Talmud-Legende

Warum Rabbi Akiva mein Held ist

Ein orthodoxer Mann in Tiberias am Kinneret, wo Rabbi Akiva begraben sein soll Foto: Flash 90

Rabbi Akivas Leben (etwa 40–137 n.d.Z.) ist ein faszinierendes Märchen der Erleuchtung, die Geschichte eines Mannes von bescheidener Herkunft, der alles überwand, um so Größe zu erwerben. Ich möchte einige der Höhepunkte seiner Biografie umreißen und zeigen, warum ich glaube, dass Rabbi Akiva als persönliches Vorbild für uns alle dienen kann.

Akiva ben Joseph, wie er ursprünglich hieß, begann sein Leben als Hirte. Bis in seine mittleren Jahre war er völlig ungebildet. Man kann bei ihm nicht wirklich von jüdischer Abstammung sprechen (Talmud Brachot 27b). Seine Vorfahren waren Konvertiten. In seinem späteren Leben zu wahrer Größe aufgestiegen, vergaß er nie, wer er war oder wo er herkam.

Sein Lieblingsgrundsatz war: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« (4. Buch Mose 19,18). Reich oder arm, einfältig oder gelehrt, groß oder klein, stark oder schwach: Wir sind alle Kinder G’ttes. G’tt und seine Tora sind nicht das Monopol der Weisen oder Hochgeborenen. Für G’tt sind wir alle wertvoll.

Wendepunkt Der Midrasch (Avot de-Rabbi Natan 6:2) zeigt den Wendepunkt im Leben Rabbi Akivas auf. Eines Tages, er war 40 Jahre alt, kam Akiva an einem Brunnen vorbei. Er sah einen Stein mit einem eingemeißelten Loch in der Mitte, fragte: »Wer hat den Stein gemeißelt?« und erfuhr, dass der Stein durch das langsame, aber stetige Tropfen des Wassers diese Form angenommen hatte.

Akiva überlegte: Wenn ein Stoff, der so weich ist wie das Wasser, mit langsamer, andauernder Bewegung einen Stein durchdringen kann, dann kann auch die Tora, die hart ist wie Eisen, langsam, aber sicher in mein Herz eindringen. Und das war der Wendepunkt. Umgehend zog er los, um die Tora zu studieren – 24 Jahre lang, ohne Unterbrechung.

Als Akiva daran ging, die Tora zu studieren, heuerte er weder einen Privatlehrer an, noch trat er einem Studienprogramm für Erwachsene bei. Er schrieb sich auch nicht für einen anonymen Online-Kurs ein. Der Midrasch beschreibt, wie er mit seinem jüngsten Sohn einen Cheder besuchte, um zusammen mit den kleinen Kindern das Alefbet zu lernen. Und wieder zeigte sich seine Demut. Er fand es überhaupt nicht peinlich, mit den Kleinen in die Schule zu gehen; seine eigene Würde war ihm egal. Er setzte sich hin, um zu lernen.

Intelligenzquotient Es ist auch nicht so, dass Rabbi Akiva schon immer einen IQ von 180 hatte. Während all der Jahre als Hirte hatte seine Intelligenz brachgelegen. Er musste hart arbeiten, um der zu werden, der er war.

Rabbi Akiva hatte trotz seines späten Starts einen deutlichen Vorteil gegenüber seinen Kollegen. Anders als sie, die ihr Studium als kleine Kinder begannen, kam er dazu, als er bereits erwachsen war. Und in der Folge sah er die Tora mit erwachsenen Augen. Für ihn war nichts selbstverständlich, nie sagte er: »So sind die Dinge nun einmal.« Rabbi Akiva erkundete jeden Aspekt des Judentums aufs Neue und entdeckte Wahrheiten, wo andere nicht einmal hinsahen.

Einen großen Teil seines Ansehens hatte Rabbi Akiva seiner treuen Frau Rachel zu verdanken. Sie »entdeckte« ihn. Er arbeitete als Hirte für einen der reichsten Männer seiner Zeit, Kalba Savua. Kalbas Tochter fand Gefallen an dem armen Hirten, mochte seine Bescheidenheit und seinen edlen Geist. Sie machte ihm einen Heiratsantrag, unter der Bedingung, dass er die Tora studiere. Er war einverstanden, sie heirateten heimlich. Kalba enterbte seine Tochter auf der Stelle, und das junge Paar lebte viele Jahre in bitterer Armut (Talmud Ketubot 62b).

Wäre Rachel nicht gewesen, wäre Akiva ohne Zweifel ein namenloser Hirte ohne große Zukunft geblieben. Doch sie glaubte an ihn. Rachel entsagte einem Leben in Reichtum, um Akiva ein Zuhause zu geben, weil sie wusste, dass er das Zeug dazu hatte, ein großer Mann zu werden. Und als er so weit war, ermutigte sie ihn, das Haus zu verlassen, um zu studieren.

Rabbi Akiva hat es im wahrsten Sinne des Wortes »geschafft«. Er wurde wohlhabend. Er wurde von allen verehrt und bewundert. Man suchte und schätzte seine Meinung zu allen Fragen des jüdischen Lebens. Dennoch vergaß er nie, wo er herkam. Er war immer noch einer aus der großen Masse. Er wusste, wie es war, arm, unbekannt und ungebildet zu sein.

Verlust
Nachdem er Ruhm erlangt hatte, wurde Rabbi Akiva der Lehrer und spirituelle Mentor einer verblüffenden Zahl von 24.000 Schülern. Wie der Talmud (Yevamot 62b) berichtet, starben sie alle innerhalb eines extrem kurzen Zeitraums – in den Wochen zwischen Pessach und Schawuot – aufgrund einer Epidemie. Und die Welt war öde, wie es der Talmud ausdrückt. Die menschliche Tragödie war verheerend, der Verlust für die Tora-Welt unvorstellbar.

Wenn jemals jemand in dieser Welt gelebt hat, dem man es verzeihen könnte, seine verbleibenden Jahre in einem Gefühl dumpfen Selbstmitleids verplempert zu haben, dann ist es Rabbi Akiva. Doch Rabbi Akiva rappelte sich auf und fing von vorne an. Wie der Talmud weiter berichtet, fand er fünf neue Schüler, die die 24.000 ersetzten.

Statt zahllose Schüler zu sammeln, konzentrierte er sich auf fünf wertvolle Seelen, die mit vereinten Kräften die Tora in ihrer früheren Herrlichkeit wiederherstellen würden. Sicherlich hat sich Rabbi Akiva nie von dem Schmerz über den Verlust erholt. Doch er ließ sich von seiner Unfähigkeit, eine Erklärung zu finden, nicht von seiner Lebensaufgabe abhalten.

Optimismus Im Rückblick auf sein schwieriges Leben sah Rabbi Akiva die Güte Gottes in allem, was ihm zugestoßen war – nicht nur in seinem persönlichen Leben, sondern ebenso in allen sonstigen Ereignissen auf der Welt. Berühmt wurde er für den Ausspruch: »Alles, was G’tt tut, ist zum Guten.«

Nach ihrem heroischen Leben wäre es Rabbi Akiva und Rachel zu wünschen gewesen, glücklich und zufrieden zu leben bis ans Ende ihrer Tage. Doch auch das sollte ihnen verwehrt bleiben. Der Talmud (Brachot 61b) beschreibt das bittere Ende von Rabbi Akiva. Er wurde verhaftet, und die Römer machten ihm den Prozess wegen seines »Verbrechens«, öffentlich die Tora zu lehren. Er wurde im Sinne der Anklage für schuldig befunden. Sie folterten ihn zu Tode und zogen ihm die Haut mit zugespitzten Eisenkämmen ab.

Rabbi Akiva nahm die Bürde, die ihm der Himmel auferlegt hatte, an und verbrachte seine letzten Minuten auf Erden damit, das Schma Jisroel zu sprechen. Seine Schüler fragten ihn: »Unser Lehrer, so weit gehst du?!«

Er antwortete: »Das Schma Jisroel lehrt uns, Gott mit unserer ganzen Seele zu lieben (5. Buch Mose 6,5), und ich verstehe darunter: ›… auch wenn sie dir deine Seele nehmen‹. Mein ganzes Leben habe ich mit diesem Vers gerungen: Würde ich Gott wirklich lieben, selbst wenn sie mir meine Seele wegnehmen? Jetzt habe ich endlich die Gelegenheit, es zu zeigen. Wie sollte ich es nicht tun?« Und während der Rabbi »Der Ewige ist einzig« sprach, verließ seine Seele ihn.

Rabbi Akiva gilt als einer der »zehn Märtyrer«, die von den Römern ermordet wurden – die zehn führenden Tora-Riesen, die während und kurz nach der Zerstörung des Zweiten Tempels ihr Leben verloren. Er war einer von uns: Seine Geschichte ist unsere Geschichte, sein Leben ist unser Leben. Er begann seine Tage einfach und demütig wie so viele von uns, doch er wuchs und wurde zu dem, von dem wir alle wissen, auch wir könnten so sein wie er. Möge sein Angedenken ein Segen sein.

Übersetzung und Nutzung mit freundlicher Genehmigung von www.aish.com

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