Interview

»Solche Juden brauchen wir«

Shimon Stein Foto: imago/Jürgen Heinrich

Interview

»Solche Juden brauchen wir«

Warum es das Erbe von Leo Baeck auch zukünftig zu bewahren gilt. Ein Gespräch mit Israels früherem Botschafter Shimon Stein

von Lilly Wolter  21.05.2023 14:13 Uhr

Herr Stein, vor 150 Jahren wurde Rabbiner Leo Baeck geboren. Warum ist die Erinnerung an ihn so wichtig?
Weil er eine Leitfigur für das deutsche liberale Judentum war, während der NS-Zeit und auch darüber hinaus. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass im Jahre 1955 die Damen und Herren Hannah Arendt, Martin Buber, Siegfried Moses, Gershom Scholem, Ernst Simon und Robert Weltsch entschieden haben, ein Institut nach Leo Baeck zu benennen, mit dem Ziel, das Erbe der deutsch-jüdischen Kultur für zukünftige Generationen aufrechtzuerhalten.

Was war Leo Baeck für ein Mann?
Ich habe ihn nicht gekannt. Aber wenn ich mich auf das verlasse, was über ihn gesagt und geschrieben wird, war er ein offener Mensch, der immer für den Dialog einstand. Solche Juden brauchen wir heutzutage. Leo Baeck war auch ein Visionär. Er verkörperte alles, was ich von einer führenden jüdischen Figur damals und auch heute erwarte.

Warum braucht es Figuren wie ihn?
Es sind herausfordernde Zeiten. Figuren wie Leo Baeck, die aufgeklärt sind, die auf Menschen zugehen und führen können, haben alle wichtigen Eigenschaften für die heutige Zeit. Wir sehen momentan zum Beispiel, wie Israel um sein liberales Profil kämpft. Menschen wie Leo Baeck können in einer solchen Zeit einen riesigen Beitrag leisten. Deshalb sollten wir an ihn erinnern, aber auch an die herausragende Arbeit der Leo Baeck Institute in Jerusalem, New York und London, die seit Jahrzehnten versuchen, Lehren aus der Geschichte für die heutige Zeit zu ziehen. Nicht unerwähnt lassen möchte ich an dieser Stelle auch die Bemühungen der Wissenschaftlichen Gemeinschaft des Leo Baeck Instituts in Deutschland.

Sie waren sechs Jahre lang Botschafter des Staates Israel in Deutschland. Erkennen Sie heute bestimmte Werte Baecks, die Sie in dieser Position gelebt haben?
Damals und heute bin ich geleitet von der Notwendigkeit, offen zu sein für andere Gedanken und nicht immer zu glauben, dass das, was ich behaupte, am Ende auch stimmt. Mir ist wichtig, andere so leben zu lassen, wie sie es wünschen.

Welche Entwicklungen im Judentum widersprechen aus Ihrer Sicht den Ideen von Leo Baeck?
Ich bedauere, dass es innerhalb des Judentums – zwischen Liberalen, Reformern, Konservativen und den Orthodoxen – nicht immer reibungslos abläuft. Auch bedauere ich, dass in Israel das Monopol der Orthodoxie herrscht, die ja leider nicht selten versucht, ihre Art und Weise des jüdischen Lebens zu diktieren. Leo Baeck hätte sicher für mehr Offenheit geworben.

Sie sind inzwischen Vorsitzender des Vereins Freunde und Förderer des Leo Baeck Instituts. Wie genau arbeiten Sie?
Wir funktionieren als ein Medium, das zwischen den Leo Baeck Instituten und den deutschen Behörden vermittelt. Wir sind diejenigen, die die Gelder aus der öffentlichen Kasse an die Institute verteilen. An dieser Stelle kann ich auch nur für die Zusammenarbeit zwischen dem Förderkreis und den deutschen Behörden danken, insbesondere dem Bundesinnenministerium und der Kultusministerkonferenz. Ihre Hilfe erlaubt es, dass die Institute weiter forschen können.

Welche Ziele hat der Verein für die Zukunft?
Wir wollen natürlich auch neue Mitglieder gewinnen, insbesondere junge Menschen. Denn auch bei Leo Baeck gibt es eine Generationsfrage. Wir bemühen uns, dass die Aufmerksamkeit für einen wichtigen Teil der deutschen Geschichte nicht schwindet. Und zu dieser deutschen Geschichte gehören auch Leo Baeck, sein Erbe und das Judentum, das vor dem Krieg in Deutschland so lebendig war.

Mit dem Vorsitzenden des Vereins »Freunde und Förderer des Leo Baeck Instituts« sprach Lilly Wolter.

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