Jubiläum

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

Der »Amsterdam Machsor« enthält Gebete und liturgische Gedichte nach dem Ritus der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde in Köln. Foto: Klaus W. Schmidt

In Israel wurden aus Deutschland eingewanderte Juden als »Jeckes« bezeichnet. Inzwischen ist der Begriff positiv besetzt, doch in den Jahren rund um die Gründung Israels schwang durchaus etwas Herablassendes, manchmal Abfälliges mit.

Denn die deutschen Juden fielen auf durch ihre penetrante Pünktlichkeit, ihre Disziplin und ihre Art, alles ganz furchtbar genau zu nehmen. Kurz: Sie waren sehr deutsch. Ihre als typisch deutsch betrachteten Eigenschaften empfanden gerade die sefardischen Juden als anstrengend. Und so nahmen sie die Einwanderer viel stärker als Deutsche wahr denn als Juden.

widerspruch Das war kein Widerspruch. Juden lebten seit Jahrhunderten in deutschen Landen. Einen Widerspruch zwischen Deutschen und Juden konstruierten die Nationalsozialisten. In der NS-Ideologie gehörten Juden nicht zur deutschen »Volksgemeinschaft«, bildeten nach ihrer Vorstellung gar eine minderwertige Rasse, die der »arischen« Rasse unterlegen sei.

Einen Widerspruch zwischen Deutschen und Juden konstruierten die Nationalsozialisten.

Obgleich seit Jahrzehnten eine intensive Aufarbeitung der Nazizeit stattfindet, steckt diese Trennung zwischen Deutschen und Juden, diese Ausgrenzung von Juden tief in den Köpfen der hiesigen Bevölkerung. In vielen nichtjüdischen deutschen Familien hat sich der Blick auf Juden als etwas Fremdes über Generationen erhalten. Bei einigen Bürgern mit Herkunft aus dem arabischen Raum finden wir einen tief sitzenden Hass auf Israel, der ebenfalls dazu führt, Juden generell abzulehnen.

Ein Bewusstsein dafür, dass Juden seit 1700 Jahren in Deutschland beziehungsweise auf dem entsprechenden Territorium leben, ist in weiten Teilen der Gesellschaft kaum vorhanden. Ebenso wenig ist den meisten bekannt, wie einerseits jüdische Intellektuelle die deutsche Kultur geprägt haben und wie sich andererseits das Judentum durch den Einfluss seiner Umgebung im Laufe der Jahrhunderte in Deutschland entwickelte.

mehrheitsgesellschaft Was der Münchner Professor für Jüdische Geschichte und Kultur, Michael Brenner, über das Verhältnis der Mehrheitsgesellschaft zu Juden im 18. Jahrhundert schreibt, gilt im Grunde heute noch: »Man sah einiges, verstand aber wenig«.

Wir können es daher gar nicht hoch genug schätzen, dass wir jetzt das Festjahr »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« feiern können. Mein Dank gilt jenen engagierten Bürgern aus Nordrhein-Westfalen und der Kölner Synagogen-Gemeinde, die 2018 den Verein gründeten, der das Festjahr trägt. Inzwischen steht das Jubiläum unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten und hat auch die ausdrückliche Unterstützung der Bundeskanzlerin.

Der Blick auf Juden als etwas Fremdes hat sich über Generationen erhalten.

Gerade im ersten Halbjahr wird die Corona-Pandemie vermutlich noch für einige Veranstaltungen eine Hürde darstellen. Doch auch jenseits der zahlreichen geplanten Projekte in allen Bundesländern gibt es in Deutschland eine Fülle von historischen Zeugnissen jüdischen Lebens – es lohnt sich zu jeder Zeit, diese Stätten zu besuchen.

schum-städte Beispielhaft seien die SchUM-Städte Mainz, Worms und Speyer genannt. Ebenso gibt es in meiner Heimat Franken viele restaurierte Synagogen, die die Geschichte des einstigen Landjudentums erzählen. In Köln dürfen wir uns in wenigen Jahren auf die Eröffnung der Archäologischen Zone und des Jüdischen Museums freuen, in dem das mittelalterliche jüdische Viertel wieder erfahrbar werden wird.

In Thüringen gibt es zum Beispiel in Erfurt und im kleinen Dörfchen Berkach in der Nähe von Suhl ganz wunderbar erhaltene Mikwen sowie Synagogen, die für 900 Jahre jüdisches Leben in Thüringen stehen. In Frankfurt und Berlin zeigen die Jüdischen Museen mit neuen Ausstellungen die jüdische Geschichte.

Und ebenso gibt es überall in Deutschland Zeugnisse, die das über Jahrhunderte sehr schwierige Verhältnis von Christen und Juden widerspiegeln. An zahlreichen Kathedralen findet sich die Statue »Ecclesia«, die die siegreiche christliche Kirche darstellt, sowie die Figur der »Synagoga«, die auf abfällige Weise das Judentum symbolisiert. Noch abstoßender sind die sogenannten Judensauen in vielen alten Kirchen. Hier wurden Juden auf übelste Weise verhöhnt.

zeugnisse Dies sind steinerne Zeugnisse der deutschen Geschichte wie das Leipziger Völkerschlachtdenkmal oder die Reste der Berliner Mauer. Leider müssen wir jedoch immer wieder feststellen, dass viele Bürger mit dem Judentum vor allem die Schoa assoziieren. Damit nehmen sie ausgerechnet jene zwölf Jahre in den Blick, in denen kein normales jüdisches Leben mehr stattfinden konnte und die europäischen Juden fast vollkommen ausgerottet wurden.

Das Wissen über und die Erinnerung an die Schoa sind immens wichtig. Doch sie müssen verknüpft werden mit Kenntnissen über die jüdische Geschichte.

Das Wissen über und die Erinnerung an die Schoa sind immens wichtig. Doch sie müssen verknüpft werden mit Kenntnissen über die jüdische Geschichte seit dem Jahr 321 n.d.Z., über jüdische Religion und Kultur und die jüdische Gegenwart. Nur dann lässt sich auch ermessen, was mit der Schoa zerstört wurde und woran wir heute noch immer nicht vollständig anknüpfen konnten.

Daher brauchen wir weiterhin Forschung sowie eine gute Wissensvermittlung in den Schulen. Denn bei einem Festjahr darf es nicht bleiben. Die Bedeutung des Judentums für Deutschland darf nicht 2022 schon wieder in Vergessenheit geraten.

Der Autor ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Würzburg

Zentralratspräsident Josef Schuster kandidiert erneut

Der Würzburger Internist will auf der Ratsversammlung des Zentralrats der Juden am 29. November für weitere vier Jahre antreten

 20.10.2026 Aktualisiert

Speyer

Nach Drohbrief: Kirchen solidarisch mit Jüdischer Gemeinde

Die beiden großen christlichen Kirchen haben Drohungen gegen die Jüdische Kultusgemeinde der Rheinpfalz in Speyer verurteilt. Die Bedrohung jüdischen Lebens sei nicht hinnehmbar

 20.10.2026

Kulinarik

Koscher kochen auf höchstem Niveau

Tom Franz kreierte ein Drei-Gänge-Menü zum 20-jährigen Jubiläum der Ohel-Jakob-Synagoge

von Vivian Rosen  19.10.2026

Synagoge im sächsischen Görlitz

Görlitz

Erinnerung an das Novemberpogrom im Nationalsozialismus

Nazis und ihre Helfer zerstörten und plünderten in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 jüdische Einrichtungen, Geschäfte und Wohnungen. Juden wurden verfolgt, misshandelt und getötet

 19.10.2026

Lörrach

Tora als Zeichen der Hoffnung

Die Kultusgemeinde lässt eine historische gerettete Rolle restaurieren. Demnächst wird sie im Landtag vollendet

von Christine Schmitt  19.10.2026

Nachruf

Hermann »Mano« Höllenreiner ist tot

Mit neun Jahren wird er nach Auschwitz deportiert. Später wird er unermüdlicher Mahner gegen das Vergessen

 19.10.2026

Holocaust-Mahnmal

Gedenken an deportierte Jüdinnen und Juden am Gleis 17

Etwa 10.000 jüdische Menschen deportierten die Nazis vom Bahnhof Grunewald in Berlin aus in die Vernichtungslager. Beim Gedenken an die Opfer nehmen die Redner auch die Gegenwart in den Blick

 18.10.2026

Rezension

Wie wurden wir, was wir wurden?

Der Judaist Peter Schäfer erzählt in seinem Buch die Geschichte des aschkenasischen Judentums – faktengesättigt, klar gegliedert und mit einer provokanten These zu Mutterland und Diaspora

von Michael Wolffsohn  18.10.2026

München

Das Grauen sehen

Bei der Premiere eines Films über die Familie Bibas und das Hamas-Massaker vom 7. Oktober sprechen die Regisseurin und ein Psychologe über das Verbrechen und die Wirkung der Aufnahmen

von Michael Schleicher  18.10.2026