Rosch Haschana

Richtung 5775

Die jüdische Gemeinschaft sollte mit Selbstbewusstsein und Zuversicht in die Zukunft schauen. Foto: Thinkstock

Wenn wir jetzt das neue Jahr begrüßen, werden wir im Rückblick sicherlich auch an die Sorgen denken, die uns das ablaufende Jahr 5774 bereitet hat: antisemitische Hetze und gewalttätige Demonstrationen auf Deutschlands Straßen ebenso wie in anderen europäischen Ländern, tätliche Übergriffe auf Juden, Angriffe auf Synagogen. All das hat uns sehr verunsichert.#

Indes ist die Welle des Judenhasses nur ein Teil eines Gesamtbildes, das keineswegs schwarz in schwarz gemalt werden darf. Selbstverständlich müssen wir auf die uns entgegengeschleuderte irrationale Feindschaft reagieren, und wir haben auch darauf reagiert.

Ein herausragendes Ereignis war die Großkundgebung gegen Antisemitismus, die der Zentralrat der Juden in Deutschland am 14. September, fast zum Ausklang des alten Jahres, organisiert hat. Unter dem Motto »Steh auf! Nie wieder Judenhass« haben wir gemeinsam mit etwa 8000 Menschen ein Zeichen gesetzt, das in ganz Europa gesehen wurde.

botschaft Dass zusätzlich die Bundeskanzlerin, der Bundespräsident, der Vizekanzler, zahlreiche Bundesminister, alle politischen Parteien sowie die höchsten Vertreter der beiden Kirchen, Vertreter der Medien und vieler Organisationen, wie beispielsweise DGB oder DFB, uns durch ihre Reden und Anwesenheit unterstützten, hat uns alle gestärkt und in unserer Botschaft bestärkt.

Zum einen war die Kundgebung also ein großes Zeichen der Solidarität mit der und für die jüdische Gemeinschaft und ein deutlicher Beweis, dass unsere Werte von Toleranz und Freiheit viel stärker sind als der Hass unserer Gegner. Dafür sind wir den vielen Menschen und Unterstützern sehr dankbar.

Schließlich ist doch klar: Wer Juden angreift, greift alle an. Und klargemacht haben wir auch, dass wir das nicht weiter akzeptieren werden. Judenhass darf und wird keinen Platz in Deutschland haben. Dafür müssen wir auch weiterhin alles tun. Ein anderes, nicht weniger wichtiges Zeichen, welches von dieser Kundgebung ausging, war das Zeichen der jüdischen Selbstbehauptung im Sturme des antisemitischen Sommer-Albtraums.

zukunft Wir, die jüdische Gemeinschaft, haben uns nicht etwa unterkriegen oder vergraulen lassen. Wir haben uns auch nicht beirren lassen in unserem Vorhaben, hier in Deutschland weiterhin das bisher Erreichte noch weiter auszubauen: nämlich ein starkes, selbstbewusstes jüdisches Leben, jüdische Zukunft in Deutschland. Wer immer versucht, uns davon abzubringen, wird definitiv scheitern. Wir sind und bleiben selbst im Angesicht hässlicher Feindseligkeit unverzagt und motiviert. Das ist ein wichtiger Teil der Jahresbilanz 5774 und bleibt ein zentraler Vorsatz für die Zukunft.

Genauso entschlossen setzen wir uns für Fairness gegenüber Israel ein. Gerade die jüngste, während der israelischen Verteidigungsoperation im Gazastreifen hochschwappende Welle des Judenhasses zeigte deutlich, wie sehr die verleumderische, den jüdischen Staat diffamierende vermeintliche »Kritik an der Politik der israelischen Regierung« nicht selten nichts anderes als Antisemitismus pur ist.

Wer dem jüdischen Staat das Recht auf bloße Selbstverteidigung prinzipiell abspricht, spricht den Juden in letzter Konsequenz sogar das Existenzrecht ab. Hier zeigte sich noch einmal, wie sehr Israel und wir Juden in anderen Ländern miteinander verbunden sind. Diese Gemeinschaft ist und bleibt ein integraler Teil unseres jüdischen Lebens. Und daher werden wir immer mit ganzem Herzen für Israel und seine Menschen eintreten.

fortschritte
Wir bekämpfen aber nicht nur den Antisemitismus, sondern konnten auch in diesem Jahr glücklicherweise jüdisches Leben unablässig weiter aufbauen. Das ist die vielleicht wichtigste Antwort, die wir unseren Feinden geben können. Auf diesem Weg haben wir 5774 wichtige Fortschritte erzielt, wie die anhaltende Stärkung vor allem der jüdischen Gemeinden zeigt.

Mit dem vom Zentralrat veranstalteten grandiosen Gemeindetag in Berlin, zwei Monate nach dem jüdischen Jahresbeginn, konnten wir nicht nur ein Fest jüdischen Zusammenhalts feiern, sondern auch der gesamten deutschen Gesellschaft auf positive Weise zeigen, wie sehr die jüdische Gemeinschaft in diesem Land heute verankert ist. Bei der diesjährigen Jewrovision, an der über 900 Jugendliche aus unseren Gemeinden teilnahmen, durften wir uns nicht nur über die jungen Talente, sondern auch über das zukunftsweisende jüdische Selbstbewusstsein unserer Jugend freuen.

identität
Über die Grenzen der jüdischen Gemeinschaft hinaus werden wir auch weiterhin für ein demokratisches, freiheitliches Deutschland eintreten und uns für alle Menschen einsetzen, die diskriminiert oder angegriffen werden. Das Einsetzen für andere in Bedrängnis geratene Menschen gehört zum moralischen Stützpfeiler des Zentralrats und ist darüber hinaus ein untrennbarer Teil unserer auf jahrtausendealter jüdischer Moral und Ethik beruhenden Identität.

Daher sollten wir dennoch mit Selbstbewusstsein und mit Zuversicht in die Zukunft schauen. Und ebenso, wie wir uns traditionsgemäß von den Flüchen des vergangenen Jahres trennen wollen, sagen wir für das neue Jahr Tachel Schana u-Wirchoteha. Mögen das (neue) Jahr und seine Segnungen beginnen. In diesem Sinne wünsche ich allen Mitgliedern jüdischer Gemeinden in Deutschland und allen Juden weltweit ein glückliches, gutes Jahr 5775. Schana towa u-metuka.

Der Autor ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

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