Pessach

Hohes Gut

Frankreichs Geschenk zum 100. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. In ihrer Präambel steht, »dass alle Menschen gleich erschaffen wurden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden«. Foto: imago, M: Frank Albinus

Das jüdische Volk feiert in dieser Woche Pessach. Wenn man die betreffenden Stellen in der Tora liest, könnte man sie als das Gebot an die Israeliten interpretieren, um jeden Preis zu überleben. Obwohl Abraham als jemand geschildert wird, der zu den Ägyptern und anderen Völkern der Region gute Beziehungen unterhält, sinken seine Nachfahren in die Sklaverei. Den Kindern Israels, die aus dieser Erfahrung hervorgehen, wird auferlegt, die sieben kanaanitischen Stämme auszumerzen und stets auf der Hut zu sein vor den Amalekitern, die sie aus dem Hinterhalt überfallen hatten. Zur gleichen Zeit aber wird ihnen geheißen, gerade die Ägypter, von denen sie versklavt worden waren, nicht zu hassen. Es gab also selbst in biblischen Zeiten nicht nur kein Gebot, die Feinde zu hassen, sondern auch die positiv gewendete Forderung, sie nicht zu hassen! Mehr noch, das 5. Buch Moses enthält die Forderung, sich um einen ehrenvollen Frieden zu bemühen, bevor man einen Krieg beginnt.

Die Welt war vor 4.000 Jahren ein grausamer Ort, wo Macht vor Recht ging und es keine allgemeingültigen Moralgesetze oder Genfer Konventionen gab. Der Gedanke, dass sich daran bis heute nicht viel geändert hat, drängt sich einem auf. In vielen Gesellschaften ist der Hass heute endemisch. Er wird immer weiter kultiviert, denn ohne ihn lässt sich die Feindschaft gegen andere nicht aufrechterhalten.

Das Judentum fordert, dass das eigene Überleben an erster Stelle steht, ganz gleich, um wen es sich handelt. Zur gleichen Zeit müssen Juden, die stets für ihre eigenen Rechte gekämpft haben, sensibel sein, wenn es um die Rechte anderer Menschen geht. Doch leider gibt es in jeder Religion und jedem Volk Menschen, die für ihre eigenen Zwecke die heiligen Texte verzerren und falsch auslegen.

Midrasch Schon vor 2.000 Jahren begann die jüdische Tradition der Exegese, der Midrasch, sich mit diesen Themen zu befassen, obwohl damals die Juden um ihr Überleben kämpften. Mit knapper Not den syrisch-griechischen Versuchen, ihre Religion zu vernichten, entronnen, kämpften sie jetzt darum, die Herrschaft der Römer zu überleben. Dennoch begann die rabbinische Führerschaft gerade in dieser Zeit, die biblischen Vorstellungen von unserer Beziehung zu anderen neu zu überdenken.

Zum einen legten die Rabbiner fest, dass alle biblischen Verweise auf die kanaanitischen Stämme in der Gegenwart nicht anwendbar sind, denn, so argumentierten sie, die Völker des Nahen Ostens haben sich so sehr verändert, dass sie nicht länger mit irgendeinem Urstamm identifiziert werden können. Mit einem Schlag haben sie so die Vorstellung aus der Welt geschafft, dass die Feindschaft gegen ein Volk ewig andauern kann. Und sie forderten, dass neue Realitäten an die Stelle der alten treten müssen.

prinzipien Zum anderen leiteten sie eine Reihe von Maßnahmen ein, um die universalistischen Prinzipien zu unterstreichen. Schon vor 2.000 Jahren entschieden die Rabbiner, dass wir die Freude über unsere Freiheit dämpfen müssen, gerade weil unsere Freiheit anderen Menschen Leid bringen kann. Deshalb vergießen wir beim Pessach-Mahl bis auf den heutigen Tag etwas Wein aus unserem Glas, immer wenn die Rede auf das Leiden anderer kommt, und wir beschränken die Anzahl der Psalmen, die wir zum Preis Gottes, der uns befreit hat, singen, weil Ägypter dabei umkamen. Der hohe Wert des Midrasch im Judentum bestand nicht nur darin, dass er unangemessene oder anachronistische Ideen verbesserte, sondern auch darin, dass er bei seiner Neuauslegung absolute Autorität besaß.

Er lehrte uns auch, dass nichts jemals schwarz und weiß ist; deshalb ist es so wichtig, stets die andere Seite zu sehen. Zu viele von uns sind noch immer in dem unerträglichen Strudel von Gewalt und Rohheit gefangen, in einem Konflikt, der daraus entsprang, dass zwei Völker die gleiche Heimat beanspruchen. Nichts beleidigt meine jüdischen Werte mehr, als wenn ich höre, wie auf beiden Seiten Hass ausgespien wird – umso mehr, wenn er den sittlichen Werten, für die wir stehen, diametral widerspricht. Viele Muslime und Christen empfinden das Gleiche, wenn sie hören, wie ihre Friedens- und Liebesreligionen sich in Dogmen des Hasses verwandeln.

Niveau Nichts verletzt meine Humanität mehr, als wenn anderen Menschen das Menschsein abgesprochen wird oder wenn sie als »Feinde« in verallgemeinernde Schubladen gesteckt werden. Und es verletzt mich doppelt, wenn ich höre, wie Rabbiner – die es besser wissen sollten – sich auf das gleiche Niveau begeben.

Ich glaube, die wichtigste Botschaft, die Pessach heute haben kann, ist die, dass Freiheit ein hohes Gut ist und jeder, der unfrei ist, die Notwendigkeit fühlt, für sie zu kämpfen. Ebenso wichtig ist es aber, Hass zu vermeiden, die Bedürfnisse anderer Menschen zu erkennen und zu akzeptieren, dass wir alle aus einer materiellen und spirituellen Quelle kommen. Ich hoffe, dass wir alle diese universelle Botschaft erfassen, ganz gleich, welches Fest wir zu dieser Jahreszeit feiern.

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