale von interreligiösem Dialog. Moderiert wurde das Gespräch mit den jeweils zwei jüdischen und muslimischen Podiumsteilnehmenden von Jannis Panagiotidis, Historiker und Migrationsforscher an der Universität Osnabrück.

Für die deutschlandweit in verschiedenen Städten veranstalteten Gesprächsrunden sucht sich Schalom Aleikum unterschiedliche, stets jüdisch-muslimisch zusammengesetzte Teilnehmergruppen – von Start-up-Unternehmen über Frauen bis hin zu Senioren.

AUGENHÖHE In Osnabrück gehöre der interreligiöse Dialog zum Alltag, betonte der Vorsitzende der Osnabrücker Gemeinde, Michael Grünberg, in seinem Grußwort. »Wir haben es in der Hand, uns zu begegnen, miteinander zu reden und einander zuzuhören«, fasste Grünberg die Idee von Schalom Aleikum zusammen. Auf dem Podium in Osnabrück saßen neben Inessa Goldmann und Semen Vassermann der Historiker und Publizist Firouz Vladi sowie Abdul-Jalil Zeitun, Imam der Osnabrücker Moscheegemeinde am Goethering.

Schalom Aleikum hat sich zum Ziel gesetzt, die Funktionärsebene zu verlassen und Begegnungen von Bürgerinnen und Bürgern auf Augenhöhe zu ermöglichen. Die Gesprächspartner bemühten sich, Aspekte der eigenen Biografie und privaten Lebensrealität in den Vordergrund zu rücken und größere politische Fragen auszuklammern.

Firouz Vladi ließ sich früher von seinem Bruder koschere Salami aus Wien mitbringen.

Zunächst gab es Einblicke der Teilnehmer in ihre ersten Begegnungen mit der jeweils anderen Religionsgruppe und deren kulturellen Traditionen. So erzählte Abdul-Jalil Zeitun, dass er und seine Familie in Damaskus regelmäßig in jüdischen Geschäften eingekauft hatten, ähnlich wie Firouz Vladi, der über seinen in Wien studierenden Bruder regelmäßig in den Genuss von koscherer Salami kam. In Hamburg, wo Vladi in den 50er-Jahren aufwuchs, hatte es das damals nicht gegeben. Vladis Vater gehörte zu der in der Weimarer Republik nach Hamburg eingewanderten iranischen Kaufmannsschicht, seine Mutter war Deutsche.

KLISCHEES Inessa Goldmann hingegen berichtete davon, wie sie, als sie in den 90er-Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland eingewandert war, zwar durchaus mit Berührungsängsten seitens ihrer muslimischen Nachbarn konfrontiert war, gleichzeitig aber von diesen herzlich und durchaus solidarisch mit kleinen Gesten im Alltag unterstützt wurde.

Heute engagiert sich Goldmann in der Flüchtlingshilfe. Dabei setzt sie darauf, durch alltägliche Begegnungen den Vorurteilen, Klischees oder gar dem manifesten Antisemitismus, den viele Neueingewanderte aus ihren Herkunftsländern mitgebracht haben, entgegenzutreten. »Die meisten Flüchtlinge haben viele Gerüchte gehört, einem Juden begegnet sind allerdings nur die wenigsten«, erzählt Goldmann.

Kollegen Auch die Bedeutung und Ausprägung der eigenen Religiosität spielte zuweilen eine Rolle. So erzählte Semen Wassermann davon, wie er, der aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kam, erst in Osnabrück und durch seine eigenen Kinder stärker ins Judentum eingetaucht sei. Enge Kontakte zu Muslimen habe er bis heute nicht. Zwar gebe es in seinem Job türkische Kollegen, von denen er ausgehe, dass sie Muslime sind.

Doch Austausch über die Bedeutung von Religion im eigenen Leben und andere Fragen religiöser Identität findet kaum statt. »Wenn es um Geld geht, spielt das alles keine Rolle. Und der Chef muss ja zufrieden sein«, scherzte Wassermann. Moderator Panagiotidis nahm den Ball auf und erwähnte in diesem Zusammenhang die »heilenden Kräfte des Marktes«.

Als Inessa Goldmann nach Deutschland kam, halfen ihr muslimische Nachbarn.

In der für das Publikum geöffneten Diskussion war die Gefahr, die von Rechtsextremen und Rechtsterroristen für Juden wie auch für Muslime ausgeht, ein weiteres Thema. Außerdem wurde kontrovers über das Für und Wider von gemeinsamem Religionsunterricht diskutiert.

KOEXISTENZ Immer wieder wurde verschiedentlich auf das friedliche Zusammenleben von Juden und Muslimen an verschiedenen Orten verwiesen. »Beispiele für friedliche Koexistenz, die es überall gibt, sollen den Hetzern, die einen Keil zwischen uns treiben wollen, etwas entgegensetzen«, sagte Michael Grünberg.

Insofern haben die Gesprächsrunden von Schalom Aleikum nicht nur eine inhaltliche, sondern auch eine symbolische Dimension.

 

Tel Aviv

Irgendwie Alltag – bis zum Alarm

Eigentlich wollte Jacob Horowitz nur den Halbmarathon in Tel Aviv laufen. Doch dann begann der Krieg mit dem Iran. Wie sich die vergangenen Wochen zwischen Purim, Schutzraum und verschobener Evakuierung anfühlen, das hat er für uns aufgeschrieben

von Jacob Horowitz  12.03.2026

Sport

Vereint am Ball

Jüdische Hobby-Fußballer feiern ihre Gemeinschaft – und möchten in schwierigen Zeiten ein Zeichen setzen

von Christine Schmitt  12.03.2026

Berlin

Interaktives Projekt zur jüdischen Geschichte des Scheunenviertels

Im Scheunenviertel in Berlin-Mitte gibt es seit Mittwoch zehn Straßenmarkierungen auf Jiddisch, Deutsch und Englisch. Über ein interaktives Erinnerungsprojekt wird so an die jüdische Geschichte der Spandauer Vorstadt erinnert

von Markus Geiler  11.03.2026

Solingen

100 Porträts jüdischer Künstlerinnen im Zentrum für verfolgte Künste

Die Ausstellung erzählt von künstlerischen Lebenswegen zwischen Krieg, Verfolgung und Neubeginn, wie das Museum ankündigte

 11.03.2026

Programm

Kakaniens Kinder, Jakobs Zelte und Israels Superfood: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 12. bis zum 19. März

 11.03.2026

Hilfe

Gestrandet in Deutschland

Viele Israelis wurden im Ausland vom Beginn des Krieges mit dem Iran überrascht. Sie finden Unterstützung bei der israelischen und jüdischen Gemeinschaft vor Ort

von Joshua Schultheis  11.03.2026

Meinung

Jüdisches Leben gehört zum Ländle

Nach der Wahl in Baden-Württemberg kann die jüdische Gemeinschaft darauf vertrauen, auch künftig einen zuverlässigen Partner in der Landesregierung zu haben. Einzig das gute Abschneiden der AfD bereitet Sorgen

von Barbara Traub  11.03.2026

Berlin-Neukölln

Wer ist dieser Mann?

Er lehrte arabische Schüler die Geschichte des Holocausts, organisierte einen Austausch mit Israelis und hielt Drohungen stand. Hudhaifa Al-Mashhadanis Geschichte faszinierte die Medien, begeisterte Politiker und schenkte ihm das Vertrauen jüdischer Organisationen. Aber ist alles daran wahr?

von Mascha Malburg  11.03.2026

Berlin

150 Rabbiner am Brandenburger Tor

Ein Fototermin setzt ein Zeichen: Rabbiner zeigen, wie jüdisches Leben heute Europa prägt. Was beim Treffen sonst noch auf dem Programm steht

 11.03.2026