AfD

»Sie meinen, was sie sagen«

Volkhard Knigge, Historiker und Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora Foto: dpa

Herr Knigge, AfD‐Chef Alexander Gauland hat in seiner heftig kritisierten Rede nun ein Bekenntnis zur Verantwortung der Deutschen für die NS‐Zeit vorangestellt. Ändert das etwas an seiner Kernaussage?
Man muss Herrn Gauland dankbar sein, dass er einmal mehr den bürgerlichen Schleier vor der AfD herunterreißt und das rechtsnationalistische Denken, das die Partei in wesentlichen Teilen prägt, und den Demokratie verachtenden Kern ihrer Programmatik offenbart. Dazu gehört es, sich scheinbar zu etwas zu bekennen, das dann in der Hauptaussage verzerrt, verzeichnet, kleingeredet und relativiert wird. Gauland folgt damit einer Tradition, die seit 1945 vielfältig zu erleben ist.

Inwiefern?
Es geht nicht um zwölf Jahre deutscher Geschichte, sondern wofür diese zwölf Jahre stehen: für die Zerstörung der Weimarer Republik, die Verfolgung und Ausgrenzung von Millionen anders denkender, anders aussehender und anders liebender Menschen zunächst in Deutschland und dann über seine Grenzen hinweg. Es geht um die Zerstörung Europas, die Millionen Kriegstoten und es geht um die Schoa und den Holocaust – all das ist für Gauland ein »Vogelschiss«.

Was will er mit seiner Äußerung bewirken?
Er greift damit den gesellschaftlichen Lernprozess an, der in der Bundesrepublik stattgefunden hat, und ihr Grundgesetz. Dessen »die Würde des Menschen ist unantastbar« beruht auf einem antinazistischen Grundkonsens der Gesellschaft. Dieses Grundgesetz hat garantiert, dass Deutschland wieder zu einem anerkannten und angesehenen Mitglied der Staatengemeinschaft werden konnte – auch das diffamiert Gauland implizit als »Vogelschiss«.

Die Provokation hat bei der AfD ja offenbar Methode. Muss die Zivilgesellschaft über jedes populistische Stöckchen, das sie ihr hinhält, wirklich springen?
Der AfD geht es nicht um Provokation. Das hieße ja, die Partei, ihre Leitfiguren, meinten es gar nicht so; als ginge es ihnen nur um den Krawall und die Aufmerksamkeit, in der sie sich dann als Opfer darstellen können. Es ist an der Zeit, ernst zu nehmen, was etwa Höckes Kehrtwende in der Erinnerungskultur bedeutet. Sie meinen, was sie sagen! Das heißt, sie wollen eine andere Gesellschaft. In der Auseinandersetzung mit der AfD geht es im Kern darum, in welcher Gesellschaft wir künftig leben wollen – in einer liberal‐freiheitlichen oder in einer rechtsnationalistischen, die sich abschottet.

Wie sähe die Gesellschaft nach Vorstellungen der AfD genau aus?
Es reicht doch ein Blick über die Grenzen, um zu erkennen, wohin diese Politik führen soll: zum vollständigen Umbau der Gesellschaft. Wir sehen doch, wie rechts‐ und ultranationalistische Regierungen die Verfassungsgerichte aushöhlen, wie der Zivilgesellschaft der Geldhahn abgedreht und die Pressefreiheit eingeschränkt wird. Uns sollen heute politische Gifte verkauft werden, die schon vor dem Ersten Weltkrieg im Angebot waren, und die untrennbar zur Vorgeschichte des Nationalsozialismus und seinen Verbrechen gehören.

Die AfD kommt in einer aktuellen INSA‐Umfrage auf 18 Prozent in Thüringen. Erreicht sie dieses Ergebnis trotz oder gerade wegen des Fischens am rechten Rand?
Da muss ich leider sagen: wegen. Das Fischen am rechten Rand ist kein Zufall, es ist die Strategie der Partei. Mit all unseren historischen, ethischen, rechtlichen und politischen Erfahrungen müssen wir dem entgegentreten. Es geht um nicht weniger als um die Frage, wie wir miteinander umgehen wollen, wie wir unsere Konflikte – und die gehören nun einmal zum Leben dazu – lösen wollen. Überlassen wir der AfD das Feld oder versuchen wir, Streitpunkte zivilisiert und vernünftig zu klären? Es ist unsere Entscheidung.

Das Gespräch mit dem Historiker und Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau‐Dora führte Dirk Löhr.

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