Sportwetten

Harmloses Vergnügen oder Diebstahl?

Auch auf Pferde wird häufig gewettet. Foto: Getty Images

Wir alle kennen diese Menschen, die nach jedem Fußballspiel sagen: »Verdammt! Ich wusste, dass ich auf die andere Mannschaft hätte setzen sollen …« Manche von uns haben sicherlich auch hier und da die eine oder andere Wette beim Fußball oder anderen Sportarten abgeschlossen, weniger in der Hoffnung zu gewinnen, als eher für die Spannung und den Nervenkitzel.

In der Regel macht man das so lange, bis man eine größere Summe verspielt (das passiert früher oder später) und seine Lektion gelernt hat. Leider gibt es auch Menschen, die eine Abhängigkeit entwickeln und ähnlich wie bei anderen Glücksspielen so lange »zocken«, bis sie alles verloren haben und oft sogar Schulden aufnehmen, in der Hoffnung, alles zurückzugewinnen.

OLYMPIA Es ist anzunehmen, dass schon gleich zu Beginn der Einführung des offiziellen sportlichen Wettkampfs Sportwetten abgeschlossen wurden. Die erste dokumentierte Erscheinung von Sportwetten stammt aus dem Jahr 676 v.d.Z., als die alten Griechen bei den 23. Olympischen Spielen ihr Vermögen aufs Spiel gesetzt haben sollen.

Seit etwa 1920 dominiert der Wettsport weltweit beim Fußball, wo die Wetten zunächst in traditionellen Wettbüros abgeschlossen wurden, und im 21. Jahrhundert hauptsächlich bei Online-Buchmachern. In Deutschland liegen die jährlichen Einsätze bei etwa vier Milliarden Euro, weltweit beträgt der Jahresumsatz ungefähr eine Billion US-Dollar.

Doch was hält das Judentum von Sportwetten? Auf den ersten Blick scheint die Mischna jegliche Form von Glücksspiel explizit zu verbieten: In der Mischna (Sanhedrin Kapitel 3, Mischna 3) steht, dass ein Masachek BeKubia (wörtlich »Würfelspieler«), also Glücksspieler, zu denjenigen Menschen gehört, die von jüdischen Weisen disqualifiziert wurden, als Zeugen vor einem jüdischen Gericht zu fungieren.

ZEUGE Der Grund dafür wird ausführlich im Talmud (Sanhedrin 24b) diskutiert und ist Gegenstand einer Meinungsverschiedenheit zwischen zwei Gelehrten des Talmuds: Rami Bar Chama ist der Ansicht, dass Glücksspiel stets Avak Gezel (wörtlich: Staub des Diebstahls), also Diebstahl nach rabbinischer Ansicht (von der Tora erlaubt und von den Rabbinern verboten), involviert, weil jeder Spieler zu gewinnen hofft und sein Geld im Falle einer Niederlage nicht hergeben möchte (auch wenn er das Geld gibt, macht er das nicht mit vollem Herzen). Daher ist ein Glücksspieler genau wie ein Dieb nicht als Zeuge geeignet.

Rav Sheshet argumentiert, dass jeder Spieler weiß, dass er sein Geld möglicherweise verlieren wird und trotzdem zugestimmt hat. Daher kann Glücksspiel nicht als Diebstahl gelten, auch nicht als Diebstahl nach rabbinischer Ansicht. Er befindet, dass ein Glücksspieler nur dann als Zeuge disqualifiziert wurde, wenn er sich ausschließlich vom Glücksspiel ernährte und man befürchtete, dass er den Wert des Geldes nicht genug schätzt (»Eino osek beyeschuvu schel Olam«). Somit ist Glücksspiel laut Rami Bar Chama sogar einem Menschen, der einen anderen Lebensunterhalt hat und nur gelegentlich »spielen« möchte, verboten und laut Rav Sheshet vollkommen erlaubt.

Laut Tosafot (von Gelehrten des frühen Mittelalters aus dem Elsass) in Schabbat (149b) folgt die Halacha der Meinung von Rav Sheshet, welcher Glücksspiel nicht als Diebstahl ansieht. Der Rambam (Maimonides, Hilchot Gezela 6,10) jedoch folgt interessanterweise der Meinung von Rami Bar Chema und verbietet Glücksspiel wegen Diebstahls nach rabbinischer Ansicht.

UNTERSCHIEDE Die sefardischen Juden folgen der Meinung des Schulchan Aruch (Choschen Mischpat 370,2), laut dem sich die Halacha nach dem Rambam richtet und Glücksspiel mit einem Juden verboten ist, während von Glücksspiel mit einem Nichtjuden nur aufgrund von Zeitverschwendung abzuraten ist.

Die aschkenasische Tradition hingegen folgt dem Rema (Rabbi Mosche Isserles, ibid.), der die Meinung von Tosafot vertritt und daher Glücksspiel auch mit Juden erlaubt, solange dies nicht die Haupteinnahmequelle der Spielenden ist.

Laut sämtlichen Gelehrten sind Glücksspiel und Wetten mit nichtjüdischen Spielpartnern, abgesehen von der Zeitverschwendung, allerdings erlaubt, sodass diese aus rein halachischer Perspektive außerhalb von Israel, wo die Mehrheit der Spielenden beziehungsweise Wettenden nicht jüdisch ist, kein halachisches Problem darstellen. Dennoch warnten Gelehrte aller Generationen explizit vor den Gefahren des Glücksspiels und rieten stets davon ab. Am Schärfsten drückte sich dabei der Rivash (Rabbi Isaak Ben Sheshet, 1326–1408) aus. Er schrieb, dass Glücksspiel »ekelhaft, abscheulich und abstoßend« ist und Menschen tötet.

Beschalach

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