Talmudisches

Von Macht und Missbrauch

Jeder sollte seine Macht als geliehen betrachten. Foto: Getty Images / istock

Im Monat Elul vergeben wir unseren Mitmenschen und bitten sie um Verzeihung. Wir bereiten uns auf Rosch Haschana vor, den Tag, an dem der Mensch erschaffen wurde und jedes Jahr aufs Neue über ihn gerichtet wird. Teil dieser Vorbereitung sind die Slichot-Gebete, die Bitten um Vergebung. Das Volk und jeder Einzelne suchen vor Rosch Haschana und Jom Kippur die Vergebung G’ttes und die Vergebung der Mitmenschen.

Der Talmud berichtet, dass G’tt die Sünden zwischen dem Menschen und G’tt vergeben kann, nicht aber die zwischenmenschlichen Sünden. Wenn man also gegen ein rituelles Verbot verstoßen hat, so kann man G’tt um Verzeihung bitten und im Falle einer ernst gemeinten Entschuldigung von Vergebung ausgehen. Wenn man aber den Mitmenschen verletzt hat, so muss der verletzte Mitmensch das Vergehen vergeben.

Rabbi Jossi Bar Chanina geht sogar so weit, dass er sagt: »Man bittet den Mitmenschen um Vergebung, und wenn er schon gestorben ist (bevor man die Möglichkeit hatte, sich zu entschuldigen), so geht man mit zehn Menschen zum Grab der Person, die man verletzt hat, und bittet dort um Vergebung« (Joma 87a).

VERLETZUNG Wir sehen aus den talmudischen Quellen, wie wichtig es ist, eine verletzte Person um Verzeihung zu bitten. Vielleicht liegt die Wichtigkeit der Entschuldigung darin begründet, dass jede Verletzung des anderen ein potenzieller Missbrauch von Macht ist – Macht, die uns von G’tt gegeben wurde, ja, anvertraut und geliehen wurde, damit wir diese Welt und unser Leben damit aufbauen.

Im biblischen Buch Daniel wird die Idee von G’tt als Quelle und Geber der Macht ausdrücklich beschrieben. So sagt Daniel: »Gelobt sei der Name G’ttes von Ewigkeit zu Ewigkeit, denn Ihm gehören Weisheit und Stärke. Er ändert Zeit und Stunde, er setzt Könige ab und setzt Könige ein« (2, 20–21).

Ein König wird also zum König, weil der Schöpfer ihn zum König macht.

Ein König wird also zum König, weil der Schöpfer ihn zum König macht. Und ein König verliert sein Königtum, weil der Schöpfer ihm das Königtum nimmt. Jeder soll die Macht als geliehen betrachten.

Daraufhin spricht der Prophet Daniel zu Nebukadnezar, dem mächtigsten König der damaligen Zeit, und sagt: »Du, König (…), dem der Gott des Himmels Königreich, Macht, Stärke und Ehre gegeben hat« (2,37).
Er erinnert den mächtigsten Menschen seiner Zeit daran, dass seine Macht von G’tt gegeben ist. Sie ist nicht sein Eigentum. Daher ist auch König Nebukadnezar dem Schöpfer Rechenschaft schuldig.

Macht ist ein g’ttgegebenes Instrument, mit dem gebaut und zerstört werden kann. Wir alle sind mächtig. Jemand mag gerade mehr Macht haben als der oder die andere. Dennoch ist jeder von uns mächtig – ermächtigt, unser Leben und das Leben der Mitmenschen gut oder schlecht zu beeinflussen: sei es durch politische Entscheidungen, die das Leben von Millionen Menschen verändern, oder durch scheinbar kleine Gesten in der Familie und unter Freunden.

BESÄNFTIGUNG Wenn wir den Mitmenschen um Vergebung bitten, so ist es, als würden wir sagen: »Ich hatte zu einem bestimmten Zeitpunkt die Macht bekommen, dich aufzubauen oder dich zu verletzen. Ich habe meine Macht missbraucht und mich für Letzteres entschieden, dafür bitte ich dich um Vergebung.« Die Entschuldigung dient dem Opfer als Besänftigung und dem Täter als Möglichkeit zu reflektieren.

Wenn wir uns bei G’tt entschuldigen, so ist es, als würden wir sagen: »Du hast mir die Macht gegeben, mein Leben zu einem Meisterwerk zu machen und Deinen Namen zu ehren. Doch ich habe die Macht, die Du mir gabst, missbraucht.« Die Bitte um g’ttliche Vergebung ist auch die Bitte, mit der Macht richtig umgehen zu können.

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