Auslegung

Talmud und Trigonometrie

Als Barmizwa in der Pflicht: Junge mit Torarolle Foto: Flash 90

Wer je den Talmud gründlich studiert hat, weiß, wie verflixt schwierig es sein kann, zu irgendeinem endgültigen Schluss zu kommen. Die vorgeschlagenen Lösungen als Unsinn abzutun, ist ein Leichtes. Aber auch die bedeutendsten Kommentatoren kommen zu radikal entgegengesetzten Ergebnissen. Und keine der konkurrierenden Denkschulen hat ein Problem damit, ihre Schlussfolgerungen für jeden einschlägigen Fall, der sich auf den mehr als 2.700 Seiten des Talmuds findet, passend zu machen.

beweise In der Einleitung zu Milchemes Hashem räumt Nachmanides, der Ramban, ein, dass es absolut unumstößliche Beweise, wie wir sie etwa in der Geometrie und Trigonometrie haben, im Talmud nicht gibt. Auf den ersten Blick scheint es, der Ramban mache hier das Zugeständnis, das Studium der Tora stünde, verglichen mit dem Studium der Mathematik, auf einer irgendwie niedrigeren Stufe.

Rav Yitzhak Hutner erklärt in einem bemerkenswerten Ma’amar (Pachad Yitzchak, Chanukka 9) den Unterschied zwischen dem Torastudium und dem Studium der Mathematik anhand der unter- schiedlichen Beschaffenheit der zu untersuchenden Phänomene. Diese Differenz bedeutet nicht, dass das Torastudium von untergeordneter Bedeutung ist. Es handelt sich bei der Mathematik, sogar bei allen Naturwissenschaften, um eine Welt im Ruhezustand. Weil die zu untersuchenden Phänomene statisch sind oder sich aber nach festen Regeln ändern, ist es möglich, verschiedene Hypothesen zu beweisen oder zu widerlegen.

Die Tora aber handelt von einer im Wandel begriffenen Welt, einer Welt im Entstehen. Unsere Weisen sagen, es gebe in der Tora keine Mizwa, die nicht die Kraft enthielte, die Toten zum Leben zu erwecken, das heißt, die natürliche Ordnung zu verwandeln. In gewissem Sinne ist das Torastudium das ultimative Beispiel für die Heisenbergsche Unschärferelation, nach der der Akt des Beobachtens selbst das zu Beobachtende beeinflusst.

Jedes Stückchen Torastudium – die größte aller Mizwot – verändert die Welt. In einer sich ständig wandelnden Welt, die sich stets ihrem endgültigen Ziel nähert oder sich davon entfernt, kann es keine vollkommenen Beweise geben, denn nichts bleibt jemals gleich.

Vereinbarungen Der Unterschied zwischen jener Wissenschaft, für die die Griechen Wegbereiter waren, und dem Torastudium wurzelt laut Rav Hutner in zwei klar zu unterscheidenden Vereinbarungen, die G’tt mit der Menschheit schloss: dem Bund mit Noach und dem Bund mit dem jüdischen Volk am Sinai. Im ersten Bund versprach G’tt Noach, Er werde die Welt nie wieder zerstören. Er schuf die Jahreszeiten und erklärte, dass sie »niemals aufhören werden«. Der Noachidische Bund ist also einer, der den Status quo »für alle Generationen ewiglich« bewahren soll.

Gleichzeitig erlegte G’tt allen Menschen sieben Mizwot auf, ohne Noach zu fragen. Die Menschheit spielte bei der Entstehung des Bundes keine Rolle. Nach der Schließung des Bundes steht es jedem Menschen frei, die Noachidischen Gebote zu befolgen oder nicht. Doch sie wurden ohne menschliche Zustimmung verpflichtend.

Als ein Zeichen dieses Bundes deutete Er auf den Regenbogen. Laut dem Ramban gab es den Regenbogen schon vor der Flut; jetzt aber präzisierte G’tt dessen Rolle als Erinnerung an Sein Versprechen, dass Er die Menschheit niemals wieder auslöschen wird. Der Bund der Tora ist von ganz anderer Art. Hätte das jüdische Volk nicht erklärt: »Wir werden tun und wir werden hören« (2. Buch Moses 24,7), wären die Toragesetze für uns niemals bindend geworden. Unsere vorherige Zustimmung war eine Vorbedingung für den Empfang der Tora. So schuf das jüdische Volk den Bund der Tora durch einen positiven Akt der geistigen Zustimmung.

Die kreative Komponente ist das, was den Bund der Tora auszeichnet. Es ist eben jene Komponente, die im Vers angedeutet ist: »Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben.« Der Vers bezieht sich auf den Empfang der Tora, und die Worte »lege ich dir vor« beziehen sich auf das jüdische Volk allein. Denn während alle Menschen über einen freien Willen verfügen, was die Befolgung oder Nichtbefolgung der ihnen auferlegten Gebote betrifft – die sieben Noachidischen Gebote im Falle der Nichtjuden und die 613 Gebote der Tora im Falle der Juden –, hat nur das jüdische Volk diese Verpflichtung durch eine zustimmende Wahl selbst geschaffen.

körper Anders als der Regenbogen, ein Phänomen der Natur, das Symbol für den Noachidischen Bund, ist das Symbol des Bundes der Tora die Brit Mila, die Beschneidung, ein Akt, der das Natürliche verwandelt. Die Griechen beteten den menschlichen Körper an und betrachteten ihn als vollkommen. Die Juden hingegen bestanden darauf, dass physische Vollkommenheit nur durch eine kreative, positive Veränderung des natürlichen Körpers erreicht werden kann. Erst nach seiner Beschneidung bezeichnet die Tora Avraham als »tam«, das heißt vollständig oder vollkommen.

Weil die Gesetze der Tora für uns erst durch einen Akt der menschlichen Kreativität bindend wurden, enthalten sie die Kraft zur Verwandlung der Welt. Sie bewahren die Welt nicht einfach, wie sie ist – das ist die Funktion der Noachidischen Vereinbarung; Die Gesetze sind dafür bestimmt, eine neue Welt zu erschaffen.

Diese Aufgabe der Verwandlung ist der singuläre Wirkungsbereich des jüdischen Volkes. Der Bund der Tora wird nicht »allen Generationen« gleichermaßen übergeben wie der Bund des Noach. Durch unser Torastudium und die Befolgung dieser Mizwa verändern wir die Welt ständig. Auch wenn es nichts Neues unter der Sonne gibt, ist ein Reich über den Sternen, das über das jüdische Volk regiert. (In der Zeit vor dem als »Bris bein Habesarim« bekannten Versprechen erhob G’tt Avraham erst über die Sterne und zeigte ihm, dass er keine Kinder in der natürlichen Ordnung haben werde. Erst dann versprach Er ihm Nachfahren, so zahlreich wie die Sterne.)

natur Man kann G’tt aus der Natur ableiten. »Hebt eure Augen in die Höhe und seht: Wer hat die (Sterne) dort oben erschaffen?«, lehrt Jesaja (40,26). Und wir achten Weisheit, die sich innerhalb der Alltagswelt offenbart. Deshalb sprechen wir den Segen »Der Fleisch und Blut von Seiner Weisheit gegeben hat«, wenn wir einen weisen Nichtjuden sehen.

Durch die Tora aber wird G’tt direkt erfasst. Daher sagen wir einen anderen Segensspruch auf, wenn wir einen großen Toragelehrten sehen: »Der Seine Weisheit mit denjenigen teilt, die Ihn fürchten.« Der Unterschied zwischen dem Segensspruch für einen großen nichtjüdischen Wissenschaftler und dem Segen, den man bei der Begegnung mit einem großen Toragelehrten spricht, spiegelt den Unterschied zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und der Weisheit der Tora wider. Wissenschaftliche Erkenntnis wurde der Menschheit von G’tt »gegeben«. Einmal empfangen, schafft sie keine anhaltende Verbindung. Die Toraweisheit aber wurde »geteilt«. Sie stellt eine dauerhafte Verbindung her zwischen G’tt und demjenigen, der Toraweisheit besitzt.

Unsere einzigartige Aufgabe als Juden ist es, uns durch Seine Tora direkt mit G’tt zu verbinden und dabei an der kreativen Aufgabe teilzuhaben, eine neue und vollkommenere Welt entstehen zu lassen. Deshalb wird einer, der sein Torastudium unterbricht, um einen Baum oder irgendeinen anderen Aspekt der Natur zu bewundern, angesehen als jemand, der sein Leben vertut. Das ist laut Rav Hutner auch der Grund, weshalb wir keinen Segen sprechen, wenn wir einen großen jüdischen Wissenschaftler wie Einstein sehen, denn seine wissenschaftlichen Kenntnisse spiegeln nicht die primäre Aufgabe wider, für die er geschaffen wurde – durch die Tora direkt zu G’tt zu kommen.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von www.jewishmediaresources.com

Bo

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