Gesellschaft

Traurige Realität

Israelfeindliche Demonstration im Juni 2014 in Berlin Foto: Marco Limberg

Muslimischer Antisemitismus ist traurige Realität in Deutschland. Durch den Zuzug von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten wird er noch virulenter. Allerdings ist Antisemitismus keine Erfindung der Muslime, sondern hat seine Wurzeln in Europa. Vor allem im 19. und 20. Jahrhundert wurde er in die arabische Welt exportiert, dort islamisiert und durch Zuwanderer inzwischen wieder in Deutschland reimportiert.

Diese Islamisierung des Antisemitismus nutzt den Koran. Der Koran beinhaltet abwertende Aussagen über Juden. So ist die Rede davon, dass Juden »verstoßene Affen« seien (7,166 sowie 2,65). In Sure 5, Vers 60, heißt es: »Kann ich euch etwas Schlimmeres verkünden als das, was euer Lohn bei Gott ist? Wen Gott verflucht hat und wem Er zürnt – und verwandelt hat Er einige von ihnen (minhum) zu Affen und Schweinen.«

koran Man könnte diese Koranverse für eindeutig antijüdisch halten. Liest man die Zeiten im Kontext – und allein das ist legitim – und schaut man sich die Formulierungen genauer an, fällt auf, dass nur eine bestimmte Gruppe gemeint ist. Es geht um jene Juden, die gegen den Schabbat verstoßen und damit als Gesetzesbrecher im Koran in Erscheinung treten.

Diese Einschränkung, die wortwörtlich im Koran steht (»minhum« – »von ihnen«, sprich: nicht alle Juden), ist von fundamentaler Bedeutung für das Verhältnis von Islam und Judentum. Generell steht unzweifelhaft über allem, dass der Koran die Juden als sogenannte Schriftbesitzer (ahl-ul-kitab) eindeutig anerkennt – das heißt, als Empfänger einer Offenbarung des einen Gottes. Das Judentum wird damit auf den gemeinsamen Ursprung in Abraham zurückgeführt. Allerdings haben schon viele klassische Theologen im Islam diese Einschränkung nur bedingt vorgenommen und – aus welchem Kalkül auch immer – verallgemeinert. Auch die islamische Geistlichkeit der Gegenwart nimmt diese nicht immer vor. Somit beharren viele Muslime hartnäckig auf einer Judenfeindschaft, die angeblich im Koran verankert sei.

Dass der islamisierte Antisemitismus im Nahen und Mittleren Osten heute so verbreitet ist – Studien weisen Zahlen von zwei Dritteln der Bevölkerung aus, die einer Aussage wie »Juden haben zu viel Macht im internationalen Finanzwesen« zustimmen –, liegt vor allem am Nahostkonflikt. Diese für die Region so prägende Auseinandersetzung macht Menschen empfänglich für Antijudaismus unter Verweis auf den Koran.

judenfeindschaft Auch geschichtlich lässt sich keine islam-immanente Judenfeindschaft belegen. Die Auseinandersetzungen mit Juden in der Frühgeschichte des Islams wurden nicht geführt, weil Juden Juden sind. Menschen jüdischen Glaubens standen dem muslimischen Expansionsstreben ebenso im Weg wie Menschen polytheistischer oder christlicher Überzeugungen. Und verfahren wurde dabei nach den damals üblichen Vorstellungen: Stämme haben sich bekämpft, Besiegte wurden getötet oder versklavt.

Niemand bestreitet, dass es in der islamischen Welt Pogrome gegen Juden gab. Prägender waren aber die positiven Beispiele muslimisch-jüdischen Zusammenlebens. Der oft bemühte Vorwurf, Juden seien als Dhimmis (im islamischen Recht: Schutzbefohlene) nur Bürger zweiter Klasse gewesen, ist wenig aussagekräftig. Es ist zwar sachlich korrekt, doch immerhin waren sie so etwas wie »Staatsbürger« mit Rechten, was man über Juden in Mitteleuropa vor allem nach dem 13. Jahrhundert kaum sagen kann.

Wir müssen uns also auf verschiedenen Ebenen mit dem Antisemitismus befassen. Nur ist es nicht einfach, in Deutschland über muslimischen Antisemitismus zu reden. Das liegt daran, dass das Phänomen genutzt wird, um von antisemitischen Stereotypen in der Mehrheitsgesellschaft abzulenken. Muslimischer Antisemitismus lässt sich in Zeiten der »Islamkritik« allzu leicht zum Thema machen. Das nutzen vor allem rechtskonservative Kreise. Der Fingerzeig auf Muslime bietet ihnen die Chance, die »Last« des Nationalsozialismus ein wenig von den Deutschen zu nehmen.

migrationshintergrund Trotz allem muss man jedoch heute konstatieren: Ja, wir deutsche Muslime, die wir unsere Vorfahren überwiegend in der Türkei und im Nahen Osten haben, haben ein ernst zu nehmendes Problem mit Antisemitismus. Es gibt zwar bislang wenige gesicherte Zahlen zur Verbreitung, aber die vorhandenen bestätigen die Dramatik. Fast 36 Prozent der Jugendlichen arabischer Herkunft und 21 Prozent der türkischstämmigen stimmen der Aussage zu: »Juden haben in der Welt zu viel Einfluss«. Bei Schülern ohne Migrationshintergrund beträgt der Wert lediglich zwei Prozent.

Und als ob es noch dieser aktuellen Meldung bedurfte, berichteten Medien in der vergangenen Woche über judenfeindliche Facebook-Posts von Gemeindemitgliedern des türkischen Islamverbandes Ditib. Der Bundesverband erklärte, dass Antisemitismus absolut inakzeptabel sei. Stimmt. Nun müssen Taten folgen. Wir müssen uns selbstverständlich auflehnen, wenn Hass gegenüber jüdischen Bürgern verbreitet wird.

Die Verfasserin ist Islamwissenschaftlerin und Buchautorin: »Wie die Angst vor dem Fremden unsere Demokratie bedroht«, Rowohlt Berlin (2016)

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