Kleidung

Wann ist ein Jude religiös?

Die Kopfbedeckung allein sagt nichts über die Frömmigkeit eines Juden aus: Selichot-Gebete an der Kotel in Jerusalem im Oktober 2022 Foto: Flash90

Wer kennt sie nicht, die Bilder von vermeintlich religiösen Juden, die immer wieder gerne in den Medien abgebildet werden? Mit langen Mänteln, krausen Bärten und ausladenden Hüten. Oder mit Gebetsmantel und Kippa. Mal schaukelnd ins Gebet vertieft. Mal über jüdischen Schriften brütend. Das muss er wohl sein, so muss er wohl aussehen: der Idealtyp des frommen Juden. Religiosität in menschlicher Form. G’ttesfurcht in Reinkultur.

Aber lässt sich Religiosität tatsächlich an Äußerlichkeiten ablesen? Bei vielen Religionen scheint die Gleichung durchaus aufzugehen. Schließlich begegnet uns die Assoziation bestimmter Kleidungsstile oder anderer Äußerlichkeiten mit einem besonders frommen oder heiligen Leben auch dort. Man denke nur an christliche Priester oder Nonnen oder an buddhistische Mönche.

wechselwirkung Wie aber sieht es im Judentum aus? Funktioniert der Rückschluss auch hier? Sprich: Lassen Kleidungsstil und rituelle Ausdrucksformen auf den Religiositätsgrad schließen? Gibt es vielleicht sogar eine direkte Wechselwirkung?

Ein langer Bart oder eine Kippa sind noch keine Garantie für einen religiösen Lebenswandel.

Dafür muss zunächst die Frage geklärt werden, was Religiosität eigentlich bedeutet. Oder anders ausgedrückt: wann jemand als religiös gilt.
Prinzipiell meint Religiosität die gewissenhafte Berücksichtigung bestimmter Vorschriften. Oder die Sorgfalt im Umgang mit ebendiesen. Wobei hinter diesen Vorschriften jeweils etwas Überirdisches, Übernatürliches, Transzendentes steht. Im Judentum: der eine und einzige G’tt der hebräischen Bibel.

ZEREMONIEN Hier allerdings wird es kniffelig. Denn einerseits gibt es eine Reihe von Ritualen und Zeremonien, die typisch für das Judentum sind. An denen man Juden erkennt. Die gerade in Abgrenzung zu anderen Religionen besondere Bedeutung gewinnen. Mitunter sogar just aus diesem Grund entstanden sind. Und andererseits besteht das Risiko, diesen sichtbaren und wahrnehmbaren Ausdrucksformen zu viel Bedeutung zuzuschreiben und daraus falsche Rückschlüsse zu ziehen.

Sprich: Es besteht das Risiko, sich von Äußerlichkeiten täuschen zu lassen.
Nicht umsonst beschreibt die Tora immer wieder, was passiert, wenn die Prota­gonisten sich von dem äußeren Schein, dem Visuellen, dem optisch Wahrnehmbaren verführen, täuschen oder in die Irre leiten lassen. Oder wenn sie zu schnell vom Äußeren auf das Innere schließen.

Und genau hier liegt die Krux: in dem vorschnellen Rückschluss von Äußerlichkeiten auf den Grad der Religiosität. In diese Falle tappen Juden wie Nichtjuden gleichermaßen. Zumal diesen Fehlvorstellungen ein völlig falsches Verständnis von Religiosität und Frömmigkeit im Judentum zugrunde liegt.

fundamente Warum das so ist? Vor allem, weil das Judentum ein duales System ist, das sich nicht ohne Weiteres in einfachen Gleichungen ausdrücken lässt. Konkret heißt das Folgendes: Das Judentum steht auf zwei Beinen. Ruht auf zwei Fundamenten. Und zwar auf den Gesetzen zwischen Mensch und Mitmensch einerseits und auf den Gesetzen zwischen Mensch und G’tt andererseits.

Anders gesagt: Es ist die Verbindung von ethischem Verhalten und ritueller Praxis. Oder kurz und knackig: Das Judentum beruht auf Moral und Heiligkeit. Im Idealfall geht beides Hand in Hand. Verschränken sich Zwischenmenschlichkeit und Heiligkeit, bedingen sich Ethik und Ritual – und bilden ein ausbalanciertes Ganzes.

Das bedeutet andersherum: Ein Jude ist eigentlich nur dann ein religiöser Jude, wenn er sowohl die moralisch-ethischen als auch die heiligenden Gebote ernst nimmt. Wenn ihm Mitmenschlichkeit so wichtig ist wie Ritualgesetz. Wenn er mindestens so hart daran arbeitet, ein guter Mensch zu werden, wie er daran arbeitet, ein heiliges Leben zu führen. Genau genommen, führt das eine sogar zum anderen, bewahrt das eine das andere, schützt die Heiligkeit das Sittliche.

Die Frage von Religiosität hängt also direkt davon ab, ob, inwiefern und inwieweit ein Jude die Ge- und Verbote erfüllt. Und zwar die ethischen ebenso wie die rituellen. Es kommt weniger darauf an, was und woran er glaubt, als vielmehr darauf, was er tut. Und es kommt in der Regel auch nicht so sehr darauf an, wie er sich kleidet oder wie demonstrativ er das Judentum vor sich herträgt. Sondern dass er die einen Gesetze nicht auf Kosten der anderen opfert. Oder die anderen zugunsten der einen überbetont. Das jüdische Gesetz ist ein ausbalanciertes Ganzes. Ein ausgewogenes System, das nach Möglichkeit nicht aus dem Gleichgewicht gebracht werden sollte. Dann kann es seinen Zweck erfüllen und seine Kraft entfalten.

REALITÄT Das ist jedenfalls das Ideal. Die Realität sieht indes gelegentlich anders aus. Was daran liegt, dass die Menschen, die dieses System nutzen, meist nicht allzu ausgewogen und ausbalanciert sind. Ganz und gar nicht. Vielmehr neigen sie oft dazu, das eine oder das andere überzubetonen. Hinzu kommt ein ganz praktisches Problem: Ethik und Moral sind oft schwer zu erkennen. Sie werden mitunter nur im direkten Umgang sichtbar und bleiben für viele gänzlich verborgen.

Ritual und Zeremonie hingegen wirken größtenteils plakativ und demonstrativ. Das heißt: Man wird seltener beobachten können, ob und wann jemand ethisch handelt. Zumindest dann nicht, wenn es nicht öffentlich und für alle sichtbar geschieht. Sondern wenn es, wie so oft, im persönlichen, privaten oder zwischenmenschlichen Bereich stattfindet.

Das wiederum heißt: Kaum jemand erfährt, ob man regelmäßig für gute Zwecke spendet. Kaum einer sieht, ob man im Geschäftsleben ehrlich agiert oder faire und ausgewogene Urteile über andere fällt. Ob man nachtragend ist oder großherzig. Ob man üble Nachrede betreibt oder regelmäßig lügt. Wie man hinter verschlossenen Türen mit den Eltern, dem Ehepartner und den Kindern umgeht. Ob man Steuern hinterzieht oder betrügt. Ob man den Ehepartner hintergeht oder korrupt ist. Ob man den Nächsten liebt oder den Fremden.

Und kaum eine Person erahnt, welche Anstrengungen der Einzelne unternimmt, um all den Myriaden von ethisch-moralischen Geboten auch nur im Ansatz gerecht zu werden.

RITUALGESETZE Viel häufiger zu beobachten ist dagegen, ob jemand Ritualgesetze ausführt oder nicht. Denn: Es ist viel leichter, die rituellen Gebote vor den Augen anderer auszuführen, sie öffentlich zu exerzieren, um dadurch zu beweisen, wie ernst man es denn meint.

Das Judentum ist ein duales System – es beruht auf Moral und Heiligkeit.

Die Rituale und Heiligkeitsvorschriften werden deshalb mitunter überbetont, sodass ein jeder sofort erkennen kann, dass man es wohl mit einem besonders frommen Menschen zu tun haben muss. Diese Tendenzen erlebt man vor allem innerhalb der jüdischen Gemeinschaft selbst.

Denn dadurch glauben manche, einen Weg gefunden zu haben, ihre eigene Position in der himmlischen Liga veranschaulichen zu können. Da wird die demonstrative Zurschaustellung der eigenen Observanz zu einem religiösen Gradmesser gemacht. Die eigene Stellung wird überhöht, und ein wohliges Gefühl von Erhabenheit macht sich breit. So muss es sich wohl anfühlen, einen Heiligenschein zu tragen. Außerdem kann auf diese Weise jedem anderen Juden auf den ersten Blick klargemacht werden, wer als Himmelsstürmer in der Bundesliga G’ttes spielt und wer lediglich in der Kreisklasse herumdümpelt.

Dann gibt es keine Vorschrift, die nicht noch weiter verschärft werden kann, um durch deren Befolgung nicht noch mehr an Heiligkeit zu gewinnen. Denn mehr geht immer. Dann ist koscher nicht mehr genug. Es muss extrakoscher sein. Und die Gebete können nicht lang genug sein, der Bart auch nicht. Und überhaupt kann dann ein jeder – vor allem ein jeder Jude und natürlich der Ewige selbst – sehen, wie g’ttesfürchtig, wie fromm, wie religiös man doch ist.

FALLE Und schon ist man direkt wieder hineingetappt in die Falle falsch verstandener Religiosität, in die Dunkelkammer des Denkens, in die bunte Welt des Irrtums. Denn ein Jude kann noch so fromm daherkommen und tun. So peinlich genau jede zeremonielle Vorschrift beachten. So idealtypisch aussehen. Wenn er aber die zwischenmenschlichen Gesetze missachtet, wenn er die Ethik vernachlässigt, wenn er dem Himmel stets den Vorzug vor der Erde gibt, dann ist er eines bestimmt nicht: nämlich ein religiöser Jude.

Nur wenn das Himmlische und das Zwischenmenschliche ebenbürtig sind, wenn beide ihren Niederschlag im alltäglichen Handeln finden, dann – und nur dann – können wir von echter Religiosität sprechen. Von Frömmigkeit, die sich in der Liebe zu und der Furcht vor G’tt ebenso ausdrückt wie in der Achtung und dem Respekt vor dem anderen.
Äußerlichkeiten, ein bestimmter Kleidungsstil oder Ähnliches, können dafür durchaus Indizien sein. Können durchaus Anhaltspunkte geben. Sie können aber leider auch in die Irre führen.

Deshalb sollte man sich davor hüten, andere Menschen vorschnell zu beurteilen. Und das wiederum gilt nicht nur für Juden. Ganz im Gegenteil.

Der Autor ist Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen.

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