Alija

Nächstes Jahr in Jerusalem

Nach dem Ende des Kommunismus kam ungefähr eine Million russischsprachiger Neueinwanderer ins Land. Foto: Flash 90

Am Freitag kommender Woche, am Sederabend, endet die jährliche Haggada‐Lesung wieder mit dem bekannten Satz: »Nächstes Jahr in Jerusalem«. Aber wie in den Jahren zuvor nimmt die Mehrheit der Juden in der Diaspora diese Aufforderung nicht so wörtlich. Tendenz steigend. Im Jahr 2011 sind 19.289 Juden nach Israel eingewandert, genau 68 weniger als im Vorjahr, so die Angaben der Jewish Agency for Israel. Das Zeitalter der großen Einwanderungswellen ist zu Ende.

In den 63 Jahren seit der Staatsgründung hat die in Jerusalem ansässige Organisation mehr als drei Millionen Juden dabei geholfen, nach Zion zu gehen. In den 60er‐ und 70er‐Jahren ermöglichte sie Tausenden aus arabischen Ländern die Einreise, später wurden über 10.000 Äthiopier in waghalsigen Militäroperationen eingeflogen.

Und nach dem Ende des Kommunismus kam ungefähr eine Million russischsprachiger Neueinwanderer ins Land. Aber seit Ende der 90er‐Jahre sanken die Alija‐Zahlen stetig, und nach Meinung vieler verlor die vor 83 Jahren gegründete Jewish Agency damit ihre Daseinsberechtigung.

Diaspora Der ehemalige Sowjet‐Dissident und israelische Knessetabgeordnete Natan Sharansky, der vor drei Jahren die Leitung der Organisation übernahm, war einer der Ersten, die einsahen, dass man mit Alija allein nicht an die glorreichen Tage der Vergangenheit anknüpfen kann. Also leitete er eine kleine Revolution ein: Fortan werde sich die Organisation nicht mehr hauptsächlich um das Werben für und das Abwickeln von Alija kümmern. Sharansky setzte stattdessen auf die Förderung der jüdischen Identität von Diasporajuden.

Außerhalb Israels gibt es viele stolze Zionisten, aber in Zion leben wollen die wenigsten. Natürlich gilt weiterhin das Gesetz, das jedem Juden – und seinen nahen Verwandten – erlaubt, zu immigrieren. Das Gefühl der Bedrohung in Diaspora‐Gemeinden, wie aktuell nach den Attentaten von Toulouse, lässt das Interesse daran meist kurzfristig ansteigen.

Sonst gilt: In einer Welt, in der die meisten Juden in relativer physischer Sicherheit und finanziellem Wohlstand leben und die es deshalb kaum noch ins Gelobte Land zieht, macht es Sinn, die Strategie zu ändern. Sharansky hat die Zeichen der Zeit richtig gedeutet.

Er fördert nun verstärkt Programme, die vor allem junge Juden nach Israel bringen – ob für ein mehrmonatiges Praktikum, eine Schulausbildung und ein Schnupperstudium oder erst einmal nur für zehn Tage Israel‐Rundreise mit dem Taglit‐Birthright‐Programm. Zusammen mit der israelischen Regierung gründete die Agency auch Masa, einen Dachverband für Jugendorganisationen, der jungen Juden solche Aufenthalte ermöglichen soll.

Eindruck Als vor über zehn Jahren Taglit‐Birthright gegründet wurde, waren die Agency‐Bosse noch gegen das Projekt. Aber Sharansky unterstützt die Idee. Der Erfolg ist unbestritten. Ein Israelbesuch hinterlässt bei den meisten jungen Juden einen bleibenden positiven Eindruck, der sie dazu animieren kann, dort auch ihre Heimat zu sehen. »Wir wollen nicht ein paar Tausend, wir wollen Hunderttausende, die sich ernsthaft vorstellen können, Alija zu machen«, sagt Sharansky.

Momentan sind es etwa 20.000 Menschen jedes Alters, die sich jährlich dazu entschließen: Aus der ehemaligen Sowjet‐union kommen pro Jahr rund 8.000, aus den USA 3.500 und aus Europa weniger als 4.000 Juden, ungefähr 120 davon aus Deutschland.

Seit Sharansky 2009 seine Idee von »Aliya‐of‐choice« statt »Aliya‐of‐rescue« (freiwillige Einwanderung statt Einwanderung als Rettung) vorstellte, hagelt es Kritik. Wenn die Jewish Agency als ein Symbol der Alija nun nicht mehr direkt für die Einwanderung in Israel werbe, würden noch weniger Juden den Umzug in Betracht ziehen, so die Gegner der Reform.

Interesse Aber Sharansky versichert, dass die Agency auch weiterhin weltweit Alija‐Berater bereitstellen wird. »Für die wenigen Juden, die Alija erwägen, werden wir immer da sein – aber die neue Hauptaufgabe der Organisation besteht fortan darin, sicherzustellen, dass zukünftig grundsätzlich wieder mehr Interesse daran besteht«, so Sharansky.

Wegen stetig sinkender Spenden aus Amerika schrumpft das Budget der Agency jedes Jahr. Außerdem haben ihr effektivere Organisationen in einigen Teilen der Welt schon lange den Rang abgelaufen. Zum Beispiel Nefesh B’Nefesh: Die private Institution, die zwei Amerikaner vor zehn Jahren gründeten, wurde schnell derart populär, dass ihr die Agency die Alija‐Operation in Nordamerika komplett abtreten musste.

Sharansky hat eingesehen, dass er alles auf eine Karte setzen muss, um zu verhindern, dass die altehrwürdige Organisation nicht komplett in der Versenkung verschwindet. Entweder die Agency reformiert sich dramatisch, oder sie landet im Abseits. Ob Sharanskys Kurs der richtige ist, wird sich dann zeigen.

Der Autor ist Korrespondent der Online‐Zeitung »Times of Israel«.

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