Sicherheitsbehörden

»Nicht nur in Hessen«

Beschäftigt sich seit Langem mit Rechtsextremismus: der Journalist Matthias Meisner Foto: imago images/Manfred Segerer

Herr Meisner, kürzlich waren Sie als Buchautor zu einer Veranstaltung der Jüdischen Gemeinde Frankfurt eingeladen zum Thema »Rechtsextreme in Sicherheitsbehörden«, die wegen Corona abgesagt wurde. Gerade Hessen gerät immer wieder in die Schlagzeilen – in Frankfurt waren Polizisten offenbar in die Bedrohung einer Anwältin durch einen »NSU 2.0« involviert, in Kassel wurde Walter Lübcke ermordet, in Hanau ein rechtsextremer Anschlag verübt. Warum immer wieder Hessen?
Vielleicht kommt die Frage auch daher, dass viele immer noch glauben, dass es nur in Ostdeutschland besondere Probleme mit Rechtsextremismus gibt. Sachsens Vize-Ministerpräsident Martin Dulig (SPD) hat schon vor Jahren gesagt, unter Polizisten gebe es relativ viele Anhänger von AfD und Pegida. Wir wissen heute: Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem – und das nicht nur in Deutschland. Hessen ist eines der Bundesländer, in denen rechte Gewalt lange Zeit verharmlost wurde. Rechte Polizisten konnten sich hier – wie fast überall – sicher sein, dass ihre zum Teil offen zur Schau getragenen ideologischen Selbstverortungen wenig bis gar keine Konsequenzen haben würden. Landauf, landab wird immer noch und immer wieder relativiert, leider nicht nur in Hessen. Seda Basay-Yıldız, die angesprochene Anwältin, hat das Vorwort zu unserem Buch beigesteuert. Sie schreibt dort: »Wer immer nur von Einzelfällen spricht, hat die Dimension des Problems nicht verstanden.« Das ist ein Aspekt, der sich kreuz und quer durch die Führung von Bundeswehr, Polizei, Verfassungsschutz und anderen Sicherheitsbehörden zieht.

Wie groß ist die Dimension?
Wir haben es in jedem Fall mit einem wachsenden Problem zu tun – und mit einem lange vernachlässigten. Es fehlen aber noch immer belastbare Daten und Zahlen. Der Militärische Abschirmdienst hat für die Bundeswehr mehrere Hundert Verdachtsfälle identifiziert, besonders viele beim Kommando Spezialkräfte im Vergleich zur kleinen Zahl dieser Elitesoldaten. Wir zitieren in unserem Vorwort aus dem Verfassungsschutzbericht – besser gesagt: Wir zitieren nicht daraus. Der aktuelle Bericht für 2018 umfasst 388 Seiten, aber enthält keine einzige Zeile zu Rechtsradikalen in den Sicherheitsbehörden.

Was macht Uniformberufe für Rechtsradikale attraktiv?
Zum einen sind Sicherheitsbehörden auch ein Spiegelbild einer Gesellschaft, die etwa in manchen Bundesländern zu einem Viertel für die AfD stimmt. Zum anderen eignen sich solche Behörden aus Sicht von Rechtsradikalen, um sich mit Munition, Waffen und Insiderwissen zu versorgen. Das zeigt auch der Frankfurter Fall: Die Daten, die zur Bedrohung von Seda Basay-Yıldız genutzt wurden, stammen aus einem Polizeicomputer.

Wie groß ist der Vertrauensverlust?
Immens. Und das nicht nur aufgrund der Vorfälle in Behörden, sondern auch nach den rechten Anschlägen der vergangenen Zeit. Das merkt man auch an den Reaktionen beispielsweise des Zentralrats der Juden, der sich nicht nur nach Halle, sondern auch nach Hanau sehr besorgt gezeigt hat und regelmäßig auf die Radikalisierung der AfD hinweist. Wenn über rechtsterroristische Attentate wie in Hanau und Halle gesprochen wird, heißt es von Politikern oft: »Das ist ein Anschlag auf uns alle.« In Wirklichkeit gelten solche rassistischen Taten speziell Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe, vermeintlichen oder realen Herkunft oder Religionszugehörigkeit als »anders« markiert werden – sowohl von den Attentätern als auch von deren parlamentarischen Stichwortgebern – und die also noch einmal ganz anders betroffen sind.

Ergeben sich aus den Recherchen zum Buch auch Erkenntnisse zu Antisemitismus in den Sicherheitsbehörden?
In fast allen bislang bekannt gewordenen rechtsextremen Chatgruppen von Polizisten werden der Nationalsozialismus verherrlicht und die Schoa geleugnet. Antisemitismus ist wie auch Rassismus ein Kernelement rechtsextremer Ideologie und Radikalisierung.

Was muss sich ändern, wenn Behörden Vertrauen zurückgewinnen wollen?
Es ist wichtig, dass Polizistinnen und Polizisten, Soldatinnen und Soldaten, die kritisch mit dem Thema umgehen, gestärkt und nicht als Nestbeschmutzer beschimpft werden. Sie müssen ermutigt werden, solche Vorgänge anzuzeigen. Wir sind sehr erfreut, dass unser Buch auch in den Führungsetagen von Polizei und Bundeswehr viel gelesen wird. Dass die Jüdische Gemeinde Frankfurt eine Veranstaltung dazu plante – und hoffentlich nachholen kann –, zu der auch der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) gekommen wäre, ist ein Signal dafür, dass das Thema in den Behörden ernster genommen wird als noch vor ein paar Jahren.

Hat das Folgen für den Aufklärungswillen?
Entscheidend ist natürlich, ob immer nur so viel zugegeben wird, wie wirklich unabweisbar ist, oder ob tatsächlich versucht wird, alles aufzuklären. Es ist ein hoffnungsvoller Anfang, dass die Diskussion in den Behörden breiter geführt wird, auch an der Basis. Ich glaube, es gibt zumindest Verschiebungen.

Zum Beispiel?
Bleiben wir beim Verfassungsschutz: Dessen langjähriger Präsident, Hans-Georg Maaßen, bewegt sich ja mit der Werteunion am rechten Rand der CDU, quasi als Türöffner zur AfD. Seine Amtszeit waren verlorene Jahre in der Bekämpfung des Rechtsextremismus – ohne jeden Aufklärungswillen. Das ist ein Unterschied zu seinem Nachfolger Thomas Haldenwang. Wir haben etwa Hinweise darauf, dass es im nächsten Verfassungsschutzbericht ein eigenes Kapitel zu diesem Thema geben soll. Ich glaube, das Reden von Einzelfällen bis hin zum Negieren des Problems, das funktioniert nicht mehr.

Manche aus den aufgedeckten rechten Netzwerken in den Behörden fantasieren von einem Tag X, an dem die gesellschaftliche Ordnung zusammenbricht, und bereiten sich darauf vor. Wie könnte sich die Corona-Krise auswirken?
Wenn man verfolgt, dass im Kontext Corona-Krise von Innenminister Horst Seehofer erwogen wird, das Asylrecht partiell auszuhebeln, dann mag man sich nicht vorstellen, dass Beamte mit rechtsradikalen Gedanken solche Maßnahmen administrativ durchsetzen. Zudem geht die Krise auch mit der Einschränkung von Freiheitsrechten und nationalistischen Gedanken einher. Gerade in Krisensituationen ist es noch wichtiger als ohnehin schon, dass man sich darauf verlassen kann, dass Staatsdiener zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen.

Mit dem Autor und Mitherausgeber des Buches »Extreme Sicherheit. Rechtsradikale in Polizei, Verfassungsschutz, Bundeswehr und Justiz« sprach Martin Steinhagen.

Berlin

Jüdische Gemeinde übt massive Kritik an Antisemitismus-Papier der Linken

Der Gemeinde-Vorsitzende Gideon Joffe bezeichnet das Konzept der Partei als »feige« und spricht von einem »Feigenblatt«

 11.05.2026

Brandenburg

Rechtsextremistische AfD gewinnt erstmals bei Bürgermeisterwahl

In Zehdenick zieht der AfD-Kandidat René Stadtkewitz mit deutlichem Vorsprung ins Rathaus ein. Für seine Partei ist es der erste Sieg bei einer Bürgermeisterwahl in diesem Bundesland

 11.05.2026

Nahost

Drohnenangriffe in Golfstaaten verschärfen Spannungen mit Iran

Die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar und Kuwait melden Drohnenattacken, Süd-Korea einen Angriff auf ein ziviles Schiff in der Straße von Hormus

 11.05.2026

Washington D.C.

Trump weist iranisches Angebot zurück

Die Antwort des Teheraner Regimes auf einen Vorschlag der USA sei »völlig inakzeptabel!«, schreibt der amerikanische Präsident

 11.05.2026

Teheran

Iran: Antwort auf US-Vorschlag an Pakistan übermittelt

Zurzeit gilt eine fragile Waffenruhe im Iran-Krieg. Die USA haben einen Vorschlag zur Beendigung des Konflikts gemacht. Die Antwort soll nun vorliegen

 10.05.2026

Naher Osten

Erneut iranische Angriffe auf Golfstaaten

Aus Kuwait, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar werden Attacken des iranischen Regimes gemeldet. Offiziell gilt eine Waffenruhe in dem Konflikt

 10.05.2026

Medien

Kristin Helberg, der Hass auf Israel und der urdeutsche Wunsch nach Entlastung

Ein Kommentar von Jan Fleischhauer

von Jan Fleischhauer  10.05.2026

Kommentar

Wenn »schwarz auf weiß« nicht mehr genügt

Eine funktionierende Demokratie braucht freie Medien – aber vor allem glaubwürdige

von Roman Haller  10.05.2026

Teheran

Iran droht USA im Falle von weiteren Angriffen mit Vergeltung

Das Mullah-Regime warnt die USA vor weiteren Attacken auf Handelsschiffe. Ob mittlerweile die von US-Präsident Trump erwartete Antwort aus Teheran auf den Friedensvorschlag eingegangen ist, ist nicht bekannt

 10.05.2026