Interview

»Verzerrte Wahrnehmung«

Simone Lässig Foto: Gregor Zielke

Frau Lässig, in dieser Woche hat die Deutsch-Israelische Schulbuchkommission ihre Empfehlungen vorgestellt. Warum besteht überhaupt Handlungsbedarf?
Deutsche Schulbücher bemühen sich grundsätzlich um eine ausgewogene Darstellung Israels und des Nahostkonflikts. Was wir problematisch finden, ist, dass Israel fast nur im Zusammenhang mit Konflikten vorkommt. Der Nahostkonflikt bietet häufig die einzige Erwähnung des Staates Israel überhaupt. Diese Verkürzung führt ungewollt zu verzerrten Wahrnehmungen.

An welchen Beispielen zeigt sich das?
Oft gibt es einen relativ unreflektierten Bildgebrauch, bei dem emotionalisierende Bilder des Nahostkonflikts aus den Massenmedien in die Schulbücher übernommen werden. Bei einem ohnehin schon emotional aufgeladenen Thema ist das ganz besonders problematisch. Auch gibt es teilweise polarisierende Sprache. Mit Überschriften wie »Krisenherd Nahost«, »Hass zwischen den Völkern« oder »Israel: Krieg ohne Ende?« tragen die Autoren – sicherlich unbewusst – dazu bei, eine bestimmte Wahrnehmung Israels zu verfestigen.

Was fehlt in der Darstellung?
Es werden viel zu wenig andere Themen dargestellt, die erklären, wie Israel sich entwickelt hat und wie es heute aussieht – etwa demokratische Institutionen und Werte, soziale Bewegungen des 20. Jahrhunderts, etwa die Kibbuzbewegung, oder die Vorgeschichte Israels und des Zionismus. Man könnte auch auf Israel Bezug nehmen beim Thema Vergangenheitsbewältigung oder im Zusammenhang mit Globalisierung, Terror-Herausforderungen, neuen Technologien, demografischen Herausforderungen. All dies geschieht in der Regel wenig oder gar nicht. Auch über die Verbindung zur deutschen Geschichte und zur Schoa erfahren Schüler kaum etwas. Wenn Schüler nicht lernen, wie wichtig die Auswanderung nach Palästina als sicherer Hafen war, verstehen sie vieles an dem heutigen Konflikt auch nicht.

Woran liegt diese verkürzte Darstellung?

Zum einen ist es sicherlich der Zwang zur Reduktion. Themen werden exemplarisch behandelt, und man kann keine großen zusätzlichen Kapitel zu Israel integrieren, ohne den Rahmen zu sprengen. Zum anderen liegt das Thema vielleicht auch nicht unbedingt auf dem Wissensradar vieler Schulbuchautoren.

Wie lauten Ihre Verbesserungsvorschläge?

Man muss den Schulbuchautoren Angebote machen, bei welchen Themen es sinnvoll wäre, sie auch einmal am Beispiel Israels zu erörtern. Wir wollen die Versäumnisse der letzten Kommission vor 30 Jahren nicht wiederholen, die sehr engagiert war, aber mit den Empfehlungen ihre Arbeit eingestellt hat. Dieser analytischen und Empfehlungsphase sollte sich eine praktisch orientierte Phase anschließen, in der wir Workshops für Schulbuchautoren, Verlagsvertreter, Vertreter der Ministerien, die die Lehrpläne entwerfen, und Lehrer anbieten. Auch wollen wir Materialien erarbeiten und online bereitstellen, die von Lehrern und Autoren als Baukasten genutzt werden können.

Mit der Direktorin des Georg-Eckert-Instituts sprach Ingo Way.

Dresden

Mehr rechtsextreme Vorfälle an Sachsens Schulen

Von NS-Symbolen und Parolen bis hin zu Beleidigungen und Gewalt: Das sächsische Bildungsministerium hat 2025 fast 250 rechtsextreme Vorfälle dokumentiert

von Yvonne Jennerjahn  15.02.2026

Analyse

Das Prinzip Trump

Der US-Präsident hat Israels sicherheitspolitische Lage gestärkt – zugleich spaltet er das eigene Land. Aber ein geschwächtes Amerika garantiert keinen stabilen Schutz

von Carsten Ovens  15.02.2026

Nahost

Italien und Rumänien nehmen als Beobachter an Trump-»Friedensrat« teil

Bislang sind in dem Gremium des US-Präsidenten nur zwei EU-Staaten dabei

 15.02.2026 Aktualisiert

Solidarität

Für Freiheit im Iran: 250.000 Demonstranten in München

Unter den Rednern war auch der Publizist Michel Friedman: »Ein Regime, das für Terrorismus steht, gehört abgesetzt«

 15.02.2026 Aktualisiert

USA/Iran

US-Präsident Trump: Machtwechsel im Iran wäre wohl das Beste

US-Präsident droht Teheran im Streit über das Atom- und Raketenprogramm mit einem Angriff. Er legt nach: Nur ein Deal könne dies verhindern

 14.02.2026

NS-Raubkunst

Wolfram Weimer kündigt Restitutionsgesetz an

»Eine Frage der Moral«: Der Kulturstaatsminister stimmt einem unter anderem vom Zentralrat der Juden geforderten Gesetz zu

 14.02.2026

Berlin

Brandenburger Tor leuchtet als Zeichen der Solidarität mit Iran-Protesten

»Die gewaltsame Niederschlagung der Proteste ändert nichts daran, dass der Drang nach Freiheit bleibt«, sagt Kai Wegner (CD), der Regierende Bürgermeister

 13.02.2026

Augsburg

Gericht kippt Redeverbot für Höcke im Allgäu

Am Wochenende sollte Thüringens AfD-Landtagsfraktionschef in zwei Hallen in Bayern als Gastredner auftreten. Die Gemeinden wehren sich – aber vorerst nur in einem Fall mit Erfolg

 13.02.2026

Meinung

Danke, Herr Minister!

Johann Wadephul hat sich von Francesca Albanese distanziert und ihren Rücktritt gefordert. Doch jetzt müssen Deutschland und andere Staaten den Druck weiter erhöhen

von Michael Thaidigsmann  13.02.2026