Antisemitismus in Berlin

Sigmount Königsberg: »Das war alles kein Ruhmesblatt«

Sigmount Königsberg, Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin Foto: Gregor Zielke

Antisemitismus in Berlin

Sigmount Königsberg: »Das war alles kein Ruhmesblatt«

Beauftragter der jüdischen Gemeinde wirft Behörden vor, während der Pandemie teilweise zu langsam reagiert zu haben

 05.04.2022 09:12 Uhr

Der Antisemitismusbeauftragte der Berliner Jüdischen Gemeinde, Sigmount Königsberg, wirft den Behörden vor, in den vergangenen beiden Pandemie-Jahren zu langsam auf die wachsende Judenfeindlichkeit in Teilen der Gesellschaft reagiert zu haben. Es sei im Jahr 2020 und in Teilen auch 2021 »viel zu lange weggeschaut worden«, sagte Königsberg dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Berlin. Königsberg äußerte sich anlässlich der für Dienstag geplanten Vorlage des ersten Umsetzungsberichts zur Antisemitismus-Prävention in der Hauptstadt.

Er betonte, rechtsextreme Aktivisten wie der Vegankoch Attila Hildmann hätten ihre Hasstiraden viel zu lange ungestört öffentlich verbreiten können, es habe viel zu wenig behördliche Maßnahmen gegen Demonstrationen von Corona-Leugnern und Kritikern der staatlichen Corona-Maßnahmen mit eindeutig rechtsradikalem Einschlag gegeben.

QUERDENKER Mittlerweile sei die Sensibilisierung der Berliner Behörden beim Thema Antisemitismus aber eindeutig besser geworden, sagte Königsberg. Gerade die Schoa-Bagatellisierung auf Demonstrationen der sogenannten Querdenker-Bewegung sei für Jüdinnen und Juden unerträglich: »Das ist eine Ohrfeige für jeden, der die Schoa überlebt hat und auch für seine Nachkommen.« Die Polizei sei lange Zeit auf diese Radikalisierung nicht vorbereitet gewesen, wie der versuchte Sturm auf das Reichstagsgebäude im August 2020 gezeigt habe. »Das war alles kein Ruhmesblatt«, sagte Königsberg.

Hinzu gekommen seien 2021 massive Attacken auf Berliner Jüdinnen und Juden im Zuge des Nahostkonflikts. Rund um den sogenannten Nakba-Tag am 15. Mai 2021 seien so viele Angriffe auf Juden in Berlin festgestellt worden, wie noch nie zuvor. Unter anderem sei am S-Bahnhof Friedenau einem Mann die Kippa vom Kopf geschlagen worden und am Hermannplatz seien jüdische Menschen angepöbelt worden, weil sie einen Davidstern trugen. Am Nakba-Tag gedenken die Palästinenser der Flucht Hunderttausender Menschen im Zuge der Staatsgründung Israels 1948.

UMSETZUNGSBERICHT Am Dienstag will der Berliner Antisemitismusbeauftragte Samuel Salzborn den ersten Umsetzungsbericht zur Antisemitismus-Prävention in der Hauptstadt vorstellen. Der Politikprofessor ist seit August 2020 in dem Amt. Seitdem habe sich einiges verbessert, sagte Königsberg. Mit Salzborn gebe es eine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit: »Wir können oft gemeinsam Probleme und Vorkommnisse klären, bevor sie eskalieren.«

Auch die Zusammenarbeit mit den Strafverfolgungsbehörden sei besser, seitdem die Antisemitismusbeauftragten bei der Berliner Generalstaatsanwaltschaft und der Polizei, Claudia Vanoni und Wolfram Pemp, ihr Amt übernommen haben. Bei der Polizei sei der antisemitische Charakter von Straftaten in der Vergangenheit oft »hinten runtergefallen«. »Das ist so gut wie nicht mehr der Fall«, sagte Königsberg. epd

Bremerhaven

Synagoge im Visier: Jahrelange Haft und Psychiatrie für Anschlagspläne

Ein perfider Plan, gefährliche Stoffe und eine Sprengstoffweste: Wie Ermittler zufällig auf brisante Chats stießen - und welche Konsequenzen die Vorbereitung eines Anschlags für die Angeklagten hat

 08.06.2026

Nahost

EU verschärft Sanktionen gegen Iran

Wegen Behinderungen des Schiffsverkehrs verschärft die EU ihre Maßnahmen gegen den Iran. Betroffen sind auch Verantwortliche, denen Drohungen vorgeworfen werden

 08.06.2026

Moringen

AfD-Kreisverband will Parteitag neben KZ-Gedenkstätte abhalten

In der Kleinstadt Moringen richteten die Nationalsozialisten drei Konzentrationslager ein. Eine Gedenkstätte erinnert an die damaligen Gräuel. In unmittelbarer Nähe davon plant ein AfD-Kreisverband seinen Parteitag. Ein Bündnis kündigt Proteste an

 08.06.2026

Interessenvertretung

Jüdische Lehrkräfte gründen eigenen Verband

Jüdische Perspektiven im Bildungswesen sichtbarer machen: Ein neuer Bundesverband vernetzt Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte und unterstützt sie im Umgang mit Antisemitismus

von Christoph Schmidt  08.06.2026

Handelsbeziehungen

Auch Großbritannien erwägt Importverbot für Siedlerwaren

140 Abgeordnete der regierenden Labour Party haben Außenministerin Yvette Cooper aufgefordert, die Einfuhr von Produkten aus israelischen Siedlungen im Westjordanland nach Großbritannien zu verbieten

von Michael Thaidigsmann  08.06.2026

Washington D.C.

Global Forum des AJC: Das Paradox der jüdischen Geschichte

2000 Juden aus 70 Ländern kamen in die US-Hauptstadt, um bei der jährlichen Tagung des American Jewish Comittee dabei zu sein

von Sebastian Engelbrecht  08.06.2026

Aue-Bad Schlema (Sachsen)

CDU-Kandidat gewinnt OB-Wahl in Aue gegen Rechtsextremen

Mit dem Wahlsieg von Marcus Hoffmann bleibt Aue-Bad Schlema in CDU-Hand. Der Kandidat der rechtsextremen »Freien Sachsen« scheitert an der Wahlurne

 08.06.2026

Daniel Jositsch, Zürcher SP-Ständerat, am letzten Donnerstag, dem Tag seines Austritts aus der Partei

Meinung

Daniel Jositsch und der Preis der Klarheit

Daniel Jositsch verlässt nach seiner Nichtnomination in den Ständerat die SP. Der Fall zeigt, wie eng der Raum für sozialliberale und proisraelische Stimmen in der Linken geworden ist, nicht nur in der Schweiz

von Zsolt Balkanyi-Guery  08.06.2026

Großbritannien

Antisemitische Straftaten in London stark gestiegen

Der größte monatliche Zuwachs von durch Judenhass motivierten Übergriffen seit ende 2023 wird registriert

 08.06.2026