Interview

»Schluss mit dem Schlingerkurs«

Herr Abdel-Samad, Sie gehen jeden Tag in Kairo gegen das Mubarak-Regime auf die Straße. Welche Rolle spielen radikale Islamisten bei den Demonstrationen?
Eine marginale. Diese Revolution wurde von der Facebook-Generation entfesselt, die areligiös und apolitisch ist, die sich abgekapselt hat sowohl von den Islamisten als auch von den archaischen Machtstrukturen Mubaraks. Diese Generation wurde langsam politisiert und fordert eine Veränderung im Land. Es ist eine individualistische Generation, und gerade diesen Individualismus brauchen wir jetzt.

Ist absehbar, wohin sich das Ganze entwickelt?
Ich glaube, nach dieser Phase der Unruhen und des Chaos entwickelt sich Ägypten gewiss in Richtung Demokratie. Denn das will die Mehrheit der Bevölkerung. Sogar die Muslimbrüder wurden dazu gezwungen, da sie ja nie eine solche Mobilisierung zustande gebracht haben. Die Islamisten machen sich jetzt klein und reden neuerdings von einer zivilen Gesellschaft. Sie haben ihr Projekt des Gottesstaates begraben, weil sie gemerkt haben, dass sie keine Mehrheit hinter sich haben.

Wie groß ist die Gefahr, dass die Radikalislamisten an der Regierung beteiligt werden?
Vielleicht werden sie, bis es Neuwahlen gibt, in einer Übergangsregierung mitarbeiten. Aber ich rechne nicht damit, dass sie künftig eine große Rolle in der ägyptischen Politik spielen werden. Gott sei Dank haben sich in den letzten Jahren andere Kräfte entwickelt, sodass die Gefahr der vollkommenen Islamisierung nicht mehr vorhanden ist. Ägypten ist eben nicht Gaza oder Afghanistan.

Wie verbreitet sind antiisraelische Ressentiments in der ägyptischen Bevölkerung?
Es gibt bei den Demonstrationen keine Anti-Israel-Rufe. Aber man kann nicht damit rechnen, dass die Mehrheit der Ägypter jetzt plötzlich proisraelisch oder dem jüdischen Staat gegenüber neutral ist. Mubarak hat nach außen hin einen Frieden aufrechterhalten. Aber nach innen hat er das Volk in den Schulbüchern mit Hass gegen Israel gefüttert, um einen Sündenbock zu haben für die Misere im Land.

Dennoch sieht Israel Mubarak als Garanten für die Stabilität in der Region.
Jerusalem macht einen großen Fehler: Es unterstützt einen Diktator gegen den Willen seines Volkes. Als demokratischer Staat sollte Israel auf der Seite der Demokraten sein. Es beleidigt das ägyptische Volk, zu behaupten, dass nur ein seniler 83-jähriger Diktator in der Lage ist, die Geschicke des Landes zu lenken.

Und was raten Sie der Bundesregierung?
Sie sollte endlich ihren Schlingerkurs mit Mubarak beenden. Der Westen hatte kürzlich in Tunesien die Gelegenheit, sich auf die Seite der Demokratie zu stellen, aber er hat gezögert. Jetzt hat der Westen vielleicht eine letzte Chance, seine Glaubwürdigkeit in der islamischen Welt wiederzugewinnen. Er sollte sie nicht verspielen, indem er das ägyptische Volk im Stich lässt.

Mit dem Politikwissenschaftler und Historiker sprach Tobias Kühn.

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