Talmudisches

Der Hohepriester und der Feldherr

Alexander der Große (356 v.d.Z.–323 v.d.Z.) auf einem Mosaik, das im 19. Jahrhundert bei Ausgrabungen in Pompeji gefunden wurde Foto: Ullstein

Der Talmud erzählt folgende Aggada: »Der 25. Tag des Monats Tewet ist ein Feiertag, an dem kein Fasten erlaubt ist. Dieser Tag heißt ›Jom Har Gerisim‹ (›Tag des Berges Gerisim‹). An diesem Tag baten die Samariter den makedonischen Welteroberer und hellenistischen Herrscher Alexander den Großen um Erlaubnis, den Heiligen Tempel in Jerusalem zu zerstören« (Joma 69a).

Wer waren diese Samariter? Auf Hebräisch werden sie Schomronim genannt. Sie sind eine Volksgruppe, die aus der Umgebung der heute irakischen Stadt Kuti stammt und von den babylonischen Invasoren bei ihrer Eroberung Judäas nach dem Jahr 586 v.d.Z. in den entvölkerten Gegenden Schomrons, Samarias, angesiedelt wurde. Im Talmud werden die Samariter deshalb auch Kutiim genannt.

Die Kutiim baten die Babylonier um Erlaubnis, die Götter des Landes Judäa kennenzulernen. Daraufhin wurden ihnen einige jüdische Lehrmeister zur Verfügung gestellt. Jedoch lernten die Kutiim die Lehre Israels nur sehr mangelhaft. Aus diesem Grund behandeln die Rabbinen des Talmuds und des Midrasch sie sehr kritisch und lehnen sie häufig ab. So lehren sie zum Beispiel: »Wenn ein Samariter eine Bracha spricht, sag nach ihr nicht ›Amen‹, denn man kann nicht wissen, welche Gedanken er mit dieser Bracha verbindet.«

Samariter Die Erzählung vom »Barmherzigen Samariter« aus dem sogenannten Neuen Testament erweckt den Eindruck, alle Samariter seien barmherzig gewesen. Doch unsere Geschichte aus dem Talmud beweist, dass dies nicht stimmt.

Der jüdische Hohepriester Schimon HaZaddik (Simon der Gerechte) wurde darüber informiert, dass die Samariter den Tempel zerstören wollten. Er zog sich sein Priestergewand an und rief einige jüdische Edelleute. Sie nahmen Fackeln und gingen die ganze Nacht hindurch Alexander dem Großen entgegen.

Die Juden jener Zeit hatten ein gutes Verhältnis zum Herrscher. Denn er erlaubte ihnen, weiterhin nach ihren Gesetzen zu leben, und sie erhielten sogar in jedem siebenten Schabbatjahr Steuerfreiheit.

Als die Morgenröte den Himmel erleuchtete, sah Alexander in der Ferne die Umrisse des Hohepriesters und seiner Begleiter und fragte jemanden aus seinem Gefolge, wer diese Männer seien.

Die Kutiim, die ihn begleiteten, antworteten, dass dies die Juden seien, die gegen den großen Alexander rebellieren.

Als sie sich der Stadt Kfar Saba näherten und die Sonne aufging, konnte Alexander die Züge von Schimon HaZaddik erkennen. Der Feldherr stieg aus seinem königlichen Wagen und warf sich vor Schimon nieder. Die Kutiim, die Alexander begleiteten, waren verwirrt und fragten ihn, warum ein so großer und mächtiger König wie er sich vor einem Juden verbeugt.

TRäume Da erzählte ihnen Alexander, dass ihm in den Träumen vor seinen Schlachten Schimon HaZaddiks Gesicht erscheint und ihm den Sieg zusichert.

Alexander fragte Schimon, warum er sich ihm näherte. Schimon sagte: »Ist es möglich, dass der Heilige Tempel, in dem Gebete auch für euch und euer Reich gesprochen werden, zerstört werden soll, weil Götzenanbeter es so geplant haben?«

Alexander fragte: »Von wem sprichst du?« Und Schimon antwortete: »Ich spreche von diesen Männern (den Kutiim), die vor dir stehen.« Da erteilte Alexander den Juden die Erlaubnis, mit dem Tempel der Kutiim auf dem Berg Gerisim das zu tun, was sie mit dem Heiligen Tempel in Jerusalem vorhatten. Der Tempel des Berges Gerisim wurde zerstört, und zum Gedenken daran feierten die Juden ein großes Fest.

So stand Schimon HaZaddik mutig vor dem mächtigsten Mann auf Erden und verteidigte die Ehre G’ttes und die Heiligkeit Seines Tempels.

Der Talmud erzählt weiter, dass Alexander verlangte, eine Statue von ihm im Tempel aufzustellen. Doch Schimon sagte, dies sei G’tt ein Gräuel, und versprach stattdessen, dass alle Knaben, die in diesem Jahr den Priestern geboren werden, Alexander heißen sollen.

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