Europawahl

Plötzlich projüdisch

Marine Le Pen und Geert Wilders im November 2013 in Den Haag Foto: dpa

Nach den Wahlen zum Europaparlament im Mai wollen etliche rechte Parteien eine gemeinsame Fraktion bilden: die israelfreundliche »Partij voor de Vrijheid« des Niederländers Geert Wilders ebenso wie die aus der flämischen Nazibewegung entstammende »Vlaams Belang« aus Belgien.

Angefangen hat die Zusammenarbeit vor drei Jahren, als eine denkwürdige Reisegesellschaft in Israel landete: Heinz-Christian Strache, Vorsitzender der Freiheitlichen Partei Österreichs, Filip Dewinter, Galionsfigur des Vlaams Belang, der Schwedendemokrat Kent Ekeroth und der damalige »Freiheit«-Vorsitzende René Stadtkewitz aus Berlin. Neben Besuchen der Knesset und einer Siedlung im Westjordanland verabschiedeten sie die »Jerusalemer Erklärung«: eine Solidaritätsadresse an Israel und eine Kampfansage an den islamischen Fundamentalismus.

annäherung Die bizarre Konstellation war Ausdruck einer Annäherung, die sich in der internationalen Anti-Islam-Szene längst angebahnt hatte. »Pro-NRW«-Chef Markus Beisicht kommentierte: »Der Gegensatz, den weite Teile der Altrechten gegen Israel aufbauen, ist überholt. Die große Bedrohung heißt heute Islamisierung. In diesem Punkt sind Israel und Europa mit den gleichen Problemstellungen befasst.«

Die Vorzeichen wechseln: In den meisten Ländern Europas stehen linke Parteien Israel inzwischen mehrheitlich kritisch gegenüber. Auf der Suche nach eindeutigen Zuschreibungen im unübersichtlichen Nahostkonflikt identifizieren große Teile der europäischen Linken »die Palästinenser« pauschal als vermeintlich unterdrückte Seite, der es beizustehen gelte.

Nicht unerheblich ist dabei auch der Blick auf die Stimmen muslimischer Migranten. Die so vakant gewordene Stelle als »Freunde Israels« füllen Rechte nur zu gerne aus.

Stiefelnazis Dahinter steckt eine Strategie: Für die meisten Rechtsparteien bilden Stiefelnazis keine wünschenswerte Zielgruppe, und ein numerisch attraktives Wählerpotenzial stellen sie auch nicht dar. So richtet sich der Fokus stets mehr auf bürgerlich-konservative Schichten.

Protagonisten der neueren rechtspopulistischen Strömung wie Geert Wilders zielen ohnehin auf diese Wähler. Wilders’ Nähe zu Israel begann mit einem Kibbuz-Aufenthalt als junger Mann. Dutzende Male kam er seither zurück – und betont immer wieder seine besondere Beziehung zum Heiligen Land.

Doch auch bei den alten Parteien der extremen Rechten ist Antisemitismus nicht mehr en vogue. Selbst der Vlaams Belang scharwenzelt inzwischen mit dem Verweis auf vermeintlich gemeinsame (islamistische) Feinde um Antwerpens Juden – bislang vergeblich. Sogar Marine Le Pen, Vorsitzende des Front National, distanziert sich inzwischen vom antisemitischen Gedankengut ihres Vaters und Vorgängers – der freilich weiterhin Ehrenvorsitzender des FN bleibt.

Neben der strategischen gibt es auch eine inhaltliche Komponente: Die Diskurse der Rechten haben sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. Neue Konzepte wie das des Ethnopluralismus klingen weniger militant, oder sie pflegen, wie die »identitäre« Bewegung, eine defensive Rhetorik, gerichtet auf die Verteidigung der vermeintlich bedrohten europäischen Kultur.

tradition Juden spielten in diesem Konzept keine Rolle, bis vor einigen Jahren ein neues ideologisches Versatzstück in Mode kam: die »christlich-jüdische Kultur«, die es gegen den politischen Islam zu verteidigen gelte. So sehen etwa Geert Wilders oder die Website »Politically Incorrect« Israel als Vorhut des Westens. Frappierend ist es, wie dieser Bezug auf die gemeinsamen Grundlagen eine jahrhundertelange Tradition des christlichen Europas ausblendet: die des antisemitischen Pogroms.

Aktuell spielt die Beziehung zu Juden und Israel bei Europas Rechten eine Schlüsselrolle: beim Versuch, nach den EU-Wahlen im Mai eine gemeinsame Fraktion zu bilden, wird sie gar zur Gretchenfrage. Israel-Freund Wilders hat seinen jahrelangen Widerstand aufgegeben und strebt eine Kooperation mit Vlaams Belang, FPÖ und Front National an. Eine deutliche Absage kommt dagegen aus Kopenhagen: Die Dänische Volkspartei verweigert sich diesem Projekt – wegen der »antisemitischen Wurzeln« des Front National.

Debatte

Warum werden Israels Fehler laut, der mörderische Judenhass seiner Feinde aber allzu oft nur sehr leise benannt?

Ein Kommentar von Stephan-Andreas Casdorff

von Stephan-Andreas Casdorff  26.05.2026

Teheran

Bericht: Internetsperre im Iran teilweise aufgehoben

Nach mehr als zwei Monaten ist das Internet im Iran laut einem Bericht teilweise wieder erreichbar. Ob die Aufhebung der Sperre dauerhaft bleibt, ist noch offen

 26.05.2026

Texas

»Ich bin gegen zionistische Juden«: Schwere Vorwürfe gegen Kandidatin der Demokraten

Maureen Galindo will ein »Gefängnis für amerikanische Zionisten« einrichten

 26.05.2026

Förderung

Bundesrechnungshof rügt Auswärtiges Amt wegen Geld für Islamic Relief

Islamic Relief Deutschland präsentiert sich als humanitäre Hilfsorganisation. Und erhielt Förderung des Auswärtigen Amtes. Der Bundesrechnungshof rügt das: Es gebe Verbindungen zur Muslimbruderschaft

von Christoph Arens  26.05.2026

Mexiko-Stadt

Mexiko nimmt iranische Nationalmannschaft während der WM auf

Präsidentin Claudia Sheinbaum sagt, die USA hätten angefragt, ob die Iraner in ihrem Land übernachten könnten. »Und wir haben gesagt: Ja, ohne Problem, wir haben damit überhaupt kein Problem.«

 26.05.2026

Teheran

Irans Präsident ordnet Freischaltung des Internets an

Während des Krieges wollte das Regime offenbar verhindern, dass Berichte, Bilder über das Ausmaß der Kriegsschäden sowie über die Stimmung im Land in sozialen Medien verbreitet werden

 26.05.2026

Bilbao/Wien

Festnahmen und Tumulte um Gaza-Flottillen-Aktivisten in Spanien und Österreich

Teils chaotische Szenen mit Rangeleien und dem Einsatz von Gewalt durch Sicherheitskräfte werden von den Flughäfen in Bibao und Wien gemeldet

 26.05.2026

Dresden

Wegen Betrugs und Geldwäsche: Bewährungsstrafe für Rabbiner

Das Amtsgericht Dresden hat sein Urteil gesprochen: Ein 41-jähriger Rabbiner wurde der Beihilfe zum Betrug für schuldig befunden

 26.05.2026

Nahost

USA greifen iranische Ziele an

Das US-Zentralkommando spricht von begrenzten Einsätzen, die »vorerst abgeschlossen« worden seien. Derweil warnt Außenminister Rubio das Teheraner Regime

 26.05.2026