Taschlich

»Wasser haben meine Seele erreicht«

Taschlich-Zeremonie in Dynow, Polen Foto: Benyamin Reich

Das hebräische Wort Taschlich bedeutet »(du sollst) werfen« und meint damit das symbolische Wegwerfen unserer Sünden in ein Gewässer an Rosch Haschana. Es ist auch das erste Wort, das bei dieser Zeremonie gelesen wird. Es steht in Micha 7,19: »Du wirst all unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.«

Am Nachmittag des ersten Neujahrstages (wenn Rosch Haschana auf einen Schabbat fällt, ist es der zweite Tag), geht man nach dem Minchagebet an einen Fluss, ans Meer, an einen See, Teich oder an eine Quelle oder – wenn gar kein anderes Gewässer erreichbar ist – zu einem Behälter mit Wasser.

Dort spricht man verschiedene Buß- und Bittgebete (je nach Tradition können diese unterschiedlich sein) und die Verse 18 und 19 von Micha 7. Danach stülpt man seine Hosentaschen, in die man vorher kleine Brotkrumen gelegt hat, nach außen und entleert sie vollständig, möglichst direkt ins Wasser.

Fische
Der Kabbalist Jeschajahu HaLevi Horowitz (16./17. Jahrhundert) erklärt, dass im Gewässer möglichst Fische sein sollten. Denn der Mensch kann sich, wie Fische im Netz, in seinen Sünden verfangen. Doch durch die Teschuwa (Umkehr) hilft uns G’tt, sich davon zu befreien. Fische haben zudem keine Augenlider, ihre Augen sind also zu jeder Zeit weit geöffnet, was uns bewusst machen soll, dass G’tt uns immer überwacht und gnädig auf uns schaut.

Das Taschlich-Ritual wird von allen Strömungen und Gruppierungen begangen, von Reform bis charedisch, von aschkenasisch bis sefardisch. Ob am Rhein in Düsseldorf, dem Mittelmeer in Italien, an einem kleinen Bach in Ungarn oder einem Brunnen in Bulgarien – die Orte für Taschlich sind ganz vielfältig.

Jerusalem Ein ganz besonderes Erlebnis für mich war das Taschlich am Maajan Haschiloach, dem Silwan Pool in Jerusalem, südlich des Tempelbergs. Diesen Ort beschreibt schon der Prophet Nehemja (3,15). Er wird als eine der Quellen von Taschlich zitiert: »Da versammelte sich das ganze Volk wie ein Mann auf dem Platz vor dem Wassertor ... am ersten Tag des siebten Monats« (8, 1–2).

Wo genau der Ursprung von Taschlich liegt, ist allerdings unbekannt. Im Talmud wird es nicht erwähnt. Bei uns Aschkenasim ist es der Maharil, der den Brauch Ende des 14. Jahrhunderts zum ersten Mal beschreibt.

Als Grundlage zitiert er einen Midrasch: Als Awraham seinen Sohn Jizchak zur Akeda bringen wollte, erschien ihm Satan in Form eines Flusses, um das Erfüllen dieser Mizwa zu verhindern. Awraham trat unbeirrt in den Fluss. Als das Wasser seinen Hals erreichte, rief er: »Rette mich, G’tt, denn die Wasser haben meine Seele erreicht« (Psalm 69,2). Daraufhin verschwand Satan.

Die Taschlich-Zeremonie am Flussufer soll an Awrahams Verdienst der Akeda erinnern. Die Akeda ist wiederum ein wichtiger Teil von Rosch Haschana. Die Geschichte ist nicht nur Bestandteil der Toralesung am zweiten Tag, sie ist auch der Ursprung des Schofar, das wir im Monat Elul und am jüdischen Neujahrsfest blasen.

Krönungszeremonie Eine andere Erklärung für das Taschlich ist die Krönungszeremonie der jüdischen Könige. Im alten Israel war es üblich, einen neuen König am Fluss zu salben. An Rosch Haschana proklamieren wir G’tt zum König und Herrscher der Welt. Im ersten Buch Schemuel (7,6) steht unmittelbar vor der Salbung des ersten jüdischen Königs: »Und sie schöpften Wasser und gossen es vor G’tt.« Viele Rischonim (mittelalterliche Bibelkommentatoren) verstanden das so, dass die Israeliten zur Buße ihre Herzen wie Wasser vor G’tt ausschütteten.

Das Wasser ist auch Symbol der Reinigung. Im Talmud (Joma 85b) heißt es: »So wie die Mikwe den Unreinen reinigt, so reinigt G’tt Israel.« Das Wasser soll uns also bei unserem spirituellen Reinigungsprozess helfen.

Natürlich kann uns das Taschlich-Ritual nicht von den Sünden des vergangenen Jahres befreien. Die Symbolik und der konkrete, physische Akt des Wegwerfens der Sünde kann uns aber helfen, den spirituellen Prozess der Umkehr anzugehen. Wenn wir das schaffen, dann haben wir das Ziel dieser kleinen Zeremonie erreicht.

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