Interview

»Wir haben die Kontrolle verloren«

Herr Rabbiner, die Woche der Brüderlichkeit steht in diesem Jahr unter dem Motto »Verlorene Maßstäbe«. Welche vermissen Sie denn?
Schon vor der Wirtschafts- und Bankenkrise sind Werte verloren gegangen: Gerechtigkeit und Fairness, Verantwortungsbewusstsein in der Politik und in Organisationen. Wir sind in ein Zeitalter geschlittert, in dem es nur noch gilt, den anderen an Größe und Macht zu übertreffen. Es gibt keine Grenzen mehr. Gebäude müssen höher werden, Profite steigen, nur Superlative zählen. Wir haben eine Gesellschaft, in der ein Tennis- oder Fußballspieler um das Tausendfache mehr verdient als ein Top-Chirurg oder ein Staatsminister. Dienste an der Gesellschaft und am Menschen haben keinen Wert mehr.

Nun ist Fortschritt an sich nichts Schlechtes. Wann wird das positive Streben nach Höherem zum Größenwahn?
Die Trennlinie verläuft parallel zu dem Gefühl für Verantwortung. In der Tora wird Besitz als solcher nicht angeprangert. »Wenn du satt wirst und dir große Häuser baust und dein Besitz sich vermehrt, dann sollst du nicht Gott vergessen«, heißt es dort. Dies bedeutet nicht, ein paar Gebete aufzusagen und ein bisschen fromm zu sein. Es geht um das Bewusstsein der Verantwortung aller Menschen: Mit dem Besitz wächst auch die Verantwortung. Diese Maxime finden wir in den Weisheiten vieler Religionen, der christlichen, der jüdischen und der buddhistischen.

Wie ist es möglich, zu diesen Werten zurückzukehren?
Wir brauchen eine gesellschaftliche Bewegung, die von der Basis kommt. An dieser Stelle sehe ich die große Verantwortung und auch das große bisherige Scheitern aller Konfessionen und Religionen, die jüdische mit eingeschlossen. Sie hat sich so sehr mit Einzelproblemen wie persönlicher Frömmigkeit, Geboten und Verboten beschäftigt, dass dabei das übergreifende Ziel der Kontrolle der Gesellschaft im Sinne unserer Ethik völlig auf der Strecke geblieben ist. Im Judentum gibt es zudem eine starke Tendenz des Rückschritts in Richtung Mittelalter, zu Rezepten aus vergangenen Jahrtausenden.

Wie können wir uns den modernen Aufgaben auf ethischer Grundlage stellen?
Die Prinzipien des Judentums müssten eigentlich eine Vorbildfunktion haben. Sie sind sehr pragmatisch und aufs Diesseits bezogen. Das Judentum versucht ja, Antwort auf die Frage zu geben: Wie sollst du dein Leben gestalten? Da müssen wir ansetzen, das ist unsere wichtigste Aufgabe.

Sehen Sie einen Silberstreif am Horizont?
Nicht wirklich. In Deutschland haben wir all unsere Energie dem Thema Integration gewidmet. Auf der spirituellen Seite ist nichts passiert. In Israel dagegen erkenne ich in einigen, leider noch kleinen Gruppen, die Bereitschaft, sich dem Wesentlichen anzunähern. Gerade in intellektuellen Kreisen gibt es Ansätze umzudenken und den Willen, alte Ideale für die Moderne neu zu definieren.

Mit dem Rabbiner der Gemeinde Augsburg sprach Heide Sobotka.

Handelte es sich beim Nationalsozialismus um eine linke Ideologie?

Ein Faktencheck

 23.10.2026

Justiz

Ermittler: Ahmetovic kooperierte nicht bei Durchsuchungen

Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt im Zusammenhang mit der Ausschreibung eines früheren Klinikgeländes in Lehrte bei Hannover gegen den SPD-Politiker

 23.10.2026

Berlin

Umfrage: Mehrheit lehnt rot-grün-rote Koalition ab

Linke, SPD und Grüne verhandeln derzeit über eine gemeinsame Landesregierung. Eine solche Koalition stößt auf Skepsis - auch unter Anhängern von SPD und Grünen

 23.10.2026

Warschau

Polen rügt Ehrung für ukrainische Nationalisten in Lwiw

Erst ein Ehrentitel für eine ukrainische Einheit, nun ein Gedenkjahr für nationalistische Untergrundkämpfer: Der Geschichtsstreit zwischen Polen und der Ukraine flammt erneut auf

 23.10.2026

Umfrage

Umfrage: So würde Deutschland abstimmen, wenn am Sonntag Wahlen wären

 23.10.2026

München

Aigners Befund zu Judenhass: »Das ›Nie wieder!‹ ist tot«

Die bayerische Landtagspräsidentin gibt eine schonungslose Analyse zum Antisemitismus in Deutschland. Doch sie sieht auch hoffnungsvolle Ansätze, um gegenzusteuern

 23.10.2026

Deutschland

Wie hält es die CDU in Sachsen-Anhalt mit der AfD?

AfD-Politiker Siegmund braucht drei Stimmen aus anderen Reihen, um Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt zu werden. Ein CDU-Abgeordneter stellt sich nun gegen die CDU-Fraktionslinie

von Christopher Kissmann  22.10.2026

Debatte

Wahl in Israel: Star-Dirigent Lahav Shani meldet sich ausführlich zu Wort

In der Vergangenheit war der Musiker mehrmals im Visier radikaler Israelfeinde

 22.10.2026

Berlin

Zentralrat der Juden warnt vor rot-grün-roter Koalition

Schuster: »Im Kampf gegen Judenhass ist dieses Schauspiel ein echter Offenbarungseid«

 22.10.2026 Aktualisiert