Meinung

Todessprung aus unserer Mitte

Nach dem Suizid von Faigy Mayer sollten Juden gegenüber ultraorthodoxen Kreisen nicht mehr zurückhaltend sein

von Deborah Feldman  27.07.2015 19:58 Uhr

Deborah Feldman Foto: Ksi Morgan

Nach dem Suizid von Faigy Mayer sollten Juden gegenüber ultraorthodoxen Kreisen nicht mehr zurückhaltend sein

von Deborah Feldman  27.07.2015 19:58 Uhr

Vergangene Woche sprang die 29‐jährige Faigy Mayer von einem Hochhaus in Manhattan in den Tod. Neun Monate zuvor starb Joel Deutsch überraschend an einer Überdosis Drogen. Wenige Wochen zuvor schluckte Deb Tambor, eine junge Mutter, die gewaltsam von ihren Kindern getrennt wurde, eine zu große Menge Schlafmittel.

Spulte ich das Band der Zeit noch weiter zurück, ich könnte weitere tragische Todesfälle in der ex‐chassidischen Welt aufzählen. Ein Teil von mir ist angsterstarrt vor jeder nächstmöglichen Hiobsbotschaft.

unterdrückung Ich bin so alt wie Faigy, und wir haben etwa zur gleichen Zeit die chassidische Gemeinde in New York verlassen. Ein solcher Weg ist geprägt von sehr eigenen, sehr besonderen Schmerzen: Man wächst in einer warmen, geschützten Umgebung auf. Man ist von der Außenwelt völlig isoliert. Man spricht Jiddisch, Englisch ist untersagt. Man erhält lediglich religiösen Unterricht, eine weltliche Ausbildung sei nicht nötig. Und man erfährt von dunklen Geheimnissen in dieser Gemeinschaft: von unterschiedlichen Formen von Missbrauch, die offen geduldet werden; von immer strenger werdenden Vorschriften; von subtiler Unterdrückung jeglicher Individualität.

Es gibt sensible Menschen, für die alles besser ist als dieses Leben, zu dem sie von Geburt an verdammt sind. Sie fühlen sich durch die enge Rollen des chassidischen Lebens beschränkt und unerfüllt. Faigy war eine von ihnen. Ich bin eine von ihnen. Wir wussten beide, dass die Flucht unumkehrbar, eine Zukunft »draußen« höchst unsicher ist. Sie hatte die Gemeinschaft noch vor der Ehe verlassen, mit einem Anflug von Neid bewunderte ich sie darum. Ich hingegen hatte bereits ein Kind und musste einen Weg finden, in der realen Welt zu überleben. Wenn ich heute darüber nachdenke: Meine Chancen standen schlechter. Jetzt ist sie tot.

schweigen Ich wurde gefragt, was wir aus Faigys Tod lernen können. Meine Antwort: Es ist ein Verrat an allen Mitgliedern der charedischen Gemeinschaft, wenn der Rest der jüdischen Welt deren Verbrechen stillschweigend duldet. Im besten Fall wird dies privat missbilligt, öffentlich hält man sich aber mit Kritik zurück. Es gibt in der jüdischen Welt eine Abneigung, in ultraorthodoxe Kreise zu intervenieren.

Demgegenüber möchte ich in Erinnerung rufen, dass wir auch Verantwortung für die Taten einzelner Juden haben: Der Sprung der Faigy Mayer ist, solange die Mehrheit der jüdischen Welt schweigt, ein Sprung aus unserer aller Mitte.

Die Autorin wuchs in der chassidischen Gemeinschaft Satmar in den USA auf. Sie lebt in Berlin. Ihr US‐Bestseller »Unorthodox« erscheint im Frühjahr 2016 auf Deutsch.

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