Musik

Akkordeonkönig vom Kiez

»Musik ist für mich keine Arbeit«: Jossif Gofenberg besitzt etliche Instrumente. Foto: Omer Messinger

Es soll Momente geben, in denen Jossif Gofenberg mal nicht an die Musik denkt. Die aber sind ausgesprochen rar. Denn bereits morgens beim Aufstehen ist sein Kopf voller Melodien und Überlegungen, wie er Lieder arrangieren könnte, sodass sein Chor sie singen kann und es sich gut anhört. Dabei verwendet der 67-Jährige gerne traditionelle Melodien, für die er jiddische Texte schreibt. Es fällt ihm leicht, denn »alles muss so werden, wie ich es spüre«, sagt er. Erst dann setzt er den Schlussakkord.

Nachmittags hat er Proben mit seinen Klezmerbands »Klezmer chidesch« oder »KlezBanda«, unterrichtet die Nachwuchsgruppe »Klezmärchen« an der Musikschule, und abends probt er mit seinem Chor oder arbeitet als Dozent im Kurs »Lomir alle singen« an der Jüdischen Volkshochschule. Die Auftritte mit seinen Ensembles kann er gar nicht zählen, so viele sind es. Auch mit dem Marionettentheater »Kaleidoskop« ist er im Einsatz.

adrenalin Nach einem Auftritt oder einem Konzert isst er meist noch eine Kleinigkeit, kommt spät nach Hause, fühlt sich »leer« vom Auftritt und braucht erst einmal etwas Zeit, »um Adrenalin vom Auftritt abzubauen und herunterzukommen«. Das seien die Momente, in denen er nicht über Musik nachdenke. Aber Stunden später geht er den Auftritt noch einmal im Geiste durch, überlegt, welche Partien geglückt waren, wo es Unsicherheiten gab. »Musik ist eben mein Leben«, meint er erklärend.

An diesem Abend sitzt Jossif Gofenberg ganz entspannt im Foyer des Gemeindehauses. Die Chorprobe, die er bis eben leitete, ist gerade zu Ende gegangen, und obwohl er sich fast drei Stunden lang konzentrieren musste, wirkt er frisch und munter. Gemeindemitglieder laufen an ihm vorbei, immer wieder steht er auf, um Bekannte zu begrüßen. »Jossel, was machst du denn jetzt noch hier?«, fragen sie ihn dann.

Übersehen kann man Jossif Gofenberg nicht: Groß und kräftig ist er, auffällig sein Pferdeschwanz – sein Markenzeichen. »Der Chor ist wie eine Familie«, sagt er. Und zwar eine singende. Von allen Chormitgliedern kennt er die Lebensumstände – ob die Sänger eine Familie haben, alleine leben, arbeitslos sind oder in Arbeit versinken.

witze Dabei fing sein Leben im ukrainischen Czernowitz nicht unbedingt musikalisch an. Seine Mutter arbeitete als Krankenschwester, sein Vater als Elektriker. »Aber meine Mutter hatte eine schöne Stimme und konnte sehr gut singen«, sagt er. Da die Familie arm war, gab es für ihn »nur« ein Akkordeon. Das brachte sein Vater ihm eines Tages mit, als der Sechsjährige krank war. Sofort stand er auf und fühlte sich wieder gesund. »Klavier war damals nur etwas für reiche Leute«, sagt er. Aber ein Akkordeon, fügt er lachend hinzu, das war schon eher möglich.

Gofenberg liebt Witze. Er erzählt gerne welche – für Humor hat er ebenso ein Gespür wie für Musik. Schon in seiner Geburtsstadt wurde viel musiziert. Da aber für Restaurantbesuche kaum Geld vorhanden war, wurde zu Hause gefeiert. Da kam das Akkordeon gerade recht. Wie viele dieser Instrumente ihn in seinem Leben begleitet haben, kann er nicht sagen. Da er mit viel Energie spiele, seien etliche kaputt gegangen. Derzeit besitzt er fünf bis sechs.

Als Kind erhielt er Unterricht in einer Musikschule. »Musiker ist kein Beruf für einen Mann, Musik ist nur etwas für Frauen« – mit diesen Worten ist er aufgewachsen. Also sollte er einen Abschluss in Elektronik machen – was er auch tat. Dann war er zwei Jahre in der Armee und nutzte die Zeit, um ein Orchester zu gründen, das sowjetische Popmusik spielte. Außerdem spielte er in fast allen Orchestern der Umgebung Akkordeon und Keyboard. Auch als offiziell angestellter Elektriker trat er ständig in Kulturhäusern auf. »Für mich ist Musik keine Arbeit«, sagt er.

vorfahren Schließlich erfüllte sich Gofenberg einen Traum und studierte doch noch Musik – seine Leidenschaft. »Die Leute sagten, dass ich eine sehr schöne Stimme habe, mir war das gar nicht bewusst.« Heute kann er unzählige Lieder aus dem Stegreif singen, einfach so, und sich selbst begleiten. Und das auch ohne Liederbuch.

Besonders das Jiddische liegt ihm sehr am Herzen. Das ist schließlich die Sprache, mit der aufgewachsen ist. »Bis zu meinem sechsten Geburtstag habe ich zu Hause nur Jiddisch und Deutsch gesprochen«, sagt Gofenberg. »Czernowitz gehörte bis 1918 zu Österreich, also zur österreichisch-ungarischen Monarchie. Und da haben meine Großeltern väterlicherseits nur Deutsch zu Hause gesprochen und meine Mutter und Großeltern mütterlicherseits nur Jiddisch.«

Der deutsche Familienname lautete ursprünglich »Hoffenberg«. Seine Vorfahren hießen Kurt, Kamilla, Oskar, Stefanie und Heinrich. Zwei Häuser weiter war die Welt seiner Mutter, das Schtetl. Als Kind habe er kaum Russisch gekonnt und lernte diese Sprache erst in der Schule. Als seine Frau, seine Tochter und er schließlich 1990 ausreisen konnten, hatte er noch etwas Deutsch aus seiner Kindheit im Kopf, paukte die Sprache aber bei seiner Ankunft in Deutschland noch einmal von vorn.

auswanderung Im November traf er in Berlin ein – und erhielt prompt sein erstes Engagement für eine Chanukkafeier. Sein russisches Akkordeon hatte er mitgenommen, aber bereits nach drei Monaten ging es kaputt. »Zu viel Energie«, sagt er lachend.

Ziemlich schnell lernte Gofenberg andere Musiker kennen und begann, Klezmer zu spielen. Das war die Geburtsstunde des Klezmer-Zentrums in der Auguststraße in Berlin-Mitte, als Bereich der Musikschule Fanny Hensel. Mit einem Zimmer und einem Klavier ging es los – heute ist die Musik so gefragt, dass die Kurse und Workshops auf mehrere Räume verteilt sind.

Die ersten Kurse über jiddische Volkslieder gab Gofenberg an der Jüdischen Volkshochschule – dort unterrichtet er immer noch. Etliche seiner Studenten kamen regelmäßig wieder, und so entwickelte sich daraus allmählich das Projekt »Gofenberg und Chor« – eine Gruppe von 25 Juden und Nichtjuden im Alter von 20 bis 80 singen gemeinsam jiddische Lieder. Dafür wurde er 2013 von der Bezirksverordnetenversammlung Mitte mit dem Integrationspreis ausgezeichnet.

kompliment Auch mit 67 denkt Jossif Gofenberg noch lange nicht daran, in den Ruhestand zu gehen. »Auf jedem Konzert werde ich von den Zuhörern gefragt, wann und wo das nächste stattfindet. Solche Komplimente halten mich jung und motivieren mich, weiterzumachen und neue Richtungen einzuschlagen.«

Das neueste Projekt ist die »KlezBanda«, die sich wieder um die Klezmermusik dreht, diesmal jedoch in einem kammermusikartigen Stil, wo es mehr um das Gefühl, die Liebe und jüdische Seele geht.

Die Erste, die seine neuen Arrangements hört, ist Gofenbergs Ehefrau Galina. Und wenn er mal »frei« hat, dann liest er am liebsten Geschichtsbücher und Biografien – über Komponisten und Musik.

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