Einspruch!

Westliches Wunschdenken

Angesichts der erdrückenden Übermacht der Islamisten im ersten frei gewählten ägyptischen Parlament flüchtet man sich im Westen in die Hoffnung, angesichts wachsender wirtschaftlicher Probleme würden sie sich an der Macht selbst »entzaubern«.

Doch davon kann auf absehbare Zeit keine Rede sein. Zunächst muss überhaupt erst einmal die Macht vom herrschenden Militärrat an die demokratischen Institutionen abgegeben werden. Ob und unter welchen Bedingungen er dazu bereit sein wird, ist die zentrale Frage der nächsten Phase des ägyptischen Umbruchs.

Demokratie In dieser Auseinandersetzung befinden sich die Muslimbrüder in einer komfortablen Lage. Als klare Wahlsieger können sie sich als Speerspitze der Demokratie gegen die tyrannische Herrschaft der Militärs präsentieren. Gleichzeitig aber bieten sie sich der Armee als Bündnispartner an. Sind doch nur sie ausreichend organisiert, um die aufrührerischen Energien der ägyptischen Gesellschaft im Zaum zu halten.

Zudem: Ob sich die Islamisten jemals einer demokratischen Abwahl beugen würden, ist äußerst fraglich. Und würde Ägyptens Wählerschaft auf eine weitere Verschlechterung der ökonomischen Lage überhaupt so reagieren, wie westliches Wunschdenken es annimmt? Indem sie sich etwa plötzlich den marginalisierten – übrigens zum Großteil vehement antiisraelischen, wenn nicht offen antisemitischen – »liberalen Parteien« zuwendet?

Viel näher liegt, dass unter dem Einfluss der islamistischen Propaganda finstere ausländische Mächte für die Misere verantwortlich gemacht würden – in erster Linie Israel und »die Juden«. Auf wirtschaftlichen und sozialen Niedergang als Geburtshelfer politischer Vernunft zu setzen, ist fatal. Soziale Verzweiflung bringt die irrationalen Potenziale einer Gesellschaft erst recht zum Blühen. Und lieferte im Falle Ägyptens den Islamisten die Vorlage, ihre Anhänger für eine noch rigorosere »islamische« Gleichschaltung zu mobilisieren.

Der Autor ist Politischer Korrespondent der »Welt« und »Welt am Sonntag«.

Lahav Shapira

»Ich wurde angegriffen, weil ich für Israel einstehe«

Der Student wurde von einem Kommilitonen ins Krankenhaus geprügelt. Jetzt spricht er in der »Welt«

 22.02.2024

Rotes Meer

Frachtschiff in Brand geschossen

Das Schiff wurde mit zwei Raketen beschossen

 22.02.2024

Schweden

ESC könnte Israels Song disqualifizieren

Eden Golan will in Malmö »October Rain« singen, doch es gibt Streit um den Songtext

 22.02.2024

Frankfurt am Main

Konferenz zum Massaker der Hamas

Rund 300 Teilnehmer aus Deutschland und Israel tauschten sich aus

von Leticia Witte  22.02.2024

Antisemitismus

Kultivierter Judenhass

Am Mittwoch fand im Bundestagsausschuss für Kultur und Medien das Fachgespräch zum Thema Bekämpfung des Antisemitismus im Kulturbereich statt

von Ralf Balke  22.02.2024

Ukraine

Wütende Ohnmacht

Nach zwei Jahren Krieg trauert unsere Autorin über eine zerstörte Heimat – und will dennoch die Hoffnung nicht aufgeben

von Marina Weisband  22.02.2024

AfD

Juden als Feigenblatt

Ein neues Buch thematisiert den Antisemitismus in der Partei

von Matthias Meisner  22.02.2024

Einspruch

Geeint gegen Israel

Ninve Ermagan wundert sich, gegen welche Ungerechtigkeiten Muslime demonstrieren und gegen welche nicht

von Ninve Ermagan  22.02.2024

Interview

»Die Stimme der Opfer sein«

Shelly Tal Meron über sexualisierte Gewalt, den Kampf gegen das Vergessen und das nationale Trauma

von Nils Kottmann  22.02.2024