Bundeswehr

Teil der Truppe

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen mit Zentralratspräsident Josef Schuster Foto: Rafael Herlich

Zum Auftakt gab es hohen Besuch: Am vergangenen Mittwoch war Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) nach Berlin‐Charlottenburg gekommen, um mit einem Grußwort eine vom Zentralrat der Juden in Deutschland organisierte dreitägige Konferenz zur Geschichte und Zukunft von Militärrabbinern in der Bundeswehr zu eröffnen. Dabei bekräftigte von der Leyen ihre Entscheidung, jüdische Seelsorger in der Truppe einzuführen.

»Wir möchten wieder Militärrabbiner in unseren Reihen beheimatet wissen«, sagte die Verteidigungsministerin. Es erfülle sie persönlich mit großer Freude, dass jüdische Männer und Frauen in der Bundeswehr dienen. »Es ist gut, dass Rabbiner wieder sagen: Ja, ich möchte in der Bundeswehr wirken.« Man werde die Gespräche mit dem Zentralrat rasch aufnehmen, um schon bald einen entsprechenden Staatsvertrag zu unterzeichnen.

Der Beschluss der Verteidigungsministerin bringt die Bemühungen des Zentralrats zu einem erfolgreichen Abschluss.

Der Beschluss der Verteidigungsministerin bringt die Bemühungen des Zentralrats, orthodoxe und liberale Militärrabbiner in der Bundeswehr einzusetzen, zu einem erfolgreichen Abschluss. »Die Berufung ist ein Zeichen für das gewachsene Vertrauensverhältnis der jüdischen Gemeinschaft zur Bundeswehr als Teil unserer demokratischen Gesellschaft«, sagte Zentralratspräsident Josef Schuster. Gerade angesichts der existenziellen Herausforderungen, denen die Soldaten ausgesetzt sind, halte er geistlichen Beistand, Seelsorge und Wertevermittlung für zentral, um die Bundeswehr in eine gute Zukunft zu führen.

Nachbarländer Welche konkreten Aufgaben und Pflichten die zukünftigen Militärrabbiner in der Bundeswehr übernehmen werden, war das Hauptthema der Konferenz. Dabei wurde auch der Blick auf die Armeen anderer westlicher Staaten wie die der USA, Großbritanniens und natürlich Israels gelenkt, die schon seit Langem Militärrabbiner in ihren Reihen haben. So gab etwa Menachem Sebbag, Oberrabbiner der niederländischen Streitkräfte, Einblicke in die Praxis der jüdisch‐militärischen Seelsorge im Nachbarland.

Neben der seelsorgerischen Betreuung der derzeit rund 250 bis 300 jüdischen Angehörigen der Bundeswehr stand die Stärkung der »Inneren Führung« sowie die Demokratieerziehung der Soldaten im inhaltlichen Fokus. Ähnlich wie protestantische und katholische Seelsorger wird die Gestaltung des Lebenskundlichen Unterrichts (LKU) eine der zukünftigen Hauptaufgaben der Militärrabbiner sein. Zentralratspräsident Schuster sagte, dass der LKU eine wichtige Rolle im Kampf gegen antisemitische und rechtsextreme Einstellungen innerhalb der Bundeswehr einnehmen werde. »Auch das eigene Verhalten und festgefahrene Denkmuster können in diesem Unterricht hinterfragt werden«, sagte Schuster.

Der niederländische Militärrabbiner Menachem Sebbag gab Einblicke in seine Arbeit.

Zentralratsgeschäftsführer Daniel Botmann ging in seinem Impulsvortrag auf die lange Tradition jüdischer Militärrabbiner in deutschen Streitkräften ein. »Wenn Juden heute Dienst in der Bundeswehr tun, findet auch immer eine Auseinandersetzung mit der Geschichte statt«, sagte Botmann. Vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten hatte es in der deutschen Armee jüdische Militärseelsorger gegeben. Während des Ersten Weltkriegs reisten sogenannte Feldrabbiner mit den Truppen des deutschen Kaiserreichs mit. Der berühmte liberale Rabbiner Leo Baeck war einer dieser Feldrabbiner.

Verankerung Michael Wolffsohn, Publizist und Historiker an der Bundeswehr‐Universität in München, ging in seinem Vortrag auf die Genese der jüdischen Seelsorge in der Bundeswehr ein. »Über jüdische Kameraden und Kameradinnen in der Truppe regt sich heute niemand mehr auf«, sagte Wolffsohn. Das sei Ende des vergangenen Jahrhunderts noch ganz anders gewesen. »Noch bis 1989 bestand der Zentralrat der Juden aus verständlichen Gründen auf der Ausnahmeregelung, dass junge jüdische Deutsche vom Wehrdienst ausgeschlossen sind«, erläuterte Wolffsohn.

In den Folgejahren habe sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die wiedervereinigte Bundesrepublik die Antithese zum Dritten Reich und »die Bundeswehr die Antithese zur Wehrmacht« sei. In diesem Sinne sei auch die Aufnahme von Militärrabbinern in die Truppe »ein weiteres wichtiges Zeichen für die Verankerung der jüdischen Gemeinschaft in der demokratischen Gesellschaft«, sagte Wolffsohn.

Welche Aufgaben auf einen Militärrabbiner ganz konkret zukommen, darüber konnte Rabbiner Boris Ronis Einblicke aus erster Hand vermitteln.

Welche Aufgaben auf einen Militärrabbiner ganz konkret zukommen, darüber konnte Boris Ronis, Gemeinderabbiner für die Synagoge Rykestraße in Berlin, Einblicke aus erster Hand vermitteln. Denn sein Kollege Konstantin Pal und er hatten 2004 im Rahmen ihrer Ausbildung am Abraham Geiger Kolleg ein Praktikum bei der Marine absolviert. Zwei Wochen waren die beiden Rabbineranwärter an Bord der Fregatte Niedersachsen unterwegs. »Als Seelsorger bei der Bundeswehr muss man für alle Soldatinnen und Soldaten ein Ansprechpartner sein«, sagt Ronis. »Das gilt unabhängig von der Konfession des Einzelnen.«

Auch eine andere Beobachtung fand er im Rückblick bemerkenswert: »Oftmals hat man in dieser Rolle mehr Möglichkeiten, in schwierigen Situationen Einfluss auf eine Person zu nehmen, als der direkte Vorgesetzte.« Grundregel Nummer eins aber, und das gilt wohl nicht nur für Militärrabbiner, ist die Sichtbarkeit, und zwar für alle Mannschaftsgrade. »Konkret heißt das, dass ein Seelsorger auch bei der Nachtschicht mal mit von der Partie sein muss.« Nur so lässt sich ein Gespür für die realen Nöte und Bedürfnisse der Soldaten entwickeln.

Exoten Natürlich war ein Rabbiner bei der Bundeswehr damals ein »Exot«. Und daran wird sich auch nach dem Staatsvertrag wohl erst einmal wenig ändern. Das muss aber nichts Schlechtes bedeuten. »Auf diese Weise gab es die eine oder andere Lehrstunde von uns zum Thema Judentum, und wir konnten viele Fragen dazu beantworten«, so Rabbiner Ronis. Ein ganz praktisches Problem sprach er ebenfalls an: »Damals war die Bundeswehr genauso wenig auf uns vorbereitet wie wir auf sie. Es gab keine koschere Verpflegung, und wir mussten uns vegetarisch ernähren.« Das sollte sich gewiss ohne größeren Aufwand ändern lassen.

»Exoten« waren laut Daniel Botmann auch die wenigen Juden, die nach dem Krieg Militärdienst in Deutschland leisteten.

»Exoten« waren laut Daniel Botmann auch die wenigen Juden, die nach dem Krieg Militärdienst in Deutschland leisteten. »Lange Zeit war die Bundeswehr so etwas wie ein rotes Tuch für uns Juden«, betont er. Doch mittlerweile habe ein Mentalitätswandel eingesetzt. »Jüdische Abiturienten haben heute ein anderes Verhältnis zum Staat und damit auch zu seinen Streitkräften. Sie nehmen zur Kenntnis, dass die Bundeswehr ein interessanter Arbeitgeber sein kann, der ihnen viele Entwicklungsmöglichkeiten bietet.« Heute laute die Botschaft sogar: »Ja, wir als Juden wollen die Bundeswehr mitgestalten.«

Für den Ex‐Innenminister und jetzigen Bundestags‐Vizepräsidenten Hans‐Peter Friedrich (CSU) ist die Bundeswehr ein Spiegel der Gesellschaft. »Und weil jüdisches Leben heute ein integraler Bestandteil davon ist, halte ich es für wichtig und richtig, dass Juden auch in den Streitkräften sichtbar sind.«

Wolfgang Hellmich, Vorsitzender des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestages, sieht das genauso: »Juden in der Bundeswehr sind nicht nur ein Ausdruck der Diversität, sondern zugleich auch ein Zeichen dafür, dass man sich für Deutschland entschieden hat.« Auch für Oberstleutnant a.D. Thomas Sohst, Vorstandsmitglied des Deutschen Bundeswehrverbandes in Berlin, sind Militärrabbiner eine wichtige Sache: »Als Seelsorger kommt ihnen die Aufgabe zu, existenzielle Themen, die den Soldatinnen und Soldaten auf den Nägeln brennen, aus einer jüdischen Perspektive zu beleuchten.«

»Ein Seelsorger muss auch bei der Nachtschicht mal mit von der Partie sein«, sagt Rabbiner Boris Ronis.

Für Doron Kiesel, Wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung im Zentralrat, der die Konferenz mit seinem Team auf die Beine gestellt hatte, steht die Einsetzung von Militärrabbinern ganz im Kontext der Emanzipationsgeschichte der Juden in Deutschland. Zugleich versucht er, Antworten darauf zu geben, wie junge Juden für die Bundeswehr begeistert werden können: »2008 sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel von der Sicherheit Israels als Teil der deutschen Staatsräson. Vielleicht sollte ihnen bewusst sein, dass, wer zur Bundeswehr geht, seiner Unterstützung genau dieser Haltung Ausdruck verleiht.«

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