Talmudisches

Vom Wasserleihen bei Dürre

Ein Gläschen Wasser? Foto: Getty Images / istock

Talmudisches

Vom Wasserleihen bei Dürre

Wie Nakdimon den Ewigen um Regen bat

von Noemi Berger  06.11.2020 07:46 Uhr

Im Traktat Taanit 19b und 20a lesen wir von einer wundersamen Begebenheit: Einst, da ganz Israel, um Sukkot, das Laubhüttenfest, zu feiern, nach Jerusalem hinaufgepilgert war, herrschte Dürre im Land, und es mangelte dem Volk an Trinkwasser.

Da begab sich der Weise Nakdimon, der Sohn Gorions, einer der wohlhabendsten Bürger Jerusalems, zu einem römischen Patrizier und sagte: »Bitte leih mir das Wasser von zwölf Zisternen für die Wallfahrer in dieser Stadt. Ich werde dir die Wassermenge natürlich zurückerstatten. Sollte ich dazu jedoch nicht in der Lage sein, so werde ich dir zwölf Talente Silber geben« (heute vergleichbar mit fünf Millionen Euro). Beide wurden sich mit Handschlag einig, und der Römer setzte ihm eine Frist für die Rückgabe des Wassers.

Frist Der festgelegte Termin rückte heran, doch es war während der ganzen Zeit kein Regen gefallen. Am Morgen des Tages, an dem die Frist ablief, ließ der römische Herr dem Weisen eine Botschaft zukommen: »Erstatte mir das Wasser, oder zahl mir den Betrag, den ich bei dir guthabe und den du mir schuldest!«

Nakdimon schickte ihm daraufhin folgende Nachricht: »Ich habe noch Zeit. Der Tag ist noch nicht zu Ende.«

Am Mittag und auch am Nachmittag mahnte ihn der römische Patrizier von Neuem: »Schick mir entweder sofort das Wasser oder die Silbertalente, die du mir schuldest!«

Nakdimon antwortete ihm in einer Mitteilung mit den gleichen Worten wie am Morgen: »Ich habe noch Zeit, der Tag ist noch nicht zu Ende.«

Da spottete der mächtige Römer über den Juden, lachte ihn aus und sprach: »Natürlich! Jawohl! Das ganze Jahr über hat es nicht geregnet, aber gerade heute und jetzt wird Regen niedergehen.«

Frohgemut und voller Vorfreude in Erwartung des hohen Geldbetrags, den er gleich erhalten würde, begab er sich ins Badehaus.

Gebet Und während sich der Römer noch im Badehaus vergnügte, betrat Nakdimon voller Trauer, aber auch voller Hoffnung im Vertrauen auf den Allmächtigen den Tempel, hüllte sich in seinen Gebetsschal und stellte sich hin, um zum Herrn der Welt zu beten: »Meister des Universums, es ist offenbart und bekannt vor Dir, dass ich weder für meine eigene Ehre noch für die Ehre des Hauses meines Vaters gehandelt habe. Vielmehr habe ich alles Dir zur Ehre getan, damit die Pilger während des Sukkotfestes Wasser zum Trinken haben.«

Sogleich stiegen Wolken am Himmel auf, Regen stürzte herab, und die zwölf Zisternen füllten sich bis zum Rand. Es regnete und regnete, sodass die Brunnen überliefen.

Als der Römer das Badehaus verließ, kam Nakdimon gerade aus dem Tempel. Sie begegneten einander, und nun war es Nakdimon, der zu ihm sagte: »Erstatte mir das Geld, das du mir für das zusätzliche Wasser schuldest, das du erhalten hast.«

Der Patrizier antwortete: »Ich weiß, dass dein G’tt nur dir zuliebe die Naturkräfte in Aufruhr gebracht hat und den Regen nur für dich fallen ließ. Ich bleibe jedoch weiterhin bei meiner ganz legalen Forderung an dich und verlange von dir das versprochene Geld. Denn da die Sonne bereits untergegangen war, als der Regen fiel, hast du nicht zum vereinbarten Termin bezahlt. Das Wasser, das auf mein Grundstück regnete, ist auf jeden Fall mein Wasser.«

Da kehrte Nakdimon nochmals in den Tempel zurück, hüllte sich abermals in seinen Gebetsschal, betete andächtig und sprach zu G’tt: »Meister des Universums, tu kund und lass wissen, wie sehr Du Dein Volk liebst!«
Sofort verschwanden die Wolken, und die Sonne schien wieder. Der Allmächtige hatte somit auf wundersame Weise den Tag verlängert, bevor es dunkel wurde. So war es Nakdimon gelungen, seine Schulden fristgerecht zu begleichen.

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