Redezeit

»Von der Welt abgekoppelt«

Herr Beck, wie nehmen Sie aus israelischer Perspektive den derzeitigen deutschen Bundestagswahlkampf wahr?
Aha, ich wusste gar nicht, dass in Deutschland ein Wahlkampf stattfindet. Wahlkampf hieße ja: eine politische oder ideologische Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Parteien. Ich habe nicht den Eindruck, dass so etwas in Deutschland passiert.

Haben Sie das Gefühl, dass sämtliche Parteien ohnehin dasselbe wollen?
Ein wenig kommt es einem schon so vor. Im Wahlkampf sollte doch eine Auseinandersetzung mit wichtigen Themen der Zeit stattfinden. Sogar das Kanzlerduell im Fernsehen war so was von langweilig. Ich fand es unglaublich, dass ein derart wichtiges Thema wie Syrien erst in der 74. Minute der Debatte kam. Auch andere wichtige Themen kamen kaum vor.

Welche zum Beispiel?
Immerhin steht Europa vor einer großen Krise, die auch Deutschland bedroht. Man hat nicht den Eindruck, dass die Deutschen sich große Sorgen darüber machen. Die ganze südliche und östliche Region Europas ist in Turbulenz. Auch der arabische Frühling und die Situation in Russland haben Auswirkungen. Es gibt gar keine Debatte, wie Deutschland sich verhalten soll. Man fragt sich, ob es überhaupt noch mit der Welt verbunden ist.

Vielleicht interessieren sich die Wähler einfach mehr für innenpolitische Themen?
Aber auch da fällt mir nicht ein, was ein großes Thema im Wahlkampf wäre. Ein richtiger Kampf hat eigentlich erst begonnen, als die Jugendorganisation der NPD Kondome mit dem Parteilogo verteilt hat. Da hatte man endlich mal ein Thema. Diese Provokation hat ein wenig Bewegung in den Wahlkampf gebracht. Vielleicht braucht Deutschland solche Provokationen, um überhaupt zu diskutieren.

Woran liegt diese mangelnde Lust an der Kontroverse?
Ich glaube, die deutsche Gesellschaft ist eine sehr ängstliche Gesellschaft. Auf Ereignisse in der Welt reagiert man hier mit großer Angst, da haben die Menschen es lieber, wenn alles bleibt, wie es ist. Veränderung bedeutet ja auch Risiko, und die Deutschen sind kein risikofreudiges Volk.

Ist das denn so schlecht?
Wenn Deutschland eine größere Rolle in der Welt spielen möchte, muss es sich auch mit der Situation außerhalb Deutschlands beschäftigen. Oder man sagt ganz klar: Uns interessiert das nicht. Aber einerseits eine wichtige Rolle spielen wollen und gleichzeitig nichts zu unternehmen, geht nicht.

Spielen Sie damit auf Syrien an?
Natürlich. Wenn man wirklich etwas aus der Vergangenheit gelernt hat, kann man in Bezug auf Syrien nicht einfach nichts tun. Wir hören Tag und Nacht, dass die Sicherheit Israels deutsche Staatsräson ist. Wenn Deutschland für Syrien nichts tut, kann man sich auch nicht darauf verlassen, dass es etwas tut, wenn Israel bedroht ist.

Mit dem Korrespondenten der israelischen Tageszeitung Yedioth Ahronoth sprach Ingo Way.

Berlin

Emde erschien mit radikaler Anti-Israel-Aktivistin zur Fraktionssitzung

Während die Linke weiter um den Umgang mit der Neuköllner Abgeordneten ringt, provozierte diese erneut

 05.11.2026

Interview

Kann Israel ohne Amerikas Waffen bestehen?

Der Politikwissenschaftler Jonathan Rynhold erklärt, was ein Ende der US-Militärhilfe für Israels Sicherheit bedeuten würde und wie sich das Verhältnis zu Washington in Zukunft entwickeln könnte

von Sabine Brandes  05.11.2026

Hintergrund

Claudia Roth und der »unfassbare Druck vom Zentralrat«

Die Ex-Kulturstaatsministerin bezeichnet es als »totalen Fehler«, auf der Berlinale Regisseure wegen ihrer israelfeindlichen Aussagen kritisiert zu haben und sucht dafür die Schuld beim Zentralrat der Juden

von Michael Thaidigsmann  05.11.2026

Frankfurt am Main

Trotz Warnungen der jüdischen Gemeinde: Comedian tritt in Frankfurt auf

Trotz Forderungen aus der Stadtgesellschaft, den Auftritt abzusagen, bespielt der neurechte Satiriker Nikolai Binner am Freitag einen Saal in einer städtischen Liegenschaft

 05.11.2026

Nachruf

Trauer um Hubert Aiwanger

Der Freie-Wähler-Chef, bayerische Vize-Ministerpräsident und Wirtschaftsminister starb im Alter von 55 Jahren in einem Berliner Hotel

von Frederick Mersi  04.11.2026

Berlin

Antisemitische Schmierereien auf Skulpturen im Berliner Tiergarten

Der polizeiliche Staatsschutz hat die Ermittlungen übernommen.

 04.11.2026

Brasilien

Kein Freund Israels

Nach dem überraschenden Wahlsieg des linken Präsidenten Lula gibt sich die jüdische Gemeinde des Landes dennoch zuversichtlich

von Andreas Knobloch  04.11.2026

Berlin

Rot-grün-rote Koalitionsverhandlungen bis Januar

Linke, Grüne und SPD wollen erst im nächsten Jahr einen Koalitionsvertrag vorlegen. Und dann folgt noch ein Zwischenschritt

 04.11.2026

Koalitionsverhandlungen

Klingbeil fordert Linke auf, antisemitische Politiker rauszuwerfen

Bisher hat sich der SPD-Chef zurückgehalten, was die Berliner Koalitionsverhandlungen angeht. Jetzt macht er klar, was er von der Linken erwartet

 04.11.2026