Redezeit

»Verfolgt ihre Geldgeber!«

Der israelische Journalist Yaron Svoray über die Netzwerke von Neonazis und Islamisten

von Ralf Balke  23.11.2015 09:05 Uhr

Yaron Svoray Foto: Maxime Robert Greewe

Der israelische Journalist Yaron Svoray über die Netzwerke von Neonazis und Islamisten

von Ralf Balke  23.11.2015 09:05 Uhr

Herr Svoray, in den 90er-Jahren ist es Ihnen gelungen, sich undercover Zugang zur deutschen Neonazi-Szene zu verschaffen. Wie hat sich diese Ihrer Einschätzung nach verändert?
Zum einen stieg die Zahl der Akteure in den vergangenen Jahren dramatisch an, zum anderen ist diese Szene heute durch das Internet und soziale Medien deutlich besser vernetzt als zu der Zeit, in der ich mich mit dem Thema zu beschäftigen begann. Und: Sie ist viel gewalttätiger als früher. Das allein schon beweisen die rund 500 Übergriffe auf Flüchtlinge in diesem Jahr. Was sich noch verändert hat: Die Strukturen sind offener gegenüber allen, die sich in irgendeiner Form rassistisch betätigen wollen.

War die Mordserie des NSU für Sie überraschend oder schien diese vorhersehbar?
Nein, für mich waren die Morde des NSU alles andere als eine Überraschung. Was wir dort sehen konnten, war die Umsetzung von radikalen politischen Ideen in ganz konkrete Handlungen. Man darf diese Leute nicht unterschätzen, sondern muss ihre Reden sehr ernst nehmen, selbst wenn ihre Botschaften noch so verrückt klingen. Sie stellen eine Gefahr dar. Genau deshalb bewege ich mich in Deutschland auch nur in Begleitung von drei Bodyguards.

Gibt es Parallelen zwischen neonazistischen und islamistischen Netzwerken wie dem IS?
Auf jeden Fall! Ebenso wie es zwischen den Nationalsozialisten von damals und dem IS von heute Parallelen gibt. Selbst wenn das Konzept des Selbstmordattentäters in den rechten Ideologien nicht wirklich vorhanden ist, so existiert sehr wohl die selbstzerstörerische Haltung, bis zum letzten Atemzug oder zur letzten Kugel kämpfen zu wollen. Dabei geht es beiden immer um die Kontrolle von Gebieten und die kontinuierliche Ausdehnung der räumlichen Herrschaft, wo sie dann relativ ungestört ihre Ideologie in die Tat umsetzen und zum Massenmord übergehen. So wie die Nazis sich zuerst das Sudetenland aneigneten, griff der IS vom Irak auf Syrien über und verbreitet sich weiter. Auch haben alle diese Gruppen und Organisationen einmal ganz klein angefangen, weshalb sie immer wieder unterschätzt wurden. Und heute wie damals herrscht im Westen das Gefühl vor, dass alles irgendwo weit weg passiert und nicht direkt bei uns. Genau deshalb geschieht lange Zeit nichts, oder man reagiert nur halbherzig wie aktuell in Syrien.

Lassen sich eigentlich islamistische Netzwerke ebenso leicht infiltrieren wie neonazistische?
Die Infiltration von neonazistischen Netzwerken ist in der Tat relativ simpel. Salopp formuliert heißt das: Man muss sich nur ein wenig dumm stellen und ihre ideologischen Phrasen wiederholen, dann öffnen sich schnell viele Türen. Eine eigene Legende aufzubauen, ist also ziemlich unkompliziert. Ganz anders sieht die Sache bei den islamistischen Netzwerken aus. Dort ist der Zugang deutlich schwerer. Einer der Gründe dafür mag sein, dass der Ethos der Rechten stark europäisch geprägt bleibt, während er bei den Dschihadisten ganz klar islamisch grundiert ist.

Konnten die Anschläge von Paris also auch deshalb passieren, weil den westlichen Geheimdiensten der richtige Zugang zu den Netzwerken fehlt?
Selbst nach den Anschlägen auf »Charlie Hebdo« im Januar hat Frankreich die Strategien der Islamisten rund um den IS einfach nicht verstanden. Zudem steht das Land vor dem Problem, Heimat der größten muslimischen Minderheit in Europa zu sein. So ist Marseille de facto eine arabische Stadt. Selbst wenn die absolute Mehrheit nichts mit Terror und Gewalt zu tun hat, so gibt es sehr wohl die Tendenz, auf Distanz zur französischen Mehrheitsgesellschaft zu bleiben und die eigenen Traditionen den westlichen Werten überzuordnen. Davon profitieren die Dschihadisten.

Welche Empfehlung würden Sie den Geheimdiensten im Kampf gegen den islamistischen Terror geben?
Die gleiche Empfehlung wie im Kampf gegen neonazistische Netzwerke: Verfolgt die Geldgeber! Wenn beispielsweise ein Moscheeverein mit einigen Dutzend Mitgliedern plötzlich auffallend vermögend ist, sollte man dem sofort auf den Grund gehen: eine Buchprüfung einleiten, Belege einfordern. Dann erfährt man eine ganze Menge über Strukturen und Quellen. Und wenn das geltende Steuerrecht derartige Schritte blockieren sollte, bedarf es einer dringenden Reform. Denn ein solches Vorgehen muss auf jeden Fall juristisch wasserdicht sein, weil die Islamisten wie auch die Neonazis gerne eine Armee von Anwälten mobilisieren und man vor Gericht ansonsten schlechte Karten hat. Das alles klingt furchtbar banal, aber so konnte auch ein Al Capone letztendlich zur Strecke gebracht werden.

Mit Yaron Svoray sprach Ralf Balke.

Yaron Svoray ist Sohn von Holocaust-Überlebenden und ein ehemaliger israelischer Elite-Polizist, dem es in den 90er-Jahren gelang, undercover Zugang zur deutschen Neonazi-Szene zu erhalten. Daraus entstand das Buch »In der Höhle des Löwen«, das 1995 unter dem Titel »The Infiltrator« verfilmt wurde.

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