Brit Mila

Übergangsregelung in Berlin

Stellte eine übergangsweise geltende Regelung für Beschneidungen im Land Berlin vor: Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) Foto: dpa

Berlins Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) hat am Mittwochvormittag auf einer Pressekonferenz im Roten Rathaus eine »Berliner Rechtspraxis zum Umgang mit Beschneidungen« vorgestellt. Sie gilt ausschließlich für die Staatsanwaltschaften im Land Berlin. Die Leitlinien sehen vor, dass religiös motivierte Beschneidungen nicht strafrechtlich verfolgt werden, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind.

einwilligung Demnach müssen beide Elternteile beziehungsweise Sorgeberechtigte nach ausführlicher Aufklärung über die gesundheitlichen Risiken des Eingriffs schriftlich einwilligen. Außerdem müssten sie »die religiöse Motivation und die religiöse Notwendigkeit der Beschneidung vor Religionsmündigkeit des Kindes« nachweisen. Dies könne etwa durch eine Bestätigung der jeweiligen Religionsgemeinschaft, aber auch durch eine entsprechende eigene Erklärung der Eltern geschehen. Es gehe dabei um »das subjektive Empfinden«, der Staat habe nicht über die Religionsauslegung zu entscheiden, erläuterte Senator Heilmann dazu.

Die dritte Voraussetzung liegt in der Einhaltung fachgerechter medizinischer Standards. »Dazu gehören insbesondere die Sterilität der Umgebung sowie der medizinischen Hilfsmittel, eine größtmögliche Schmerzfreiheit und eine blutstillende Versorgung. Nach jetzigem Stand kann den Eingriff nur ein approbierter Arzt oder eine approbierte Ärztin durchführen«, heißt es in den Leitlinien.

Zentralrat Dieter Graumann, Präsident des Zentralats der Juden, begrüßte es, dass sich der Berliner Justizsenator um Rechtssicherheit in der Beschneidungsfrage bemühe. »Dieses politische Signal, dass jüdisches und muslimisches Leben hier weiter willkommen ist, wissen wir zu schätzen. Jedoch muss es auch weiterhin erlaubt sein, dass unsere fachgerecht ausgebildeten Mohalim wie bisher auch die religiöse Beschneidung an Jungen durchführen können.« Auch dürfe es Eltern mit bürokratischen Hürden nicht erschwert werden, ihr Judentum im Sinne der Religionsfreiheit frei auszuleben, sagte Graumann. »Ich hoffe, dass der Bundesgesetzgeber dies bei seinem Gesetzesentwurf berücksichtigen wird. Ich bin sehr zuversichtlich, dass dies der Fall sein wird.«

Gerade in der Frage der Einhaltung fachgerechter medizinischer Standards lassen die für das Land Berlin aufgestellten Leitlinien weiterhin Unklarheit darüber, wie etwa mit Anzeigen gegen Beschneider verfahren wird, die die übrigen Bedingungen erfüllen, aber keine Ärzte sind. In solchen Fällen erfolge gegebenenfalls eine Einzelfallprüfung, sagte Heilmann bei der Pressekonferenz. Auch Zirkumzisionen in Synagogen und Moscheen seien prinzipiell möglich, aber nur, wenn dort eine sterile Umgebung hergestellt werde.

Trotz solcher Unklarheiten ist man etwa beim Jüdischen Krankenhaus erleichtert. Dessen ärztlicher Leiter, Kristof Graf, bestätigte auf Nachfrage der Jüdischen Allgemeinen, dass die Klinik auf Basis der vorgestellten Regelung ab sofort wieder Beschneidungen durchführen werde. Er sei Senator Heilmann für das schnelle Handeln »sehr dankbar«.

übergangszeit Heilmann sagte, der vor dem Kölner Landgericht verhandelte Fall, der die jüngste Debatte ausgelöst hatte, würde mit der jetzt erlassenen Regelung in Berlin nicht strafrechtlich verfolgt werden. Man habe bis zum Zustandekommen einer – langfristig unumgänglichen – bundesweiten Regelung eine »gewisse Erleichterung « in der »schwierigen Übergangszeit« schaffen wollen. »Wir heißen muslimisches und jüdisches Leben in Berlin ausdrücklich willkommen«, betonte der CDU-Politiker, das gelte »auch für deren Religionsausübung«.

Die Berliner Regelung sei nach intensiven Gesprächen mit muslimischen Verbänden, dem Zentralrat der Juden in Deutschland, dem Berliner Landesverband des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte sowie weiteren Akteuren erarbeitet worden, betonte Heilmann.

Studie

»Neue antisemitische Normalität«: 7. Oktober für Juden in Deutschland biografische Zäsur

Eine wissenschaftliche Untersuchung zeigt, wie der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 das Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland verändert hat. Die Befragten berichten von einer »neuen antisemitischen Normalität«, wachsendem Misstrauen und Ausgrenzung

 05.10.2026

Der Verfassungsrechtler Steffen Augsberg, Hessens Justizminister Christian Heinz (CDU), der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker und Zentralratspräsident Josef Schuster (v.l.)

Initiative

Hessen dringt auf Strafen für Leugnung des Existenzrechts Israels

Die hessische Landesregierung dringt darauf, dass ihr Vorschlag zur Strafbarkeit israelfeindlicher Äußerungen umgesetzt wird. Die Bundesregierung bleibt aber skeptisch. Auch der Zentralrat der Juden ist nicht restlos überzeugt

 05.10.2026

Magdeburg

BSW: Wählen den AfD-Kandidaten zum Landtagspräsidenten

Am Dienstag kommt der neu gewählte Landtag von Sachsen-Anhalt erstmals zusammen. Die AfD hat die Zusage des BSW für die nötigen Stimmen

 05.10.2026

Berlin

Parteien in der Hauptstadt bereiten sich auf drittes Vorgespräch vor

Nach der Abgeordnetenhauswahl setzen Linke, Grüne und SPD auf ein drittes Vorgespräch. Details bleiben geheim – und keiner weiß, wo das Ganze hinführt

 05.10.2026

Berlin

Israelis selbst schuld an Empathielosigkeit? SPD-Politiker in der Kritik

Der Sozialdemokrat Lars Castellucci machte am Samstag mit einem X-Post zum versuchten Anschlag auf ein Flugzeug mit israelischen Passagieren von sich reden. Viele sehen darin eine Täter-Opfer-Umkehrung

 05.10.2026

Kommentar

Die Linke sollte nicht den Berliner Bürgermeister stellen

Die Partei sollte sich erst einmal in der Opposition regenerieren und gegen Rassismus einsetzen

von Herbert Rubinstein  05.10.2026

Shelly Meyer

Kommentar

Wer tatsächlich vom »Judenfetisch« profitiert

150 Juden in Berlin haben mit einem Offenen Brief die Linkspartei unterstützt - das sind etwa 0,4 Prozent der Berliner jüdischen Stimmen. Doch sie könnten für die breite Öffentlichkeit kaum wertvoller sein

von Shelly Meyer  04.10.2026

Kommentar

Fair Play – es sei denn, es geht um Israel

Irlands Nationalspieler verweigern Israelis den Handschlag, diskutieren darüber, ob sie überhaupt gegen sie antreten wollen – und die UEFA schweigt. So funktioniert die schleichende Etablierung von Antisemitismus als Akt des vermeintlichen humanitären Widerstandes

von Dorothea Schupelius  02.10.2026

Schweiz

Ein Importverbot von koscherem Fleisch gefährdet jüdisches Leben

Ein Kommentar von Jonathan Kreutner, Generalsekretär des jüdischen Dachverbands SIG

von Jonathan Kreutner  02.10.2026