Ethik

Tu Bischwat im Zeitalter des Klimawandels

Im Film »Wall-E« räumt ein kleiner Roboter die Erde auf, nachdem die Menschen sie vermüllt und zerstört zurückgelassen haben. Als er eine letzte zarte Pflanze entdeckt, ändert das alles. Der Feiertag Tu Bischwat erinnert daran, dass unsere Umwelt Zeit und Schutz braucht. Foto: imago/Cinema Publishers Collection

Es gibt Zeiten, in denen das Dringende alles andere überlagert. Kriege, Gewalt, politische Erschütterungen, Antisemitismus – sie drängen sich in unsere Nachrichten, in unsere Gespräche, in unsere Seelen. Und doch läuft im Hintergrund eine Krise weiter, die nicht pausiert, nur weil wir müde sind: die Überhitzung der Erde, der Verlust von Arten, die Erschöpfung von Böden und Wasser. Das Problem des Klimawandels ist nicht irgendwann in der Zukunft – es ist jetzt. Es verschwindet nur manchmal aus unserem Blick, weil andere Brände heißer sind.

Meine persönliche Beziehung zur Natur war zuerst biografisch und nicht politisch. Schon früh habe ich gelernt, dass Landschaften Geschichten erzählen. Denn mein Vater ist Geologe; er sieht im Gestein nicht bloß Stein, sondern Zeit. Als Kinder machten wir ausgiebige Bergwanderungen im südfranzösischen Zentralmassiv und suchten nach Fossilien. Das Gebirge ist etwa 500 Millionen Jahre alt. Mein Vater pflegte zu sagen: »Wenn man die Erdgeschichte als ein Jahr sehen würde, sind die Menschen erst am 31. Dezember um 23.55 Uhr auf die Welt gekommen.« Dort, mit einem Ammoniten in der Hand, habe ich begriffen: Die Welt ist wirklich alt! Sie ist Lebensraum für viele – empfindlich, langsam, groß. Und was ist der Mensch in dieser Ewigkeit? Ich lernte eine nüchterne Form von Demut.

Später, im Rabbinat, trat eine zweite Einsicht hinzu: Unsere uralte heilige Schrift, die Tora, besitzt eine ökologische Tiefenschärfe, die sich erschließt, wenn man sie aufmerksam liest. Diese Theologie des Umweltschutzes ist keine zeitgenössische Ergänzung, sondern der Kern einer jüdischen Ethik, und zwar des respektvollen Umgangs mit G’ttes Schöpfung.

Die Tora besitzt eine ökologische Tiefenschärfe, wenn man sie aufmerksam liest.

Tu Bischwat, das »Neujahr der Bäume«, ist ein zartes Fest verglichen mit den beiden Feiertagen, die es umgeben, Chanukka und Purim. Am 15. Aw isst man ein paar Früchte, macht vielleicht einen Seder, einen Spaziergang, pflanzt eine kleine Blume. Aber gerade diese Stille ist Tu Bischwats Provokation. Sie erinnert uns daran, dass genau diese unscheinbaren Prozesse – das Wachsen, das Verwurzeln und das Reifen oder das Früchte tragen – essenziell für unsere Existenz auf diesem Planeten sind. Sie gibt uns einen Moment, innezuhalten und zu staunen.

Nicht nur gut ist es, sondern wunderschön

Schon der Schöpfungsbericht beschreibt, wie präzise und geordnet Pflanzen in Wachstum und Fortpflanzung funktionieren und wie ehrfurchtserregend der vermeintlich simple, aber perfekte Prozess ist: »Die Erde ließ Gras hervorsprießen, krauttragende Pflanzen, die Samen tragen nach ihrer Art, und Bäume, die Frucht tragen, in denen ihr Same ist, nach ihrer Art; und G’tt sah, dass es gut war« (Bereschit 1,12). An dieser Stelle möchte ich die Tora verbessern: Nicht nur gut ist es, sondern wunderschön.

Die Menschen in biblischen Zeiten sahen Pflanzen nicht als nette Dekoration für die Fensterbank, sondern als etwas sehr Essenzielles. Sie lebten von der Landwirtschaft, waren abhängig vom Regen, von der Fruchtbarkeit des Bodens. Anders als an den großen Flüssen Ägyptens oder Mesopotamiens war das Land Israel allein auf Niederschlag angewiesen. Ohne Regen gab es kein Leben. Diese Erfahrung hat sich tief in die jüdische Liturgie eingeschrieben: in die Bitten um Regen und Tau in der Amida und um rechten Niederschlag zur rechten Zeit im Schma Jisrael, in den Jahreslauf der Feste, in die Omerzeit zwischen Pessach und Schawuot. Pflanzen waren Lebensgrundlage.

Umso radikaler wirkt vor diesem Hintergrund ein Gebot aus Paraschat Behar Sinai, in der der Ewige zu Mosche auf dem Berg Sinai spricht: »Im siebten Jahr soll ein Schabbaton sein dem Lande, ein Schabbat dem Ewigen: Dein Feld sollst du nicht besäen und deinen Weinberg nicht beschneiden. Den Selbstwuchs deiner Ernte sollst du nicht einernten und die Trauben deines ungewarteten Weinstocks nicht lesen. Ein Schabbatjahr soll es dem Lande sein« (3. Buch Mose 25, 4–5).

Ein ganzes Jahr Verzicht – in einer agrarischen Gesellschaft. Das Land soll ruhen. Nicht optimiert, nicht genutzt, nicht kontrolliert. Dieses Gebot war keine Utopie. Antike Quellen wie Josephus berichten, dass es eingehalten wurde – trotz aller Risiken. Es hatte ökologische, soziale und theologische Dimensionen zugleich. Eigentum wurde relativiert, Bedürftige zuerst bedacht und der Mensch gezwungen, sich selbst zu begrenzen.

Warum ist das Ruhejahr ein »Schabbat dem Ewigen«?

Warum aber ist dieses Ruhejahr ein »Schabbat dem Ewigen«? Die Antwort findet sich wenige Verse später: »Mein ist das Land, denn ihr seid nur vorübergehende Gäste bei mir« (Wajikra 25,23). Das ist keine romantische Naturlyrik, sondern eine theologische Grenzziehung. Die Erde gehört nicht uns, dem Homo sapiens. Wir dürfen sie nutzen, aber nicht so behandeln, als wären wir ihre letzte Instanz.

In einer Welt, in der mittlerweile die anthropogene Masse – also alles von Menschen Geschaffene aus Beton, Plastik, Metall und ähnlichen Materialien – die biologische Masse aus Bäumen, Tieren, Pilzen und Mikroorganismen übersteigt, ist dieser Satz eine Zumutung. Er konfrontiert uns mit einer unbequemen Wahrheit: Wir sind Gäste. Durch das Loslassen des Feldes für ein Jahr rufen wir uns dies in Erinnerung, und somit wird es zu einem »Schabbat des Ewigen«.

Diese Perspektive verändert das Denken über Landwirtschaft, Ressourcen und Wohlstand. Sie setzt dem menschlichen »Ich kann« ein »Darf ich?« entgegen. Nicht alles, was technisch möglich ist, ist moralisch vertretbar. Freiheit ist im jüdischen Denken nie grenzenlos; sie ist immer gebunden an Verantwortung – gegenüber G’tt, gegenüber anderen Menschen und gegenüber der Welt, die uns trägt.

An Tu Bischwat spricht man über das Pflanzen, über das Grün, über das Wachstum. Doch das Judentum kennt neben dem Wachstum auch das Gegenteil als sinnstiftend: das Ruhenlassen. Die Idee eines regelmäßigen Innehaltens, eines bewussten Verzichts, widerspricht der Logik permanenter Verfügbarkeit und größtmöglichen Gewinnstrebens. Sie richtet sich gegen eine Haltung, die Wert ausschließlich aus Produktivität ableitet. Der Mensch ist mehr als das, was er hervorbringt. Eine Gesellschaft, die das vergisst, verliert ihre innere Orientierung.

Verantwortung entscheidet sich nicht im Inneren des Menschen, sondern an den Folgen seines Handelns

In der Tora entscheidet sich Verantwortung nicht im Inneren des Menschen, sondern an den Folgen seines Handelns. Maßgeblich ist, wie Menschen mit dem umgehen, wovon Leben abhängt: mit Erde, Nahrung und Zeit. Ein Segensspruch, eine Bracha, unterbricht den selbstverständlichen Zugriff. Dankbarkeit relativiert den Anspruch, alles beherrschen zu können. Und die Bereitschaft, Grenzen zu akzeptieren, widerspricht der Idee, dass Verfügbarkeit gleich Eigentum sei.

Gerade im Anthropozän, in dem der Mensch zum wichtigsten Einflussfaktor für die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse der Erde geworden ist, gewinnt diese Haltung neue Dringlichkeit. Heute leben etwa 30-mal mehr Menschen auf diesem Planeten als zu biblischen Zeiten (circa 8,3 Milliarden im Vergleich zu 270 Millionen). Wir verändern die Welt wie keine Spezies vor uns – schneller, umfassender und mit Folgen, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Böden verlieren ihre Fruchtbarkeit, Wasser wird knapp, ganze Lebensräume verschwinden. Die Tora hält dem keine Technikfeindlichkeit entgegen, sondern eine nüchterne Einsicht: Die Erde ist uns anvertraut, nicht ausgeliefert. Und seit wir die verbotene Frucht aßen, können wir zwischen Gut und Böse unterscheiden.

In der kabbalistischen Tradition wird Tu Bischwat als ein Zeitpunkt verstanden, an dem sich die Durchlässigkeit zwischen den Ebenen der Welt verändert. Das, was in den verborgenen Sphären seinen Ursprung hat, beginnt sich im Sichtbaren zu zeigen. Noch bleibt der Baum äußerlich reglos, doch aus der Welt der Jezira, der Formung, steigt bereits neue Lebenskraft auf, um sich später in der Assija, im konkreten Handeln und Wachsen, zu verwirklichen. Tu Bischwat markiert diesen Übergang: zwischen Potenzial und Erscheinung, zwischen dem, was innerlich vorbereitet wird, und dem, was Gestalt annimmt.

»Mein ist das Land, denn ihr seid nur vorübergehende Gäste bei mir« (3. Buch Mose).

Diese Einsicht ist auch für den heutigen Umgang mit der Klimakrise zentral. Nachhaltiges Handeln beginnt nicht mit Maßnahmen allein, sondern mit einer veränderten inneren Ausrichtung. Erst wenn sich ein Bewusstsein für die Schonung der Natur festigt, kann es sich dauerhaft im Handeln ausdrücken. Ohne diesen inneren Wandel bleiben ökologische Maßnahmen technisch – aber nicht tragfähig.

Tu Bischwat lenkt den Blick genau auf diesen Moment der Spannung: zwischen Möglichkeit und Maß, zwischen Wachstum und Begrenzung. Er erinnert daran, dass Leben nicht nur durch Nehmen wächst, sondern durch das Zulassen von Pausen, von Ruhe, von Zurückhaltung. Dass Fruchtbarkeit Zeit braucht – und Schutz.

»Mein ist das Land«, heißt es in der Tora. Dieser Satz ist kein fernes Glaubensbekenntnis, sondern eine Zumutung an jede Generation. Er fordert uns auf, unseren Platz neu zu bestimmen: nicht als Herren der Erde, sondern als ihre Hüter auf Zeit. Vielleicht liegt genau darin die Hoffnung von Tu Bischwat – dass wir lernen, Wachstum nicht länger gegen die Welt zu erzwingen, sondern wieder mit ihr zu denken.

Die Autorin ist Rabbinerin der liberalen jüdischen Gemeinde Göttingen. Ihre Publikation: »Schmitta für alle« ist in »Jüdische Positionen zur Nachhaltigkeit« (Hentrich & Hentrich) erschienen.

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