Der Wochenabschnitt Beschalach enthält das berühmte »Lied vom Meer«, in dem Mosche, Mirjam und die Israeliten den Ewigen dafür preisen, dass Er sie aus Ägypten befreit hat. Und in der Haftara lesen wir das »Lied der Dewora« (Richter 5). Warum wurden gerade diese beiden Texte kombiniert? Schließlich finden sich in den Propheten und den Schriften doch auch weitere poetische Verse.
Tatsächlich gibt es klare thematische Verbindungen zwischen diesen Liedern: Beide handeln von einem militärischen Sieg, beide enthalten Gesänge von Frauen, und das Wasser im »Lied vom Meer« findet in Deworas Lied sowohl in poetischer als auch in wörtlicher Form ein Echo.
Doch sie haben noch eine weitere Gemeinsamkeit. Diese beiden Lieder wurden mindestens seit den Tagen der Geonim (Gelehrte der nachtalmudischen Zeit, 6. bis 11. Jh.) in einem besonderen Layout geschrieben: als »halber Ziegelstein auf ganzem Ziegelstein«.
Ein einzigartiges, sich abwechselndes Muster
Die erste Zeile erstreckt sich über die gesamte Pergamentspalte, doch die folgenden Zeilen bieten ein einzigartiges, sich abwechselndes Muster. Dadurch entsteht eine charakteristische Gitterstruktur mit Lücken innerhalb der Spalten, jedoch niemals an den Rändern. Der Chida, Rabbiner Chaim Josef David Azulai (1724–1806), lehrt uns, dass das Layout sinnbildlich dafür steht, wie die Ägypter vom Meer und die Kanaaniter von der hebräischen Armee gefangen waren – ohne Hoffnung auf Flucht.
Im Falle der Israeliten, die das Meer überquerten, deutet die Anordnung auch darauf hin, wie sie selbst eingeschlossen waren, als sie vor den Ägyptern flohen und zur Zeit von Dewora von ihren kanaanitischen Eroberern umzingelt waren. Auch wir verbringen einen Großteil unserer Zeit eingekesselt, gefangen in Echokammern, sowohl online als auch im ganz realen Leben. Die Haftara zeigt uns eine Alternative.
Der Text beschreibt, wie die Richterin Dewora zwischen Rama und Bethel unter einer Palme (Richter 4,5) sitzt. Verschiedene klassische Kommentatoren sagen, sie habe eine Palme gewählt, weil sie sich im Freien befand, sodass sie vermeiden konnte, mit Männern allein zu sein.
Sowohl »zusammen« als auch »allein«
Die verwendete Verbwurzel »j-ch-d« kann sowohl »zusammen« als auch »allein« bedeuten. Vielleicht sollten wir es so verstehen, dass Deworas Ziel darin besteht, zu vermeiden, »allein zusammen« zu sein, das heißt, eingekesselt zu sein, nur von anderen Ältesten umgeben, abgeschottet von den Israeliten, deren Leben von ihren Urteilen beeinflusst wird. Tatsächlich sagt der Malbim, Rabbi Meir Leibusch Weisser (1809–1879), dass Dewora gerade diese Palme wählte, weil sie an einer Straße stand, mitten im Geschehen. Um gültige Urteile fällen zu können, muss man von Menschen umgeben sein (Malbim zu Richter 4,5).
Aus dem Beispiel des Weisen Hillel lernen wir, wie diese Faktoren rabbinische Urteile beeinflussen können. Seine Brillanz ist so beeindruckend, dass er zum Nassi, dem intellektuellen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde im Land Israel, ernannt wurde (Pessachim 66a).
Es ist fast Pessach, und der erste Tag von Pessach fällt auf den Schabbat. Der Tempel steht noch. Und die Juden bringen Schafe und Ziegen, um sie für ihre Familien zu opfern (2. Buch Mose 12, 3–11). Jede Familie benötigt ein Messer, das am Schabbat aber nicht mitgeführt werden darf. Diejenigen, die keines dabei haben, können ihre Opfergabe im Hof des Tempels nicht schlachten, und es ist verboten, das Opfer an einem anderen Ort darzubringen (Sewachim 114b).
Von seinen Lehrern gelernt, aber vergessen
Ratlos wenden sie sich an Hillel und fragen ihn, was sie tun sollen. Er sagt ihnen, dass er diese Halacha von seinen Lehrern gelernt, aber vergessen habe. Hillel ist darüber nicht beunruhigt, denn so erklärt er, das jüdische Volk bestehe, wenn schon nicht aus Propheten, so doch aus Kindern von Propheten.
Ben Yehoyada, Rabbi Yosef Chaim (1835–1909), versteht dies so, dass sie der Prophezeiung würdig und mit der richtigen Absicht in der Lage sind, Gottes Willen zu verstehen (Ben Yehoyada zu Pessachim 66b). Dies ist keine Affinität zur Prophezeiung durch eine einzelne Person. Das ist etwas ganz anderes. Es handelt sich um eine gemeinschaftliche Weisheit kollektiver Praxis, auf welche die Juden zurückgreifen können, und diese wird ihnen helfen, auch wenn Hillel sich nicht an das entsprechende Gesetz erinnern kann.
Am nächsten Tag, am Schabbat, der auch der Vortag von Pessach ist, sieht Hillel, dass die Menschen ihre Messer in die Wolle der Schafe oder in die Hörner ihrer Ziegen gesteckt haben. Da erinnert er sich, dass er genau das von seinen Lehrern gelernt hat.
Es besteht also eine Symbiose zwischen der Führung und der Gemeinschaft, durch die beide versuchen, Gott zu dienen. An anderer Stelle im Talmud wird diese Idee mit dem Satz »Geh und sieh, was die Menschen tun« beschrieben (Berachot 45a, Eruwin 14b).
Keine Hypothese oder Plattitüde
Das ist keine Hypothese oder Plattitüde. Rabbi Jechiel Michel Epstein (1829–1908) schreibt im Aruch haSchulchan, dass es in den Sommermonaten unmöglich ist, Mehl zu finden, das nicht von Insekten befallen ist, die sich selbst durch intensives Sieben nicht vollständig entfernen lassen (Jore Dea 100, 13–18). Dieses Mehl wird zur Herstellung von Brot verwendet. Der Verzehr von Insekten ist nach der Tora verboten. Wie kann es also sein, dass ganze Gemeinden solches Mehl essen? Rabbi Epstein kombiniert sein Wissen über die Welt mit seinem Buchwissen und schreibt eine detaillierte Liste von Gründen, warum das Mehl gegessen werden könne. Er schließt diesen Exkurs mit der Erklärung: »Gott wird uns für unschuldig erklären, so wie wir entschieden haben, dass Israel unschuldig ist.«
Kehren wir zum Aufbau von Deworas Lied und dem »Lied vom Meer« zurück: Die Lücken zwischen den Wörtern sind Fenster zur Welt außerhalb der Begrenzung der Lieder. Und während die erste Zeile jedes Liedes eine einzige, ununterbrochene Textzeile ist, die eine Mauer bildet, ist die letzte Zeile unterbrochen und bildet eine Tür. Es ist die Möglichkeit eines offeneren Zugangs zur Welt. Ganz im Sinne des schon erwähnten talmudischen Satzes: »Geh und sieh, was die Menschen tun.«
Der Autor ist Student am Abraham J. Heschel Seminar für konservative Rabbinerausbildung.
inhalt
Der Wochenabschnitt Beschalach erzählt, wie die Kinder Israels auf der Flucht vor dem Pharao und seinen Truppen trockenen Fußes das Schilfmeer durchquerten. Es öffnete sich vor ihnen und schloss sich hinter ihnen wieder, sodass die Männer des Pharaos in den Fluten ertranken. Danach beginnt der eigentliche Weg Israels durch die Wüste. Es wird berichtet, wie der Ewige die Menschen mit Manna und Wachteln versorgt und sie auffordert, Speise für den Schabbat beiseite zu legen. Dennoch fehlt es an Wasser, und die Kinder Israels beschweren sich bei Mosche. Der lässt daraufhin Wasser aus einem Felsen hervorquellen.
2. Buch Mose 13,17 – 17,16