Interview

»Eine heilige Mission«

Am 26. Januar im Norden Gazas: Mitglieder des Suchtrupps versammeln sich um den in eine israelische Flagge gehüllten Leichnam von Ran Gvili Foto: IDF

Oberstleutnant V., Sie kommandieren eine Einheit, die erst vor ein paar Wochen ins Licht der Öffentlichkeit geraten ist. Das war am 26. Januar, als Sie auf einem Friedhof im Norden des Gazastreifens die sterblichen Überreste von Ran Gvili, der letzten israelischen Geisel, geborgen haben. Wie erinnern Sie sich an diesen Moment?
Wir erhielten zwei oder drei Wochen vor der eigentlichen Operation die Information, uns bereitzuhalten. Dann kam am Freitag, es war der 23. Januar, der Befehl, unsere Ausrüstung zu holen und uns vorzubereiten. Eine Reserve-Infanteriedivision der IDF (israelische Armee, Anm. d. Red.) sicherte das Gebiet des Friedhofs, wo Geheimdienstinformationen zufolge der Leichnam von Ran vermutet wurde, sodass wir am Sonntagmittag hineingehen konnten, um mit der zweiten Suchaktion zu beginnen. Es ist ein sehr großer Friedhof, mehrere Quadratkilometer groß. Und die Informationen, die wir hatten, waren nicht genau. Das heißt, wir hatten große Flächen, auf denen wir den Boden umgraben und verschiedene Leichen herausholen mussten, die dort lagen. Innerhalb unseres Bataillons und eines Teils des Teams hatten wir mehrere kleine wissenschaftliche Einheiten, Spezialeinheiten, die uns halfen, wissenschaftliche Untersuchungen durchzuführen

Und diese Untersuchungen wurden vor Ort durchgeführt?
Ja, wir hatten dazu ein Feldlabor eingerichtet. Auch hatten wir verschiedene schwere Maschinen dabei, die uns beim Graben und bei der Bergung aller Leichen aus dem Boden halfen. Während der Operation haben wir mehr als 800 Leichen gesichtet. Wir haben rund um die Uhr gearbeitet. Und es war sehr kalt in dieser Nacht. Aber wir haben nicht aufgehört, weil wir uns der Bedeutung dieser heiligen Mission bewusst waren.

»Dann sah ich, wie die Finger der leitenden Ärztin zu zittern begannen und wie ihr Tränen in den Augen standen.«

Wie und wann haben Sie dann die sterblichen Überreste von Ran Gvili geborgen?
Es war etwa 2.15 Uhr am Montagmorgen. Ich stand neben der leitenden Ärztin und hörte sie plötzlich rufen, man solle ihr nochmals den Leichnam Nummer 181 bringen. Wir legten ihn auf eine Trage und trugen ihn in das Labor. Dort untersuchten ihn sechs Zahnärzte. Auch die Anthropologen begannen, den Körper zu untersuchen. Ich erinnere mich, dass er mit einer braunen Decke bedeckt war. Und dann sah ich, wie die Finger der leitenden Ärztin zu zittern begannen und wie ihr Tränen in den Augen standen.

Was geschah dann?
Wir hatten eine Vereinbarung, dass wir, selbst wenn wir ihn identifizieren können, dies nicht sofort bekannt geben würden. Zunächst sollte die IDF seinen Eltern und dem Rest der Familie Bescheid geben. Sie sollten es nicht irgendwo in den sozialen Medien erfahren. Also taten wir so, als wäre alles normal. Der Leiter der Geheimdienstabteilung vor Ort informierte mich schließlich, dass die Eltern unterrichtet worden waren. Also riefen wir alle zusammen, wir standen in einem großen Kreis. Und dann sagte mein Stellvertreter, der die gesamte Operation leitete: »Leute, wir haben ihn gefunden.«

Sein Leichnam wurde nach Israel überführt und beigesetzt. Haben Sie auch die Familie getroffen?
Die Beerdigung fand am Mittwoch statt. Wir waren dabei und sagten danach im Trauerzelt den Eltern, Itzik und Talik, wer wir sind. Wir saßen mit ihnen zusammen und weinten gemeinsam. Ich habe ihnen erzählt, dass wir Ran viele Male gesucht haben, bei verschiedenen Einsätzen. Und ich habe mich im Namen der IDF entschuldigt, dass wir mehr als 800 Tage gebraucht haben, um ihn zu finden. Dann haben wir zusammen »Ani Maamin« gesungen.

Welche Bedeutung hat dieses Lied für Sie?
Es geht darin um das Warten auf den Messias. Und obwohl er sich Zeit lässt und es dauert, bis er kommt, gibt das Volk Israel nicht auf, lässt nicht locker und wartet weiter. So hat es auch sehr lange gedauert, bis wir Ran gefunden haben. Alle haben gewartet und nicht aufgegeben, bis wir ihn endlich nach Israel zurückgebracht haben, um ihn dort ordnungsgemäß zu bestatten.

Die Rettung der sterblichen Überreste, ihre Bergung und die Ermöglichung einer ordnungsgemäßen Bestattung in Israel ist die Aufgabe Ihrer Einheit. Vor welchem Hintergrund wurde sie gegründet?
Seit dem Zweiten Libanonkrieg und auch bei verschiedenen Gelegenheiten, bevor sich Israel aus dem Gazastreifen zurückzog, haben sowohl die Hisbollah als auch die Hamas eine Strategie entwickelt, die darin bestand, so viele tote oder lebende israelische Soldaten wie möglich zu entführen, um bestimmte Ziele zu erreichen. Das erste Ziel war, zu verhandeln und Terroristen freizupressen, die in israelischen Gefängnissen sitzen. Und das zweite Ziel war, die Stärke und den Willen der Familien und der IDF zu schwächen. Die Hisbollah machte Fotos von unseren toten Soldaten, verbreitete diese über soziale Medien, um sicherzustellen, dass jede Familie in Israel sie sieht, und damit unsere Kampfbereitschaft, unsere Zuversicht und unser Sicherheitsgefühl immer mehr zu schwächen.

Und um dies zu verhindern, ist Ihre zum Militärrabbinat gehörende Einheit im Einsatz. Wer ist daran beteiligt?
Es sind ehemalige Kampfsoldaten der Infanteriedivision, die während ihrer Reservezeit im Such- und Rettungsdienst dienen. Ich bin der Leiter des Kommandos Süd. Auf Hebräisch heißt es Yasar, die Abkürzung für »Such- und Rettungseinheit«. Ich gehöre seit 18 Jahren zu diesem Bataillon. Insgesamt sind wir mehr als 400 Soldaten.

»Wir wurden einberufen, um alle Leichen des Massakers des 7. Oktobers zu lokalisieren und zu evakuieren.«

Seit dem 7. Oktober 2023 sind Sie fast ununterbrochen im Einsatz.
Wir wurden einberufen, um alle Leichen des Massakers, das sich an diesem Tag ereignete, zu lokalisieren und zu evakuieren – sowohl Zivilisten als auch Soldaten. Wir begannen unsere Mission am 7. Oktober 2023 um 18 Uhr und sind seitdem ohne Unterbrechung während des gesamten Krieges im Einsatz.

Sie geraten dabei auch unter Beschuss, es ist eine sehr gefährliche Mission. Es ist zweifellos eine religiöse Pflicht, aber gilt nicht auch, dass Sie Ihr Leben für diese Mizwa nicht gefährden dürfen?
Das ist eine berechtigte Frage. Und ich möchte sie historisch und biblisch gesehen am Beispiel von Schimschon beantworten. Er kam nach seiner Gefangenschaft bei den Philistern ums Leben. In der Bibel steht, dass seine Brüder nach Gaza gingen und seinen Leichnam zurückbrachten. Nun weiß jeder, der den Tanach studiert hat, dass Schimschons Mutter keine Kraft hatte, Kinder zu gebären. Es waren also nicht seine leiblichen Brüder. Es handelte sich um Männer des Volkes Israel, die sich in Lebensgefahr begaben, um nach Gaza zu gehen und Schimschons Leichnam nach Israel zu bringen.

Das ist also das biblische Erbe?
Genau. Wenn eine Person getötet wurde, weil sie Jude war, Teil des Volkes Israels und für Kiddusch Haschem gestorben ist, dann steht die Ehre und Würde des gesamten Volkes Israel auf dem Spiel. Und um das Volk zu verteidigen und zu ehren, sind wir dazu verpflichtet, uns auch selbst in Gefahr zu begeben.

Rabbiner sagen, die Opfer des Massakers vom 7. Oktober und des nachfolgenden Krieges seien für »Kiddusch Haschem«, also für die Heiligung des göttlichen Namens, gestorben. Führt dies zur Verpflichtung, sie zur Beisetzung nach Israel zu bringen?
Ja, wir müssen alle zurückholen. Wenn es um einen Soldaten geht, einen Bürger Israels, der für Kiddusch Haschem gestorben ist und entführt wurde, weil er Teil des jüdischen Volkes und Teil Israels ist, dann gibt es keinen Zweifel. Man tut alles, was nötig ist. Wir haben dafür sogar Chillul Schabbat in Kauf genommen, also den Schabbat entweiht.

»Man tut alles, was nötig ist. Wir haben dafür sogar Chillul Schabbat in Kauf genommen, also den Schabbat entweiht.«

Nach dem Religionsgesetz sind auch die Autopsie oder die Umbettung von sterblichen Überresten verboten. Warum ist das in diesem Fall nicht relevant?
Der Gesetzeskodex »Schulchan Aruch« bezieht sich dabei nicht auf nationale, sondern auf private Dilemmata. Da geht es um Personen, die, Gott bewahre, etwa nach einem Unfall oder einer Krankheit gestorben sind. Aber wir haben hier eine andere Situation. Und der Schulchan Aruch wurde zur Zeit der Diaspora geschrieben, auch wenn er in Israel verfasst wurde. Aber das war zu einer Zeit, als Israel noch kein Staat war, keine Regierung und keine Armee hatte. Jetzt haben wir eine ganz andere Situation.

In diesem Sinne leisten Sie Ihren Reservedienst?
Ja, seit zweieinhalb Jahren. Ich habe aufgehört zu zählen, nachdem ich die 700 Tage überschritten hatte. Wenn ich nicht in Uniform bin, was in letzter Zeit eher selten vorkam, arbeite ich als Manager für strategische Planung und Budgetierung beim israelischen Zentralamt für Statistik.

Sie sind 46 Jahre alt, verheiratet, haben sechs Kinder. Sie nennen Ihren Einsatz eine »heilige Mission«. Sieht das Ihre Familie genauso?
Zunächst einmal ist klar, dass meine Familie wie Tausende andere Familien einen Preis dafür zahlt. Wir alle zahlen einen hohen privaten Preis dafür. Und es ist nicht einfach. Es gibt verschiedene psychologische Probleme, es gibt Probleme am Arbeitsplatz. Aber was würden wir tun, wenn die Hamas beispielsweise auch zu uns nach Hause käme? Es gibt also nicht wirklich eine Alternative.

Aber dennoch: Wie geht Ihre Familie damit um?
Als es einmal für uns als Familie etwas zu schwierig wurde, bin ich mit meiner Frau zu einer Schiwa für einen Soldaten aus unserer Nachbarschaft in Beit Schemesch gegangen. Er war auf dem Schlachtfeld gefallen. Unsere Einheit hatte die Ehre, ihn zu einer angemessenen Beerdigung nach Israel zu holen. Dann saßen wir dort Schiwa. Man hat die Eltern und die Brüder und Schwestern des Soldaten gesehen und verstanden, dass das, was wir tun, ihnen Leben gibt. Und als jemand aus der Familie sagte, dass ich Teil des Teams war, das sich um den Soldaten gekümmert hat, kamen sie zu mir und küssten mir die Hände. Nun brauche ich niemanden, der meine Hände küsst. Aber für sie ist es von unschätzbarem Wert, dass wir da waren, uns um ihren Sohn und Bruder gekümmert und ihn zur Familie zurückgebracht haben. Solche Momente geben uns Kraft und die Fähigkeit weiterzumachen und durchzuhalten.

Bedeutet das Durchhalten auch, mit den Bildern des Grauens umzugehen, die man gesehen hat?
Natürlich, das ist sehr schwer. Ich habe mehr als 100 Soldaten in meiner Einheit, die mit verschiedenen posttraumatischen Symptomen zu kämpfen haben. Das ist Teil des Preises, den man für das Leben in Eretz Israel zahlt. Aber es ist etwas, für das wir uns alle entschieden haben, und wir fühlen uns privilegiert, diese Mizwa ausführen zu dürfen. Und dazu möchte ich Ihnen etwas sehr Persönliches erzählen. Mein Urgroßvater hieß Israel, Raw Israel. Er war Rabbiner einer kleinen Gemeinde in Galizien. Als die Nazi-Deutschen dorthin kamen, trieben sie die gesamte Gemeinde zusammen, und er trat vor, um den deutschen Offizier zu konfrontieren, der gekommen war, um zur Gemeinde zu sprechen. Der deutsche Offizier holte eine Schere heraus und schnitt ihm die Schläfenlocken ab. Nur um ihn zu demütigen. Daraufhin schlug ihm mein Urgroßvater, Rabbi Israel, ins Gesicht. Der deutsche Offizier zog seine Pistole und erschoss ihn auf der Stelle. Und seine Leiche und die Leichen dieser Gemeinde lagen dort, wer weiß wie lange. Hat jemand sich um sie gekümmert, sie begraben? Niemand wusste es. Damals gab es noch keine jüdische Armee.

Das macht den Unterschied aus?
Genau! Bei unserem Einsatz am 7. Oktober betrat ich spätabends einen dieser kleinen Luftschutzbunker, in denen sich die Menschen vor den Bomben versteckten und in denen sie sich sicher fühlten. Doch es kamen Terroristen und schlachteten sie genau dort ab. Ein solcher »Megunit« ist sehr klein, etwa zwei Quadratmeter groß. Und ich ging hinein und sah etwa 15 junge Männer und Frauen, die dort getötet worden waren. Und das erinnerte mich daran, was ich gesehen hatte, als ich als Elfjähriger die Todeslager in Polen besuchte. Da kam mir für einen Augenblick das Bild meines Urgroßvaters in den Sinn. Und ich sagte: Nie wieder. Ich bin hier als Offizier der IDF, wurde von meiner Regierung geschickt, wurde vom Volk Israel, Am Israel, entsandt. Nie wieder wird es einen Holocaust geben.

Aus Sicherheitsgründen ist der Name des Kommandeur der israelischen Armee-Einheit »Yasar Darom« anonymisiert. Mit ihm sprach Detlef David Kauschke.

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