Unterricht

Wenn Lehrer lernen

»Das hier ist das Alte Ägypten«, sagt Nurith Schönfeld und streicht über eine graue Mülltüte, die sie vor ihren Knien auf den Boden gelegt hat. Dann lässt sie die Finger durch den Sand daneben gleiten. »Und das ist die Wüste«, sagt sie. »Hier sind wir frei. Aber man kann auch verloren gehen.«

Gebannt lauschen die Seminarteilnehmer Schönfelds Erzählung. Eigentlich kennen sie die in- und auswendig: Sie sind Religionslehrer, und jetzt, kurz vor Pessach, steht wie jedes Jahr der Auszug aus Ägypten auf dem Lehrplan. Doch durch das kleine Schauspiel auf dem Boden verändert sich die Perspektive auf den Exodus. »Ich frage mich«, sagt Nurith Schönfeld langsam, ohne die Augen von der Szenerie vor ihren Knien abzuwenden, »was mehr Angst macht: das Bekannte, das hinter dir liegt, oder das Unbekannte vor dir«.

Auf der Tagung werden die erfahrenen Lehrer wieder zu Schülern.

Die Methode des »Torah Godly Play«, die Nurith Schönfeld hier vorführt, wurde von Rabbiner Michael Shire entwickelt. Es geht darum, durch Erzählen, Zeigen und Zuhören spirituelle Erfahrungen zu ermöglichen, die zu Sinnfindung, Identitätsfindung und Gottesbeziehung führen.
Die jüdische Religionslehrerin hat sie bereits mit einer Klasse ausprobiert, die als besonders schwierig galt. »Plötzlich öffneten sich die Schüler und sprachen über ihre Erfahrungen«, erzählt die Lehrerin. »Bei manchen Kindern kann der Auszug aus Mizrajim Assoziationen zur eigenen Fluchtgeschichte wecken, andere denken vielleicht an die Zeit der Scheidung ihrer Eltern, die voller Unsicherheiten war.« Die Methode funktionierte so gut, dass Schönfeld sie nun anderen Lehrkräften vermitteln möchte.

Grundlagen der Didaktik können die Lehrerinnen und Lehrer in Heidelberg auffrischen.

Vernetzung Ende Februar trafen sich etwa 30 jüdische Religionslehrerinnen und -lehrer an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Organisiert vom Zentralrat der Juden in Deutschland in Kooperation mit der Zentralwohlfahrtsstelle (ZWST) bot die jährliche Tagung bereits zum zehnten Mal Pädagoginnen und Pädagogen Raum für Weiterbildung, Vernetzung und Austausch. Dabei werden Best-Practice-Modelle unter Kollegen geteilt, wie das von Nurith Schönfeld, aber auch Impulse von außen gesammelt. So waren in diesem Jahr Professorinnen, Rabbiner, eine Psychoanalytikerin und sogar eine Judaistin aus Israel angereist.

Oft sei der Schulalltag zu stressig für einen Blick über den Tellerrand, weiß Mascha Schmerling, Bildungsreferentin beim Zentralrat der Juden in Deutschland, die die Tagung organisiert hat: »Lehrkräfte stehen bei der Unterrichtsvorbereitung unter großem Zeitdruck. Unsere Seminare geben ihnen die Möglichkeit, neue Ideen in die Schule mitzunehmen«

Aber auch Grundlagen der Didaktik können die Lehrerinnen und Lehrer in Heidelberg auffrischen. So zeigt Rainer Goltz in seiner Session auf, wie man die im Religionsunterricht so häufig vorkommenden mündlichen Beiträge und sonstige Mitarbeit bewertet. Goltz ist ein erfahrener evangelischer Religionslehrer und bildet andere Pädagogen aus. Ab 2017 hat er in Nordrhein-Westfalen auch die ersten jüdischen Religionslehrer des Bundeslandes ausgebildet.

Goltz erinnert sich mit einem Lächeln an diese Zeit. »Im Gegensatz zu meinen evangelischen Studenten stellen die jüdischen viele kritische Fragen. Wir hatten viele gute Diskussionen.« Letztlich ging es darum, die alte Tradition der jüdischen Wissensweitergabe zu einem staatlichen Schulfach zu machen.

Anders als etwa im privaten Barmizwa-Unterricht in der Synagoge oder im Konfirmandenunterricht in der Kirche geht es in der Schule nicht darum, die Schüler zu »besseren Juden, Christen oder Muslimen« zu erziehen, sondern darum, die eigene Religion kennenzulernen, ihre Geschichte und Werte zu verstehen und sich als Anhänger dieser Religion in der Gesellschaft positionieren zu können.

Auf der Tagung schlüpfen die gestandenen Lehrer wieder in die Rolle ihrer Schüler. »Bitte teilt euch in Zweiergruppen auf«, sagt Talmudexperte Yona-Dvir Shalem. Das dauert ein bisschen. Einem, der zu spät kommt, wird flüsternd die Aufgabe erklärt.

Dann erhebt sich ein vielstimmiges Murmeln auf Deutsch und Hebräisch: Die Lernpaare – sogenannte Chawrutot – entziffern Talmudpassagen.

Dann erhebt sich ein vielstimmiges Murmeln auf Deutsch und Hebräisch: Die Lernpaare – sogenannte Chawrutot – entziffern Talmudpassagen, argumentieren und widersprechen einander. Die Geräuschkulisse gleicht der in einem Beit Midrasch in Jerusalem, doch das Bild ist vielfältiger: Jüdische Religionslehrer in Deutschland tragen Hemd und schwarze Samtkippa, aber auch Piercings und Jeans; ein Herr im Tweed diskutiert mit seiner jungen Kollegin in bunten Turnschuhen.

Im Text geht es um die Frage, was mit einem Sohn geschehen soll, der weder auf seine Eltern noch auf die Ältesten hört. Die Strafe, die hier vorgeschlagen wird, ist drakonisch. »Eine Steinigung?! Wie erklärt ihr euren Schülern solche Texte?«, fragt eine Lehrerin. Später zweifelt ein junger Kollege, ob seine Schüler überhaupt das Bild der Züchtigung durch Gott verstehen. »Sie kennen nicht mal Hausarrest. Wie können wir ihnen das vermitteln?«, fragt er.

»Wir müssen mit den Texten ringen, wie Awraham einst mit Gott«, schließt Talmudexperte Shalem seine Session. »Die Herausforderungen für Religionslehrkräfte sind heute vielfältig«, stellt Organisatorin Mascha Schmerling fest. Einerseits gehe es um die immerwährende Aufgabe, alte Texte und jüdische Ethik so zu vermitteln, dass sie für Schülerinnen und Schüler in der Gegenwart lebendig und relevant werden. Andererseits seien neue Anforderungen hinzugekommen: »Im vergangenen Jahr haben wir uns intensiv mit den Folgen des 7. Oktober beschäftigt«, erzählt Schmerling. »Dieses Thema schwingt natürlich weiterhin mit. Zugleich haben wir diesmal einen anderen Schwerpunkt gesetzt.« Auf der Tagung stehen gleich zwei Seminare zur Künstlichen Intelligenz auf dem Programm.

In einem davon ermutigt Zeev Slepoy seine Kollegen zu einem gelassenen Umgang mit der neuen Technologie: »Ich werde euch zeigen, dass Künstliche Intelligenz im Grunde mit ähnlichen Methoden arbeitet wie unsere jüdischen Dogmatiker«, sagt er schmunzelnd. Schriftliche Hausaufgaben stelle er inzwischen nicht mehr – die würden ohnehin von ChatGPT verfasst. Stattdessen lässt er seine Schülerinnen und Schüler kurze Videos zu einem Thema produzieren, ganz im Stil von TikTok. Slepoy ist sich sicher: »Wir können die Kluft zwischen uns und den Jugendlichen überbrücken.«

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