Von NS-Schergen auf offener Straße geschlagen und misshandelt, im berüchtigten Dortmunder Polizeigefängnis »Steinwache« gefoltert und ins KZ verschleppt: Werner Jacobi leidet während der NS-Diktatur massiv unter der Gewalt der Nationalsozialisten. Der 1907 geborene Protestant, Sohn einer jüdischen Mutter, tritt 1923 in die SPD ein. Zehn Jahre später wird der Gerichtsreferendar nach der Machteroberung der Nationalsozialisten als »Halbjude« und Sozialdemokrat sofort aus dem Staatsdienst entlassen und als politischer Gegner brutal verfolgt.
Ende Januar 1945 gelingt ihm die Flucht aus dem KZ-Außenlager Hersbruck. Direkt nach Kriegsende wirkt Jacobi beim Aufbau der Demokratie mit: als Landrat und dann Bürgermeister von Iserlohn sowie als Abgeordneter des Landtags von Nordrhein-Westfalen, der am 2. Oktober 1946 erstmals zusammentritt. Die Parlamentarier werden von der britischen Militärregierung ernannt, die konstituierende Sitzung findet im Düsseldorfer Opernhaus statt.
Zeichen gegen das Vergessen
Jacobi, der später bis zu seinem Tod 1970 im Bundestag wirkte, ist kein Einzelfall: Viele spätere nordrhein-westfälische Landtagsabgeordnete wurden in der NS-Zeit drangsaliert und verfolgt, einer der prominentesten war der spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU). 80 Jahre nach der historischen ersten Sitzung setzt der Landtag nun ein Zeichen gegen das Vergessen: Im Parlamentsgebäude wird in der »Woche der Demokratie« vom 5. bis 11. Oktober ein Gedenkort eröffnet, der die Lebens- und Verfolgungsgeschichten dieser Männer und Frauen zeigt.
Der Gedenkort »Sei ein Mensch« in der Wandelhalle des Landtags soll Kunst, Erinnerung und digitale Wissensvermittlung verbinden. Eine Stelen-Installation des Künstlers Tristan Ulysses Hutgens mit dem Titel »Widerstände« thematisiert das Spannungsfeld zwischen Gehorsam und Widerstand. Ein ergänzendes digitales Angebot dokumentiert die Lebenswege von 81 ehemaligen Abgeordneten mit Kurzporträts und ausführlichen Biografien sowie historischen Quellen wie Fotos, Briefen, Haftbefehlen und Wahlplakaten.
Wille zu Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit
Das Projekt basiert auf mehrjährigen wissenschaftlichen Recherchen von Historikern. Demnach gab es viele unterschiedliche Formen der Verfolgung und Unterdrückung im Nationalsozialismus: von Berufsverboten und Überwachung über Inhaftierung und Folter bis hin zur Flucht ins Exil. Nicht alle Betroffenen waren nach Erkenntnissen der Forscher bereits vor 1945 überzeugte Demokratinnen und Demokraten: Viele hätten ihre demokratische Überzeugung erst aus der Erfahrung von Unfreiheit und Verfolgung entwickelt. Das politische Leben des jungen Nordrhein-Westfalen hätten aber alle geprägt.
Für Landtagspräsident André Kuper (CDU) ist der Gedenkort »Sei ein Mensch« mehr als ein Blick in die Vergangenheit. »Er erinnert uns daran, dass Demokratie erkämpft worden ist«, sagt er. »Die Lebensgeschichten der verfolgten Abgeordneten zeigen, wie Menschen Diktatur, Ausgrenzung und Unfreiheit erlitten haben und wie aus dieser Erfahrung der unbedingte Wille zu Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit erwachsen ist.«
Einsatz für Demokratie und gegen Unfreiheit
So wie die Kommunistin Johanna Melzer (1904-1960), die nach dem KPD-Verbot ab 1933 zweimal verhaftet und in der Dortmunder »Steinwache« gefoltert wurde, bevor sie bis Kriegsende zehn Jahre in Zuchthäusern einsaß und doch politisch aktiv blieb und ihre Genossinnen und Genossen nicht verriet. Das brachte ihr den Beinamen »Eiserne Johanna« ein.
Oder wie Leo Schwering (1883-1971), der als Lehrer Beiträge für die Zeitung der katholischen Zentrumspartei verfasste, von den Nationalsozalisten 1934 zwangspensioniert und nach dem gescheiterten Hitler-Attentat 1944 von der Gestapo verhaftet wurde. Nach Kriegsende gründete Schwering mit Weggefährten die Christlich-Demokratische Volkspartei (CDVP), aus der kurz danach die CDU hervorging. Von 1946 bis 1958 war er Mitglied des NRW-Landtags, nach seinem Ausscheiden verfasste er die Gründungsgeschichte der CDU.