Gericht

Bilanz ziehen

Am sechsten Tag der Schöpfung, am 1. Tischri, erschuf G’tt den ersten Menschen. Foto: Dovapi

Laut der jüdischen Tradition begann G’tt am 25. Elul mit der Erschaffung der Welt, und am sechsten Tag der Schöpfung, am 1. Tischri, wurde Adam HaRischon, der erste Mensch, erschaffen (Wajikra Rabba 29,1).

Der Zweck der Schöpfung und die Funktion des Menschen in dieser Welt ist es, G’tt zu dienen und Seine Gebote zu befolgen. Auf diese Weise verdient sich der Mensch seinen Anteil an der kommenden Welt, der Welt des spirituellen Genusses, anstatt Nahama deKisufa, unverdiente Leistungen, von G’tt zu erhalten (Derech Haschem von Rabbi Mosche Chaim Luzzatto, 18. Jahrhundert).

Am sechsten Tag der Schöpfung, am 1. Tischri, erschuf G’tt den ersten Menschen.

In der Mischna (Rosch Haschana 1,1) steht, dass sich jeder Mensch jedes Jahr an Rosch Haschana, dem Jahrestag seiner Erschaffung, vor dem himmlischen Gericht verantworten muss, inwiefern er seine Aufgabe in dieser Welt während des vergangenen Jahres erfüllt hat. Und dementsprechend wird sein Urteil gefällt.

Die Tage des Gerichts dauern bis Jom Kippur, dem Tag der Sühne, an dem G’tt dem jüdischen Volk die Sünde des Goldenen Kalbs in der Wüste verziehen hat. Bis dahin bekommt der Mensch die Möglichkeit, seine Sünden zu bereuen und Teschuwa zu machen, zu G’tt zurückzukehren, um ein gutes Urteil zu bekommen.

Im Talmud wird der Ablauf dieses Gerichts genauer beschrieben: »Rabbi Kruspedai lehrte im Namen von Rabbi Jochanan: Drei Bücher werden an Rosch Haschana geöffnet – das Buch der Sünder, das der vollkommenen Gerechten und das der Mittelmäßigen. Die vollkommenen Gerechten werden sofort ins Buch des Lebens eingeschrieben, und (ihr Urteil) wird besiegelt. Die Sünder werden sofort ins Buch des Todes eingeschrieben, und (ihr Urteil) wird besiegelt. Das Urteil der Mittelmäßigen dauert von Rosch Haschana bis Jom Kippur. Wenn sie es verdienen (indem sie Teschuwa machen), dann werden sie ins Buch des Lebens eingeschrieben, und wenn nicht, dann ins Buch des Todes« (Rosch Haschana 15b).

METAPHER Der Meiri, Rabbi Menachem Ben Schlomo (1249–1315), erklärt, dass mit den drei Büchern keine richtigen Bücher gemeint sind, sondern es ist ein metaphorischer Ausdruck für drei verschiedene Kategorien von Urteilen.

Im Talmud wird aber nicht erläutert, wer als vollkommener Gerechter beziehungsweise Sünder qualifiziert wird und worum es bei diesem Urteil geht. Bezüglich dieser Frage gehen die Meinungen der Rischonim, der Gelehrten des Mittelalters, auseinander.

Die Tosafisten, Gelehrte im 11. bis 13. Jahrhundert in Deutschland und Frankreich, sind der Meinung, dass an Rosch Haschana nicht über das Schicksal des Menschen in dieser Welt entschieden wird, sondern über jenes in der kommenden Welt. Vollkommene Gerechte werden mit dem Gan Eden, dem Paradies, belohnt, während vollkommene Sünder zunächst mit dem Gehinom bestraft werden, einem Ort, an dem sie schmerzhaft spirituell gereinigt werden.

Die Tosafisten argumentieren, dass es viele Sünder gibt, die lange und in Frieden leben, und nicht wenige Gerechte, die in dieser Welt leiden und frühzeitig sterben, sodass es in Rabbi Kruspedais Aussage über das Gericht an Rosch Haschana nicht um das Schicksal des Menschen in dieser Welt gehen kann.

Die Erklärung für diese scheinbare Ungerechtigkeit (Gerechte müssen leiden, und Sünder leben friedlich) wird im Talmud angedeutet: G’tt bestraft den Gerechten in dieser materiellen Welt mit, im Vergleich zur kommenden Welt, milden Strafen, um ihn von seinen Sünden zu reinigen, sodass sich der Gerechte keiner schmerzhaften spirituellen Reinigung in der nächsten Welt unterziehen muss (Kidduschin 39b).

Sünder hingegen werden in dieser materiellen Welt für ihre einzelnen guten Taten mit Reichtum und einem langen Leben belohnt, müssen aber später, in der nächsten Welt, die schrecklichen Leiden des Gehinoms ertragen, um sich von ihren zahlreichen Sünden zu reinigen, bevor sie in den Gan Eden dürfen.

ZUKUNFT Spätere Gelehrte wie der Ramban (1194–1270), Raschba (1235–1310) und Ritva (1250–1320) lehnen die Interpretation der Tosafisten mit der Begründung ab, dass aus den Gebeten an Rosch Haschana deutlich zu erkennen ist, dass an diesem Tag über die Zukunft des Menschen in dieser Welt entschieden wird.

Um die Frage der Tosafisten zu beantworten, wie es sein kann, dass Gerechte in dieser Welt sterben und Sünder leben, erklären sie, dass mit »Gerechten« und »Sündern« in der Aussage von Rabbi Kruspedai nicht unbedingt Gerechte und Sünder im wörtlichen Sinne gemeint sind.

Ihrer Auffassung nach kann unter dem Begriff »Sünder« auch ein Gerechter verstanden werden, der in dieser Welt eventuell sogar mit dem Tod bestraft wird, um ihn von seinen Sünden zu reinigen und ihm einen sofortigen Eintritt in die kommende Welt zu ermöglichen. Ebenso kann mit »Gerechter« ein Mensch gemeint sein, der in Wahrheit ein Sünder ist, jedoch in dieser Welt fürstlich belohnt wird, um in der kommenden Welt ausschließlich bestraft zu werden.

Die Tosafisten lehnen diese Erklärung ab, weil der Talmud solche Menschen nicht als »vollkommene Gerechte« oder »vollkommene Sünder« bezeichnen würde.

Auch der Rambam (1135–1204) scheint es so zu verstehen, dass sich das Urteil an Rosch Haschana auf die Zukunft des Menschen in dieser Welt bezieht. Jedoch scheint er eine andere Antwort auf die Frage der Tosafisten vorzuschlagen.

Drei Bücher werden an Rosch Haschana geöffnet: für Sünder, Gerechte und Mittelmäßige.

Er schreibt, dass niemand außer G’tt allein weiß, wie man den spirituellen Status eines Menschen bestimmt. Es gibt »große« Gebote, die mehrere Sünden überwiegen, und umgekehrt überwiegen ebenso manche schweren Sünden mehrere Gebote. Außerdem müssen der Charakter beziehungsweise die Natur des Menschen und der Schwierigkeitsgrad der Versuchung berücksichtigt werden (Jad Chasaka, Hilchot Teschuwa, Kap. 3, Halacha 3).

Bis jetzt wurden in den Erklärungen der Rischonim nur zwei Möglichkeiten diskutiert: Beim Gericht an Rosch Haschana wird entweder über die Zukunft des Menschen in dieser materiellen oder in der kommenden spirituellen Welt entschieden.

Der Gaon von Wilna, Rabbi Elijahu Salman (1720–1797), ist hingegen der Ansicht, dass an Rosch Haschana über beides entschieden wird. Doch sieht er einen Unterschied: Das Schicksal in dieser Welt wird für alle, also sowohl für Gerechte als auch für Sünder, erst an Jom Kippur endgültig besiegelt, während bezüglich des Schicksals in der kommenden Welt zwischen Gerechten, Mittelmäßigen und Sündern unterschieden wird.

Teschuwa Auf die Aussage von Rabbi Kruspedai über die »Mittelmäßigen« gibt es eine bekannte Frage: Er lehrte, dass sie, wenn sie bis Jom Kippur keine Teschuwa machen, genauso wie die Sünder ins Buch des Todes eingeschrieben werden. Denn die Frage ist: Was hat sich verändert? Genauso wie sie bis jetzt mittelmäßig waren, werden sie es auch nach Jom Kippur sein.

Rabbenu Jona, Rabbi Jona Gerondi (1180–1263), erklärt, dass es in diesen Tagen zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur eine besondere Mizwa ist, Teschuwa zu tun, weil sich G’tt, metaphorisch ausgedrückt, in unserer Nähe befindet, so wie geschrieben steht: »Suchet den Ewigen, solange er gefunden werden kann. Ruft zu Ihm, solange Er nahe ist« (Jeschajahu 55,6). Diese Gelegenheit ungenutzt zu lassen, ist eine große Sünde, was die Waage bei den Mittelmäßigen auf die Seite der Sünden ausschlagen lässt.

Mögen wir alle an Rosch Haschana ins Buch des Lebens, in dieser Welt und in der nächsten Welt, eingeschrieben werden. Schana tova!

Der Autor ist angehender Rabbiner. Er studiert im Jerusalem Kollel.

Wajakhel–Pekudej

Serie mit Botschaft

In »Alles für die Liebe« geht es um Familie, Zusammenhalt und Werte, die bereits im Mischkan und heute am Pessachfest eine besondere Bedeutung haben

von Yonatan Amrani  13.03.2026

Talmudisches

Die Zahl Dreizehn

Was unsere Weisen über Vollständigkeit und gʼttliche Ordnung lehren

von Chajm Guski  13.03.2026

Unterricht

Wenn Lehrer lernen

Jüdische Religionspädagogen aus ganz Deutschland treffen sich zur Weiterbildung – und finden Wege, alte Texte mit Theater, TikTok und KI wieder lebendig werden zu lassen

von Mascha Malburg  13.03.2026

Pro & Contra

Braucht es jüdischen Feminismus?

Ja, sagt Valérie Rhein: »Weil er zu einem hierarchieloseren Miteinander beiträgt.« Nein, findet Noémi Berger: »Gleichwertigkeit ist das Fundament, auf dem jüdisches Leben gebaut ist.«

von Valérie Rhein, Noemi Berger  12.03.2026

Chabad

Europäische Rabbiner tagen in Berlin

Die Hauptstadt ist seit Montag Treffpunkt von rund 180 Rabbinern aus ganz Europa

 09.03.2026

Talmudisches

Neidisch

Was unsere Weisen über Zufriedenheit lehren

von Detlef David Kauschke  06.03.2026

Verantwortung

Zerbrochen und erneuert

Die Geschichte von Mosche und den zweiten Gesetzestafeln zeigt, dass Gestaltungswille uns den Weg zu Gott öffnet

von Paige Harouse  06.03.2026

Dialog

Judaist Rutishauser: Antisemitismus greift tief in die Psyche

Am Sonntag erhält Christian Rutishauser die Buber-Rosenzweig-Medaille für seine Verdienste um den christlich-jüdischen Dialog. Was er zum Antisemitismus sagt - und warum die Gesellschaft »auf die Couch« müsse

von Leticia Witte  06.03.2026

Gespräch

»Das Leben ist keine schicksalhafte Tragödie«

Der Luzerner Jesuit und Judaist Christian Rutishauser erhält für seinen Einsatz im christlich-jüdischen Dialog die Buber-Rosenzweig-Medaille. Hier erzählt er, was ihn am rabbinischen Denken fasziniert

von Richard Blättel  05.03.2026