Interview

»Zögerliche Bedenkenträger«

Dieter Graumann Foto: Rafael Herrlich

Herr Graumann, eine Woche nach der Gedenkfeier für die Opfer des rechtsextremistischen Terrors: Was bleibt von den bewegenden Worten?
Den Worten müssen nun wirklich Taten folgen. Klare Worte sind wichtig. Auch Taten sind nicht immer alles. Aber ohne Taten ist alles gar nichts. Sicherlich werden wir niemals den Schmerz und Verlust der Angehörigen der Opfer lindern können, aber wir müssen alles dafür tun, dass sich solche Gewalttaten nie mehr wiederholen. Dazu brauchen wir in der Gesellschaft einen Ruck gegen Rechts, mehr Engagement des Herzens für die Menschlichkeit und gegen den Hass.

Dazu zählen Sie das Verbot der NPD. Rechnen Sie mit einem baldigen Verfahren? Der neue Generalbundesanwalt Harald Range ist eher skeptisch.
Die zögerlichen Bedenkenträger scheinen leider im Moment wieder Hochkonjunktur zu haben. Über das Thema ist aber nun lange genug gesprochen worden. Jetzt muss gehandelt werden. Wann eigentlich soll denn ein Verbotsverfahren überhaupt noch kommen – wenn nicht jetzt? Die NPD darf nicht den Anschein von politischer Legalität und Legitimität behalten. Und dass sie sogar noch staatlich subventioniert wird, um ihr böses Gift zu verbreiten, ist eine Schande, für die ich einfach kein Verständnis mehr aufbringen kann. Wer jetzt noch zögert, die Faschistenpartei zu verbieten, der wird diesen Schritt nie mehr gehen. Und das wäre ein grober moralischer Fehler.

Sie haben auch ein Eintreten gegen rechtsextreme Burschenschaften gefordert. Der Burschenschaften-Bundesverband hat sich gegen den vermeintlichen Pauschalvorwurf verwahrt. Wie reagieren Sie darauf?
Wer laut hinausschreit, sollte besser zunächst einmal richtig hinhören. Denn einen Pauschalvorwurf gab es doch niemals, vielmehr war explizit nur von rechtsextremen Burschenschaften die Rede. Die gibt es bedauerlicherweise sehr wohl. Gerne erinnern wir bei Bedarf an die entsprechenden Meldungen. Der Bundesverband sollte sich von diesen Gruppen auch klarer distanzieren, anstatt sie, wie es nun scheinen mag, womöglich noch in Schutz zu nehmen. Und im Übrigen: Die Deutsche Burschenschaft hat wenig Anlass, ausgerechnet uns Belehrungen zu erteilen. Vergessen wir nicht: Schon 1920, also lange vor der Nazizeit, hatten die deutschen Burschenschaften insgesamt offiziell beschlossen, keine Juden mehr anzunehmen. Ein wenig mehr Demut auf dieser Seite wäre daher heute gar nicht so schlecht.

Am Rande der Gedenkfeier haben Sie mit Joachim Gauck gesprochen. Wie ist Ihre Meinung zum designierten Bundespräsidenten?
Ich bin zuversichtlich, dass er ein sehr würdiger Bundespräsident sein wird. Womöglich auch ein nicht immer ganz bequemer. Er wird sicher frischen Wind in die deutsche Politik bringen. Dieser Wind mag dann auch manchmal denen direkt ins Gesicht wehen, die ihn jetzt besonders laut preisen. Aber das muss ja gar nicht verkehrt sein.

Mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden sprach Detlef David Kauschke.

Medien

KI-Verstoß: »Tagesspiegel« nimmt Casdorff-Texte offline

Stephan-Andreas Casdorff verfasste auch für die Jüdische Allgemeine Kommentare. Die Redaktion prüft, ob auch diese Texte von einer KI statt von Casdorff selbst verfasst wurden

 12.06.2026

Berlin

»Ich bin stolz! Sehr stolz«

Dieter Nuhr ist mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden geehrt worden. Wir dokumentieren hier exklusiv seine Rede im Wortlaut

von Dieter Nuhr  12.06.2026 Aktualisiert

Debatte

Soll die Bevölkerung in der Schweiz auf 10 Millionen begrenzt werden?

Ein Pro & Contra

von Jessie Katz, Zsolt Balkanyi-Guery  12.06.2026

Berlin

Bundesrat für Verbot von Handel mit Dokumenten von NS-Opfern

»Wir dulden es nicht länger, dass aus dem Leid der NS-Opfer Profit geschlagen wird«, sagt NRW-Justizminister Benjamin Limbach (Grüne)

 12.06.2026

Ankara

Erdoğan vergleicht Netanjahu erneut mit Hitler

»Wer Hitlers Weg folgt, sollte nicht vergessen, dass sein Schicksal dem anderer Tyrannen in der Geschichte gleichen wird«, erklärt der türkische Präsident in Richtung des israelischen Regierungschefs

 12.06.2026

Debatte

Mario Voigt nutzte KI für Reden zum Holocaust-Gedenken

Ein Portal findet mit KI-Analyse-Werkzeugen Auffälligkeiten in Beiträgen von Thüringens Regierungschef. Wie viel KI darf in einer Rede zum Holocaust-Gedenktag stecken?

 12.06.2026

Berlin

Anne-Frank-Tag: Bildungsstätte sieht Antisemitismus-Flut im Internet

»Wir erleben aktuell, dass sowohl rechtsextreme als auch islamistische und linke Gruppen antisemitisch agieren, antisemitische Narrative aber zugleich in der Mitte der Gesellschaft fest verankert sind«, sagt Deborah Schnabel

 12.06.2026

Brüssel

Kallas vergleicht Israel mit Apartheids-Südafrika

Die EU-Außenbeauftragte wird für ihre Aussage von anderen EU-Diplomaten und -Beamten scharf kritisiert

 12.06.2026

Künstliche Intelligenz

Preiskrieg zwischen Giganten

Sam Altmans OpenAI will den aggressiv wachsende Rivalen Anthropic der Geschwister Daniela und Dario Amodei auf Distanz halten

 12.06.2026