Krieg

Was treibt Putin an?

Russlands Präsident Wladimir Putin Foto: imago images/ITAR-TASS

Über zwei Jahrzehnte hinweg haben Kritiker Wladimir Putin als einen rücksichtslosen und impulsiven Egomanen verstanden. Aber nun hat sein Vorgehen gegen die Ukraine bei vielen im Westen die Frage aufgeworfen, ob der russische Präsident geistig gefährlich instabil geworden ist. 

In den vergangenen Tagen hat sich Putin im Fernsehen ausschweifend über die Ukraine ausgelassen, Verschwörungstheorien über Neonazismus und westliche Aggression geäußert, den Chef des eigenen Auslandsgeheimdienstes vor laufenden Kameras heruntergeputzt. Und am vergangenen Wochenende hat Putin seine Atomstreitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt und machte die scharfen westlichen Wirtschaftssanktionen und »aggressive Erklärungen (der Nato) gegen unser Land« dafür verantwortlich. 

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Dass nicht klar ist, was in seinem Kopf vor sich geht, ist ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor in Russlands Krieg gegen die Ukraine - und im Umgang westlicher Vertreter mit dem Kremlchef. Wie immer sie ihm begegnen, steht die Frage im Raum, inwieweit er sich überhaupt über die katastrophalen Folgen seines Verhaltens im Klaren ist oder ob er sich darum schert - oder ob er sich vielleicht bewusst als möglicherweise durchgedreht und damit  unberechenbar präsentiert, um seinen Gegnern Furcht einzuflößen.

Politische Führungspersonen im Ausland haben seit Langem versucht, Putins Denkweise und psychischen Zustand zu erfassen. Wiederholt lagen sie daneben. Vieles in seinem Verhalten im Ukraine-Konflikt  entspricht charakteristischen Zügen, die er an den Tag gelegt hat, seit er die Führung in Moskau übernahm. Putin hat Invasionen in Nachbarländer befohlen, Verschwörungstheorien geäußert oder schlicht Unwahrheiten verbreitet und kühne Operationen wie die versuchten Beeinflussungen der zwei jüngsten US-Präsidentschaftswahlen angeordnet.

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Er traf im Alleingang schwerwiegende Entscheidungen wie die Annexion der Krim 2014, konsultierte nur seinen engen inneren Zirkel von KGB-Veteranen und ließ alle anderen im Dunkeln. Seit Langem ist er von Leuten umgeben, die abgeneigt sind, ihre Karriere aufs Spiel zu setzen, indem sie ihm zur Zurückhaltung raten - von der Äußerung entgegengesetzter Meinungen erst gar nicht zu reden. Putin hat auch laut über atomaren Krieg nachgedacht und einmal geäußert, dass ein solcher Konflikt damit enden würde, dass Russen »als Märtyrer in den Himmel« gingen. 

Experten in den USA waren über ein 5000 Wörter umfassendes Essay alarmiert, das im vergangenen Juli unter Putins Namen veröffentlicht wurde. Darin hieß es, dass Russen und Ukrainer ein Volk und jedwede Spaltungen auf ausländische Komplotte zurückzuführen seien. Ein US-Regierungsbeamter, der anonym bleiben wollte, sprach von Besorgnissen in der Geheimdienstgemeinde, dass Putin von einer emotionalen Basis aus operiere und von seit langem siedenden Groll angetrieben werde.

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Der französische Präsident Emmanuel Macron traf vor der Invasion mit Putin zusammen und führte mit ihm auch mehrere lange Telefongespräche. Einer seiner Topmitarbeiter schilderte in der vergangenen Woche, dass Putin »nicht mehr derselbe« sei, beschrieb ihn als »unbeweglicher, isolierter«. Bei einem fünfstündigen Abendessen der beiden Präsidenten verbrachte Putin mehr Zeit damit, über die Nato-Osterweiterung und die Revolution in der Ukraine 2014 zu klagen als über die unmittelbare Krise zu sprechen.

Putins anscheinende Selbstisolierung wurde auch bei jüngsten vom staatlichen Fernsehen übertragenen offiziellen Treffen deutlich. Da saß er an einem Ende eines überaus langen Tisches, seine ausländischen Besucher oder auch eigene Mitarbeiter waren am anderen Ende platziert. Kein russischer Offizieller, der sich zu Wort meldete, äußerte eine von Putin abweichende Meinung.

Der Kremlführer habe nicht viele Leute in seiner Umgebung, die ihm direkten Input gäben, sagt der US-Demokrat Mark Warner, der dem Geheimdienstausschuss des Senats angehört. »Daher sind wir besorgt, dass diese isolierte Person größenwahnsinnig geworden ist, weil sie sich selbst für die einzige historische Persönlichkeit hält, die das alte Russland wiederaufbauen oder die Idee einer sowjetischen Sphäre neu erschaffen kann.«

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Tatsächlich hat sich Putin seit langem der Wiederherstellung alten Glanzes und Ruhmes verpflichtet, der Unterdrückung anderer Meinungen und dem Bestreben, Nachbarländer im Moskauer Orbit zu halten. 2005 nannte er den Zusammenbruch der Sowjetunion »die größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts«. Auch seine Verneinung ukrainischer Souveränität greift viele Jahre zurück. 2008 soll er dem damaligen Präsidenten George W. Bush gesagt haben: »George, du musst einsehen, dass die Ukraine nicht einmal ein Staat ist.«

Der US-Republikaner Chris Stewart, der dem Geheimdienstausschuss des Abgeordnetenhauses angehört, sagt hingegen, dass er vor der Invasion keine Anzeichen für irrationales Verhalten Putins gesehen habe. Putin, so meint er, habe einen »unglaublichen Appetit für Risiken, wenn es um die Ukraine geht«.

James M. Acton, Atompolitik-Experte der Denkfabrik Carnegie Endowment for International Peace in Washington, sieht keine unmittelbare Gefahr eines Nuklearwaffeneinsatzes, auch wenn Putin die Atomstreitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt hat. Aber er hält für möglich, dass dieser zunehmend brutale nichtnukleare Taktiken in der Ukraine anwendet.

Acton rät dazu, einen Weg zu einer Deeskalation zu suchen, der es Putin ermöglichen würde, den Ausgang als eigenen Sieg zu verstehen. 1962, während der Kuba-Krise, erklärten sich die USA heimlich bereit, im Austausch gegen den sowjetischen Rückzug aus Kuba Atomwaffen aus der Türkei abzuziehen. Aber, so fügt Acton hinzu, er sei sich nicht völlig sicher, ob Putin in seinem gegenwärtigen Denken wisse, wie ein solcher Weg aussehe. ap

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