Analyse

Wege durch die Wüste

Scharm El-Scheich ohne Frieden ist besser als Frieden ohne Scharm El-Scheich», sagte Israels legendärer Verteidigungsminister Mosche Dayan in den 60er-Jahren, um zu begründen, weshalb er die 1967 eroberte Halbinsel auch für einen Frieden mit Ägypten niemals aufgeben wollte. Der Mann mit der Augenklappe sah klare Vorteile in einer ständigen israelischen Präsenz vor Ort, in erster Linie strategischer Natur. «Israel hat keine Grenze, es ist eine Grenze», beschrieb Dayan die Konturen des Zwergstaates, der vor dem Sechstagekrieg an seiner schmalsten Stelle 14 Kilometer breit war.

1967 Die Eroberung des Sinai, mit etwa 60.000 Quadratkilometern drei Mal so groß wie das Staatsgebiet Israels, bot dem Judenstaat erstmals strategische Tiefe. Die Nähe israelischer Truppen zum Suezkanal und zu Kairo stellte scheinbar sicher, dass jeder Angriff auf Israel mit extrem schmerzhaften Vergeltungsschlägen geahndet werden könnte.

Zudem hatte der Sinai große wirtschaftliche Bedeutung: Öl- und Gasvorkommen auf der Halbinsel machten Israels Energiesektor unabhängig. Chrom-, Mangan- und Zinnvorkommen versprachen dem ressourcenarmen Staat sichere Einnahmequellen, während Sinais Südküste sich schon bald zu einem einträglichen Touristenparadies entwickelte und ermöglichte, den Zugang zum Hafen von Eilat abzusichern.

Ganz zu schweigen von der historischen Bedeutung der Halbinsel: Hier wurden laut der Bibel ägyptische Sklaven zum jüdischen Volk geschweißt, das in direkten Kontakt zu dem Gott trat, der es fortan durch seine Geschichte begleitete. Kein Wunder also, dass nicht nur Dayan die Idee, den Sinai wieder aufzugeben, kategorisch ablehnte. Bis der Jom-Kippur-Krieg 1973 Israel eines Besseren belehrte.

jom-kippur-krieg Der Überraschungsangriff der Ägypter, die in den ersten Kriegstagen große Geländegewinne machten und auch danach der Zahal schwere Verluste zufügten, erschütterte Jerusalems Selbstvertrauen. Selbst Hardliner wie Dayan erkannten nun die Mängel eines blinden Vertrauens auf militärische Macht. Sie begannen stattdessen, international abgesicherte Verträge anzustreben.

Spätestens nach dem historischen Besuch von Ägyptens Präsident Anwar al-Sadat war eine Mehrheit der Israelis überzeugt, dass Frieden und Normalisierung der Beziehungen mit Ägypten einer andauernden Besatzung des Sinai vorzuziehen waren. Und so war es ausgerechnet Premierminister Menachem Begin, bis dahin wichtigster Fürsprecher einer Groß-Israel-Ideologie, der 1982 den gesamten Sinai für Frieden räumte. Damit hatte er den größten, gefährlichsten und mächtigsten arabischen Feindstaat diplomatisch neutralisiert.

Der Vertrag mit Kairo führte neue Begriffe im hebräischen Wörterbuch ein. Selbst Militärs sprachen jetzt von einer «Friedensdividende». Sie konnten Panzerdivisionen auflösen, der Staat dem Aufbau der Zivilgesellschaft mehr Budgets widmen. Der Vertrag mit Ägypten hatte Beispielscharakter, sollte Präzedenzfall für Friedensabkommen mit allen arabischen Staaten werden. Israels bisher problematischste Grenzzone wurde Naherholungsgebiet, der Traum von Kurzurlaub in Kairo Wirklichkeit. Nicht nur Dayan war Frieden ohne Scharm El-Scheich jetzt lieber.

Doch die Hoffnungen, die der Friedensvertrag mit Ägypten auslöste, wurden enttäuscht. Von den erhofften Vorteilen ist wenig geblieben. Ägyptens gesellschaftliche und politische Elite ließ eine echte Normalisierung der Beziehungen nie zu, nur einen kalten Frieden zwischen Regierungen. So groß ist der staatlich sanktionierte Hass auf Israel, dass ein 90 Sekunden langes Interview mit einem israelischen Journalisten im ägyptischen Staatsfernsehen im August 2012 wütende Protestkundgebungen und die Entlassung von Redakteuren auslöste.

Die vertraglich festgelegten Gaslieferungen aus Ägypten wurden von Kairo einseitig eingestellt, mit schweren Folgen für Israels Energieversorgung. Und spätestens seit dem Sturz von Präsident Hosni Mubarak scheinen sich auch die Vorteile für Israels Sicherheit in einer Wolke aus Wüstensand und Kanonenrauch aufzulösen. Aus dem vorbildlichen Frieden, der das Prinzip Landaufgabe für Sicherheit und Anerkennung belegen sollte, ist ein Beispiel dafür geworden, welche Gefahren Israel bei der Aufgabe strategischer Territorien lauern.

zonen Die Demilitarisierung des Sinai, festgehalten in Artikel 2 des Anhangs des Friedensvertrags, ist aus Israels Sicht der wichtigste, aus Ägyptens Sicht der problematischste Aspekt des Abkommens. Der Sinai ist demnach in drei Zonen geteilt: In Zone A neben dem Suezkanal darf Kairo eine Division Infanterie mit maximal 22.000 Mann stationieren.

Weiter östlich, in Zone B, dürfen nur vier Bataillone Grenzschutz und Polizei auffahren. Nahe der Grenze zu Israel in Zone C sind nur eine internationale Beobachtertruppe und die Polizei zugelassen. Im Rahmen des einseitigen Rückzugs aus dem Gazastreifen verfassten Israel und Ägypten 2005 einen Zusatz zu Artikel 2, der es Kairo gestattete, ein weiteres Bataillon Grenzschützer rund um Gaza aufzufahren, um den Waffenschmuggel der Hamas hier zu unterbinden. Später gestattete Jerusalem Ägypten, immer mehr Truppen in den Sinai zu bringen, um die Anarchie auf der Halbinsel zu bekämpfen.

Dennoch ist der Sinai heute nach Irans Atomprogramm Israels größtes Sicherheitsproblem. Seit Monaten herrscht dort Chaos: Auf den Straßenlaternen in al-Arisch kleben Zettel mit den Profilen entführter Frauen, Lastwagenfahrer laden und entsichern ihre Waffen, bevor sie sich auf die Landstraßen trauen. Moderne Waffen gelangen über den Grenzposten Rafah in den Gazastreifen, darunter Luftabwehrraketen und Raketen, die Tel Aviv erreichen können.

Polizeistationen und Beamte sind Ziele der Übergriffe radikal-islamischer oder krimineller Elemente, die weite Teile Nordsinais in ihre Gewalt gebracht haben. Lang gingen die dort stationierten ägyptischen Militärs nicht dagegen an, wurden sie doch anscheinend oft genug von Schmugglern an Gewinnen beteiligt, wenn sie deren Aktivitäten wissentlich ignorierten. Kairo stand dem Chaos im Sinai gleichgültig gegenüber. Man dachte, die Aggression islamischer Extremisten werde sich nur gegen Israel richten.

säuberungsaktion Doch die Anarchie auf der Halbinsel hat alle eingeholt. Spätestens seit dem blutigen Terrorangriff, bei dem vergangene Woche 16 ägyptische Soldaten getötet wurden, hat auch Ägypten erkannt, dass Islamismus und Waffenschmuggel im Sinai nicht ausschließlich israelische Probleme sind. Die Operation «Adler 3», mit der Kairos neue Regierung begonnen hat, kriminelle und separatistische Elemente im Sinai zu bekämpfen, stellt für Israel in gleichem Maße eine Chance und eine Gefahr dar. Manche befürchten, dass Ägypten nach Vollendung der «Säuberungsaktion» seine Truppen nicht mehr aus dem Sinai abziehen wird.

Israel hat keine Druckmittel, um Ägypten dazu zu zwingen, später Artikel 2 wieder wortgetreu umzusetzen. Diese Sorge dürfte nach dem «zivilen Staatsstreich», in dessen Rahmen Präsident Muhammad Mursi die Führungsriege der Armee entließ, noch zugenommen haben. Ägypten wird nun nicht mehr von prowestlichen Militärs beherrscht, sondern von den Muslimbrüdern. Die fordern schon lange den Friedensvertrag zu annullieren, erkennen Israels Existenzrecht nicht an und streben den Schulterschluss mit ihrer Tochterorganisation, Israels Erzfeind Hamas in Gaza, an. So könnte an Israels Südgrenze eine gewaltige neue Gefahr entstehen.

Doch «es gibt keine Gefahren ohne Chancen», sagt der ehemalige Inlandsgeheimdienstchef Israel Hasson. Der Wandel in Ägypten berge auch Potenzial für sehr positive Entwicklungen. Schon jetzt ist Israel überrascht, wie entschlossen Kairo gegen Islamisten im Sinai und gegen den Waffenschmuggel der Hamas vorgeht: «Im Gegensatz zu Mubarak muss Mursi keine Rücksicht auf Islamisten nehmen, sondern kann ganz kalt ausschließlich Ägyptens Interessen erwägen», sagt Hasson.

Sogar eine Annäherung zwischen Kairo und Gaza birgt für Israel unerwartete Chancen. Würde Mursi den Grenzübergang in Rafah permanent für Waren- und Personenverkehr öffnen, wäre Jerusalem jeder Verantwortung für den palästinensischen Landstrich enthoben. Und letztlich wird wahrscheinlich selbst Mursi von der Realität vor Ort dazu gezwungen, mit Israel zusammenzuarbeiten, um die Sicherheit im Sinai wiederherzustellen. So könnte die seit Jahrtausenden umkämpfte Halbinsel zum ersten Beispiel dafür werden, wie Muslimbrüder und Israelis miteinander kooperieren.

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