Meinung

Neue Feinde im Nahen Osten

Michael Wolffsohn Foto: dpa

Meinung

Neue Feinde im Nahen Osten

Der Konfrontationskurs des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan gegen Israel ist außenpolitisch lohnend – und innenpolitisch riskant

von Michael Wolffsohn  16.10.2012 12:19 Uhr

Syrien-Türkei-Israel. Wer will was? Bis zum Beginn der arabischen Revolutionen präsentierte sich Erdogans Türkei als guter Freund der Diktatoren Assad (Syrien), Mubarak (Ägypten) und Gaddafi (Libyen). Diese Freundschaft schien Erdogan angebracht, um als gesamtislamische Führungspersönlichkeit anerkannt zu werden. War das osmanisches Großmachtdenken? Vielleicht. Wichtiger ist dies: Die aufstrebende Wirtschaftsmacht Türkei braucht, gerade neben und außer der EU, einen regionalen Markt für Ex- und Importe, (fast) egal, wer, wo, wie regiert.

Seit Anfang 2011 wackelten und fielen scheinbar feste politische Größen in der arabischen Welt. Folglich wechselte Erdogan die Seiten. Nun verbrüderte er sich mit den neuen, demokratisch legitimierten Politikern Arabiens. Weiter zum Diktator Assad zu stehen, wäre kontraproduktiv, und seine Israel-distanzierte (um nicht zu sagen: -feindliche) Linie musste er hierfür nicht aufgeben. Im Gegenteil.

Taktik Erdogans Konfrontationskurs gegen Israel ist außenpolitisch lohnend und innenpolitisch riskant: Solange der türkische Zentralstaat seinen Kurden keine Selbst- oder Mitbestimmung gewährt, ist er verlässlich verletzlich. Als regionaler Taktikmeister streckt Erdogan deshalb den Israel durchaus wohlgesinnten Kurden seine Hand entgegen, unter anderem, indem er ihnen gegen Assad hilft.

Das aber löst eine innertürkische Dynamik aus, die zu einem Umbau der Türkei führen muss: vom Zentral- zum Bundesstaat. »Bundesrepublik Türkei«? Nur so wird die heutige Türkei als Staat dauerhaft bestehen. Dass Syriens Diktator Assad nun die Türkei bombardieren lässt, ist als Reaktion auf Erdogans Haltung verständlich, doch wenig hilfreich, denn er verprellt damit zusätzlich die Kurden, die Syrien unter anderen Bedingungen gegen Ankara aufstacheln könnte.

Nichtstuend profitiert Israel vom Chaos. Wenn Assad stürzt, hat der Iran einen Verbündeten weniger und keine Landverbindung zur Hisbollah im Libanon. Die zu erwartende Machtergreifung radikaler Sunniten in Syrien ist zwar alles andere als ermutigend, doch die werden zunächst mit sich selbst beschäftigt sein. Viele Syrer versuchen, jetzt nach Israel zu fliehen. Spätestens das sollte den Europäern zeigen: Es ist nicht Israel, das im Nahen Osten ein besseres Leben verhindert.

Washington

Rubio: Erwarten heute eine Antwort aus dem Iran

Während sich die Spannungen zwischen dem Iran und den USA zuletzt zugespitzt haben, setzen die USA weiter auf eine Verhandlungslösung mit Teheran. Nun äußert sich der US-Außenminister dazu

 08.05.2026

Meinung

»Boykottlisten« gegen »Zionisten«? Die 30er-Jahre lassen grüßen

Streit um eine Palästina-Halskette: Was wirklich im Berliner Café »The Barn« passierte, was das Café »Acid« damit zu tun hat und welche Rolle die Lokalpresse spielt

von Ayala Goldmann  08.05.2026

Andenken

Vier Schulen und mehrere Plätze nach Margot Friedländer benannt

Vor einem Jahr - am 9. Mai - starb die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer mit 103 Jahren. Für viele war sie ein Vorbild. Inzwischen tragen immer mehr Schulen, Straßen und Plätze ihren Namen. Eine Übersicht

von Karin Wollschläger  08.05.2026

Essay

Wenn meine Töchter mich fragen

Am 8. Mai 1945 wurde der NS-Staat besiegt, aber nicht das Denken, das ihn ermöglicht hat. Der Hass wächst heute wieder. Werde ich meinen Kindern einmal sagen können, dass ich nicht geschwiegen, sondern widersprochen habe?

von Andreas Albrecht  08.05.2026

Initiative

Antisemitismusbeauftragter Klein begrüßt Gesetzentwürfe im Bundesrat

Im Bundesrat geht es an diesem Freitag um den Handel mit Nazi-Opfer-Gegenständen und um das Leugnen des Existenzrechts Israels. Der Antisemitismusbeauftragte Felix Klein begrüßt die Vorstöße

von Anita Hirschbeck  08.05.2026

Meinung

Der »Tag des Sieges« und der Krieg heute

Vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges müssen wir die Geschichte neu aufrollen und hinterfragen, wie wir mit dem stets pompös begangenen 9. Mai umgehen sollen

von Irina Bondas  08.05.2026

Washington D.C./Teheran

USA fordern Freilassung von Nobelpreisträgerin Mohammadi

Der Gesundheitszustand der inhaftierten iranischen Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi ist schlecht

 08.05.2026

Boulder/Washington D.C.

Brandanschlag auf Solidaritäts-Demo für Hamas-Geiseln: Täter bekennt sich schuldig

Nach dem tödlichen Angriff in Colorado auf eine Solidaritätskundgebung für israelische Geiseln droht dem mutmaßlichen Täter nach seinem Geständnis nun lebenslange Haft

 08.05.2026

Washington D.C.

USA laden Israel und Libanon zu neuer Gesprächsrunde ein

Nach israelischen Angaben soll es bei den Treffen unter anderem um konkrete Schritte zur Entwaffnung der Hisbollah gehen

 08.05.2026