Hamburg

Backbord »Judengut«

Die Barkasse »Anita Ehlers« dümpelt im bräunlichen Wasser der Elbe vor sich hin. Aus den sich spektakulär auftürmenden Wolkenhaufen bricht die Sonne hervor. Ein paar Möwen kreischen in der Ferne, ein Schiffshorn unterstreicht den folkloristischen Charakter der Szenerie.

Eigentlich könnten die Menschen, die sich an diesem Augustsonntag auf dem Schiff eingefunden haben, auch zu einer der Rundfahrten aufbrechen, zu denen jährlich Tausende Touristen im größten Seehafen Deutschlands geködert werden.

Doch die »Anita Ehlers« ist dieses Mal in anderem Einsatz unterwegs. Heute geht es nicht um Seemannsgarn und Störtebeker, die alternative Hafenrundfahrt leuchtet den dunkleren Teil der hanseatischen Geschichte aus.

Zwangsarbeiter Hamburg, eine Stadt, die sich gerne mit ihrem internationalen Flair und dem kaufmännischem Geschick ihrer Handelsleute schmückt, betrieb lange Zeit mehr als nur hanseatisches Understatement, was die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit anging. 1989 zum 800. Geburtstag des Hamburger Hafens gab es aus der Gedenkstätte Neuengamme vor den Toren Hamburgs die Idee, aus diesem Anlass auch der Geschichte der Zwangsarbeiter und des Widerstands im Hafen Raum zu geben.

Gemeinsam mit einer Gruppe Jugendlicher aus verschiedenen europäischen Ländern wurde in einem Workshop die alternative Hafenrundfahrt erdacht. Herbert Diercks, der damals Jugendgruppenleiter war, betreute sie von Anfang an mit und erhebt auch heute gleichzeitig mit dem Brummen der Dieselmotoren seine Stimme mit deutlichem Hamburger Einschlag.

Baakenhafen Gleich hinter dem Kreuzfahrtterminal, wo heute Touristen mit der strahlend weißen »Legends of the Seas« in See stechen, drosselt die Barkasse ihre Fahrt im Baakenhafen. Auf dem Brachland standen einst die Schuppen, in denen das sogenannte Judengut gelagert wurde, erklärt Diercks. Schiffeweise kamen die beschlagnahmten Besitztümer jüdischer Familien aus den Benelux-Ländern und Frankreich. Von dort wurden die Waren in Auktionshäuser gebracht und versteigert, bis während der Bombardierungen die Schuppen geplündert wurden.

»So konnte es passieren, dass plötzlich auch die einfache Hausfrau auf der Veddel einen edlen Pelzmantel trug und wertvolle Teppiche in ihrer Wohnung auslegte«, erzählt Diercks. Hamburg vergisst diesen Teil seiner Geschichte gerne.

Dabei, so zeigt die Tour auch, wäre die Hansestadt ohne die Pläne der Nationalsozialisten kaum zur Weltstadt aufgestiegen. Denn vor 1933 gab es noch den Harburger und den Wilhelmsburger Hafen, die fast gleichbedeutend mit Hamburg waren. Doch Hamburg sollte eine »Führerstadt« werden. Der Slogan, der in der Hansestadt bis heute noch stolz vor sich her getragen wird, galt auch für die Nazis: Hamburg als das Tor zur Welt.

»Führerstadt« Aberwitzige Pläne, wie der Bau einer riesigen Elbbrücke und eines Backsteinhochhauses mit monumentalen beleuchteten Hakenkreuzen, sollten das Antlitz der Stadt komplett verändern. Für die Ziegelproduktion wurde das Konzentrationslager Neuengamme geschaffen. Viele Zwangsarbeiter wurden in dessen Außenlagern, die über ganz Hamburg verteilt waren, eingesetzt. Eine halbe Million Menschen musste in Hamburg während des Krieges Zwangsarbeit leisten, erzählt Diercks.

1000 jüdische Frauen wurden noch im Sommer 1944 aus Auschwitz in den Hafen gebracht, um vor allem nach Bombardierungen der Erdölindustrie durch die Alliierten die Fabriken schnellstmöglich wieder benutzbar zu machen.

Die »Anita Ehlers« biegt jetzt in einen Seitenarm ein, an der Längsseite steht der Speicher G am Dessauer Ufer. Dort waren die jüdischen Frauen untergebracht, später kamen gut 2000 Männer als Zwangsarbeiter hinzu. Kaum sanitäre Versorgung, keine Heizung und kein Schutz bei Bombenangriffen, die Zustände in den Backsteinspeichern waren katastrophal. »Die Sterberate war hier besonders hoch«, erzählt Diercks den andächtig lauschenden Barkassenpassagieren. »In den unteren Geschossen stand teilweise das Wasser, überall war es feucht und schmutzig.«

Altenwerder Dort, wo sich heute die bombastische Köhlbrandbrücke über der Barkasse in die Höhe schraubt, befand sich einst das Dorf Altenwerder. Patron der kleinen Ansiedlung war Paul Berendsohn, der einzige jüdische Werftbesitzer Hamburgs. Berendsohn lebte selbst in dem Dorf, das mittlerweile der Hafenerweiterung weichen musste, bis die zunehmende Propaganda und Verfolgung durch die Nazis ihn zur Flucht aus Hamburg zwangen.

Fast zehn Jahre prozessierte er nach dem Krieg gegen die Stadt, am Ende wurde er finanziell entschädigt. Beim endgültigen Abriss des Viertels im Jahr 2000 stand die Berendsohn-Villa bis zuletzt. Die Söhne hätten gerne wenigstens die hölzerne Tür als Gedenkstätte für das Lebenswerk ihres Vaters erhalten, doch die Stadt zeigte sich bei der Modernisierung erbarmungslos. Nun erinnert nur noch die alternative Hafenrundfahrt an den einstigen Werftbesitzer.

Franco-Regime Die Touristen auf dem voll besetzten Schiff sind beeindruckt von den vielen versteckten Spuren, die sich in den eigentlich so bekannten Ansichten des Hafens verbergen. Die meisten von ihnen sind Senioren und kommen aus Hamburg und Umgebung.

Aufmerksam verfolgen sie Diercks’ Erläuterungen zu den Anfängen der Produktion von Kriegswerkzeug im Hafen, den heimlichen Waffenlieferungen an Francos Regime in Spanien und den immer wieder aufkeimenden Widerstandsbemühungen unter den oft gewerkschaftlich organisierten Hafenarbeitern. Eine Dame flüstert: »Über die Rüstungsindustrie von damals regen sie sich alle auf, aber jetzt passiert in den Werften das Gleiche, und keiner sagt was. Die Menschen lernen wohl nie.«

Inzwischen lädt die Stadt Hamburg immer wieder ehemalige Zwangsarbeiter ein, deren Besuche betreut ebenfalls die Gedenkstätte Neuengamme. Oft machen sie auch eine Hafentour, doch sie erkennen die Orte ihrer Vergangenheit kaum wieder. Zu schnell hat Hamburg diese Geschichte hinter sich gelassen zugunsten des modernen, weltoffenen Wirtschaftsfaktors Hafen. Gut, dass immerhin einmal im Monat Diercks’ Touren an das Schicksal der vielen Tausend Zwangsarbeiter erinnern.

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