Essay

Vorsichtig nach vorn blicken?

Ich kann meinen Augen am vorvergangenen Montagmorgen kaum trauen. Vor Freude, Erleichterung, Anspannung und Erschöpfung flossen die Tränen unkontrolliert. Denn sie laufen. Sie laufen eigenständig! Alle 20 Befreiten setzten einen Fuß vor den anderen in die Freiheit hinein. Es ist wie ein großes Wunder! Zum ersten Mal nach zwei Jahren habe ich das Gefühl, dass ich wieder wirklich tief Luft holen und atmen kann.

Zwei Jahre, in denen es mir vorkam, als wäre ich in einer vakuum- und schalldichten Glasflasche eingesperrt, ohne Luft. Es war egal, wie laut ich versuchte zu reden, mich wollte niemand hören. So muss es sich wohl anfühlen, in einer Parallelgesellschaft zu leben. In einer, in der man seinen Alltag bewältigen muss und funktioniert, weil es von einem erwartet wird. Gleichzeitig war es aber kein normaler Alltag mehr. Es war ein Überleben und ein Leben in Alarmbereitschaft.

Ich weiß, dass diese Dissonanz nachhaltig Spuren hinterlassen wird.

Der Krieg, die Geiseln, die Biografien der Geiseln, mit denen sich viele Jüdinnen und Juden identifiziert haben, die Opfer vom 7. Oktober 2023, von denen ich einige persönlich kannte, waren eine andere Lebensrealität. Hinzu kam die Belastung des nicht nur erstarkenden, sondern sich unermüdlich ausbreitenden Judenhasses. Hier in Deutschland, in Europa, weltweit waren die Straßen voll mit Menschen, die ihre Freiheit nutzten, um antisemitische Parolen zu rufen und mich und meine Freunde zu belästigen. Ich weiß, dass diese Dissonanz nachhaltig Spuren hinterlassen wird. Denn das alles führte zwangsläufig dazu, dass ich meine Verhaltensweisen änderte.

Ich bin viel vorsichtiger geworden, wenn es um meine Identität geht. In den öffentlichen Verkehrsmitteln spreche ich nicht mehr Hebräisch, meine Muttersprache, und erfinde mir in Situationen, die sich schlecht einschätzen lassen, eine neue Identität. Ein Überleben.

Schmerzhaft war es, mit der Realität konfrontiert worden zu sein, dass mir verschiedene soziale Räume und Freundschaften den Rücken zuwandten: Queer-feministische, intersektionale, antirassistische, antifaschistische und die sogenannten diskriminierungsfreien Räume haben weder ihr Mitgefühl bekundet noch die weitere Teilhabe ermöglicht. Diese Erfahrungen teile ich mit vielen aus der jüdischen Gemeinschaft.

Der 7. Oktober markiert also nicht nur das größte Massaker seit der Schoa, sondern auch einen Tag, an dem uns gezwungenermaßen bewusst werden musste, wer wir eigentlich sind und was unsere jüdische Identität für uns bedeutet. Obwohl es sich in den vergangenen zwei Jahren so angefühlt hat, als wären wir allein auf uns gestellt, nicht handlungsfähig und ohnmächtig, ist eines sehr klar geworden: Wir wussten, auf wen wir uns in dieser schlimmen Krise verlassen konnten, wer klar Stellung bezieht und wer bereit war, uns nicht aufzugeben.

Die Leute, die in den vergangenen zwei Jahren an unserer Seite standen, die uns umarmten, zuhörten, unterstützten – und die nicht unbedingt immer Jüdinnen und Juden sind –, sind für uns da. Ich bin euch unendlich dankbar!

Und jetzt? Kann jetzt endlich das Heilen der Traumata beginnen? Ein Konflikt mit mir selbst, denn ich will wirklich positiv in die Zukunft blicken, und doch holt mich die Realität ein. Die Hemmschwelle des Unsagbaren hat sich in den vergangenen zwei Jahren so stark verschoben. Der Status Quo ist ein ganz anderer, egal auf welchem Medium. Im persönlichen Gespräch, in den sozialen Netzwerken und im öffentlichen Raum. Denn wir erfahren täglich den Antisemitismus, den es in Israel nicht gibt. Wir können uns in Deutschland eben nicht darauf verlassen, dass die Mehrheitsgesellschaft kollektiv zusammenhält, so wie sie es in Israel doch überwiegend tut.

Weshalb stellt sich niemand die Fragen nach den Zusammenhängen?

Wir haben zwei Jahre gesehen, dass in der Diaspora mehr Menschen gegen Jüdinnen und Juden sowie gegen Israel auf die Straße gingen als für die Befreiung der Geiseln. Jeden Samstag gingen in israelischen Städten Menschen auf die Straße und forderten von der israelischen Regierung ein Ende des Krieges und die Rückkehr der Geiseln. Hier wollte die breite Gesellschaft die radikal-islamistische Hamas nicht in die Hauptverantwortung ziehen. Ein absoluter Fiebertraum.

Und dann Social Media: Wir leben in einer Infrastruktur, die Aufmerksamkeit belohnt, nicht die Differenzierung. In dieser Logik werden Headlines zu Urteilen. Der Effekt in unseren Straßen: ein Klima, in dem »jüdisch«, »israelisch« oder »zionistisch« als Platzhalter für alles vermeintlich Unmoralische gesetzt wird. So war es bereits unmittelbar nach dem 7. Oktober ganz gängig, das jüdische Narrativ zu entfremden. Da war mir klar, dass wir das nicht mehr einholen können. Diese Fake-Geschichten verbreiten sich und finden Anklang in der Mitte der Gesellschaft.

Und doch frage ich mich: Weshalb stellt sich niemand die Fragen nach den Zusammenhängen? Das macht die Hamas auch bei uns in Deutschland besonders erfolgreich. Es ist alles so sehr beängstigend.

Deswegen sieht der Heilungsprozess in Deutschland und in der Diaspora nicht nur anders aus als in Israel, ich befürchte, dass er gar nicht wirklich beginnen kann, weil der Antisemitismus nicht erstickt wird. Im Gegenteil: Gesellschaft und Politik haben einen blinden Fleck beim Antisemitismus und Angst, die radikal-islamistische Gefahr als solche zu benennen. Und wen schützt das? Überraschung: nicht die Betroffenen. Also wann können wir bloß heilen? Manche wachen noch heute, zwei Jahre später, mit dem Tag, der alles veränderte, auf. Er verfolgt uns wie ein Spuk. Schlafstörungen und Panikattacken. Erst wenn alle Geiseln nach Hause gekommen sind, wenn die Familien ein Begräbnis in Würde für ihre Lieben haben, wenn sie Schiwa gesessen haben, wenn sie durch die Trauer gehen können, so wie es im Judentum Brauch ist, dann können wir anfangen, über das neue Morgen nachzudenken.

Und wie wollen und können wir heilen? Wir müssen uns dann fragen, ob wir die Türen, die uns seit zwei Jahren verschlossen blieben, wieder aufschließen wollen. Ich möchte optimistisch sein und hoffen, dass sich Räume wieder für uns öffnen. Doch ich sehe es ehrlicherweise noch nicht. Ich weiß auch gar nicht, ob ich nach so viel Ignoranz bereit dafür bin, den Schritt auf sie zuzugehen und wieder ins Gespräch zu kommen. Denn es fühlt sich an, als hätten wir die Fähigkeit, andere Meinungen auszuhalten und einen Dialog zu führen, verlernt.

Vielleicht, wenn antisemitische und antiisraelische Haltungen kein Trend mehr sind, vielleicht wird es dann wieder möglich sein, mit den uns fremd Gewordenen zu sprechen.

Die Autorin ist jüdische Aktivistin und Bildungsreferentin.

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