Leo-Baeck-Preis

»Mutig, anständig, nobel«

Auszüge aus der Laudatio von Ronald S. Lauder sowie den Reden von Josef Schuster und Mathias Döpfner

 23.05.2019 11:24 Uhr

WJC-Präsident Ronald S. Lauder Foto: Marco Limberg

Auszüge aus der Laudatio von Ronald S. Lauder sowie den Reden von Josef Schuster und Mathias Döpfner

 23.05.2019 11:24 Uhr

Ronald S. Lauder, Chef des World Jewish Congress
Ich hatte ein Problem mit meinem Terminkalender. Gestern musste ich in Ottawa, Kanada, sein, und morgen muss ich an einer Direktoriumssitzung von Estée Lauder in New York teilnehmen. Weil es aber Mathias Döpfner ist, bin ich hier. Lassen Sie mich erklären, warum das für mich eine so hohe Priorität hat. Als ich als Teenager in New York aufwuchs, hatten alle meine Freunde ihre Helden: Sportler, Popmusiker oder Filmstars. Meine Helden waren Theodor Herzl, General Donovan, Chef des OSS (Nachrichten‐ und Sonderaufgabendienst des US‐Verteidigungsministeriums, Anm. der Redaktion) im Zweiten Weltkrieg und Vorläufer der CIA, sowie Axel Springer.

Ich hatte Herzl gewählt, weil er, wider alle Wahrscheinlichkeit, einen Traum in den modernen Staat Israel verwandelte und dem jüdischen Volk nach 2000 Jahren die Heimkehr ermöglichte. Donovan, weil er so verdammt klug war und im Alleingang das OSS geschaffen hat. Axel Springer wegen seiner Entschlossenheit, den Kommunismus zu bekämpfen und wegen seines Glaubens an den Staat Israel. Für mich vertrat Axel Springer alles, was im deutschen Volk mutig ist, anständig ist, nobel ist.

Mir fällt kein anderer Mensch ein – Jude oder Nichtjude –, der den Leo‐Baeck‐Preis mehr verdienen würde.

Als ich dann zum ersten Mal Mathias Döpfner traf und hörte, er sei bei Axel Springer angeheuert worden, war ich – ich muss es gestehen – etwas skeptisch, ob er fähig sein würde, Axel Springers geistiges Erbe, die Entschlossenheit, den Kommunismus zu bekämpfen und Israel in Schutz zu nehmen, fortzusetzen. Für unser erstes Treffen war eine Stunde angesetzt worden. Es dauerte dann aber drei Stunden, und es waren mit die faszinierendsten drei Stunden, die ich jemals mit irgendjemandem verbracht hatte. Mit fällt kein anderer Mensch ein – Jude oder Nichtjude –, der den Leo‐Baeck‐Preis mehr verdienen würde, benannt nach einem brillanten Theologen, der sein Leben und seine enormen intellektuellen Kräfte dafür eingesetzt hat, alle Menschen einander näherzubringen. Es ist mein inbrünstiges Gebet, dass es in der Zukunft mehr Mathias Döpfners geben möge, die das Recht auf freie Meinungsäußerung verteidigen und für das Gute kämpfen werden. Mathias Döpfner, Gott segne dich – und alles, was du getan hast!

Zentralratspräsident Josef Schuster
Facebook stellt heutzutage ein ziemlich gutes Abbild der aktuellen gesellschaftlichen Stimmungslage dar. Denn auf Facebook trauen sich sehr viele Menschen, völlig unverblümt zu schreiben, was sie denken. Dabei können wir als Zentralrat der Juden in Deutschland Folgendes beobachten: Wenn wir etwas posten zum Gedenken an die Opfer der Schoa, dann erhalten wir durchweg Zustimmung. Diese Beiträge bekommen viele Likes und mitfühlende Kommentare. Gerne heißt es »Nie wieder« mit vielen Ausrufezeichen.

Wenn wir aber nach Raketenangriffen auf Israel mit Toten und Verletzten unsere Trauer um die Opfer in einem Posting ausdrücken und den Verletzten Genesung wünschen, dann läuft die Kommentarfunktion schier über – mit Hass‐Kommentaren gegen Israel! Die Verantwortung für Hamas‐Raketen wird bei Israel gesehen. Israel wird als Aggressor‐Staat eingestuft. Die Palästinenser werden als wehrlose Opfer betrachtet. Nehmen wir Facebook als Maßstab, dann ist die Solidarität mit toten Juden sehr groß. Bei lebenden Juden hört sie auf. Meine Damen und Herren, das ist jetzt sehr drastisch formuliert und passt eigentlich gar nicht zu einer feierlichen und festlichen Preisverleihung. Dass ich mich dennoch entschieden habe, deutlich auszusprechen, welchem Echo wir Juden ausgesetzt sind, hat mit unserem Preisträger zu tun: Sie, sehr geehrter Herr Dr. Döpfner, gehören zu den Meinungsführern in unserem Land, die über diesen Missstand nicht hinwegsehen.

Im Umgang eines Landes mit seinen ethnischen oder religiösen oder anderen Minderheiten zeigt sich seine demokratische Reife.

Im Umgang eines Landes mit seinen ethnischen oder religiösen oder anderen Minderheiten zeigt sich seine demokratische Reife. Es zeigt sich darin auch, wie gefestigt eine Demokratie ist. Hält sie Angriffen von Rechtspopulisten stand? Stellt sich die Mehrheit schützend vor die Minderheiten oder gibt sie leichtfertig Errungenschaften preis, wie sie vor 70 Jahren im Grundgesetz festgehalten wurden? Es liegt übrigens zu einem erheblichen Teil an diesem Grundgesetz und seiner Umsetzung im demokratischen Rechtsstaat, dass Juden nach der Schoa das Vertrauen gefasst haben, in Deutschland zu leben. Heute finden Sie in unseren jüdischen Gemeinden junge Menschen, die Deutschland als ihre Heimat überhaupt nicht mehr infrage stellen.

Springer‐Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner
Ich bin sehr bewegt, bin überwältigt, bin sehr dankbar. Der Leo‐Baeck‐Preis bedeutet mir wirklich sehr, sehr viel. Ich habe heute Abend in der Begründung der Preisverleihung gehört, dass man den Leo‐Baeck‐Preis hier in Deutschland bekommt, wenn man sich in herausragender Weise für die jüdische Gemeinschaft einsetzt und gegen Antisemitismus. Ich gebe zu, gemessen an diesem Kriterium ist es völlig angemessen, mir diesen Preis zu verleihen. Aber ich wundere mich doch ein bisschen, warum das eigentlich preiswürdig ist. Das sollte doch eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Ist es aber nicht.

Die antisemitischen Vorfälle beschäftigen die Medien und die Bevölkerung seit einigen Monaten und Jahren mehr als zuvor. Mit einer gewissen Sorge verfolge ich, dass entweder gar nichts gefordert wird, oder es wird sofort, auch bei anderer Gelegenheit, nach der Änderung der Gesetze gerufen. Ich glaube nur, wir brauchen zunächst mal gar keine Änderung der Gesetze, wir brauchen keine neuen Gesetze. Wir brauchen nur die viel striktere Ausnutzung des geltenden Rechtsrahmens. Die deutschen Gesetze bieten erheblich mehr Möglichkeiten, gegen das vorzugehen, was auf deutschen Straßen dieser Tage passiert. Zweitens ist es absolut nicht denkbar, dass anonyme Hasspostings und nicht identifizierbare Quellen illegale Inhalte und Volksverhetzung auf Social‐Media‐Plattformen verbreiten können.

Ich wünsche mir, dass Deutschland es schafft, als glaubwürdiger Vorreiter in der Bekämpfung von Antisemitismus und Rassismus zu bestehen.

Und drittens glaube ich, dass es sehr wichtig ist, auf dem Gebiet der Bildung so früh wie möglich anzusetzen. Jedes Investment, das wir in die Bildung und in die Herzensbildung der nächsten Generation tun, ist unsere Investition in eine offene Gesellschaft, die wir uns von intoleranten Menschen, von Rechtsradikalen, Linksradikalen, Islamisten und Terroristen nicht zerstören lassen wollen. Ich wünsche mir, dass Deutschland es schafft, als glaubwürdiger Vorreiter in der Bekämpfung von Antisemitismus und Rassismus zu bestehen. Nur wenn wir das schaffen, haben wir eine Möglichkeit, die zweite Chance, die uns die Geschichte vielleicht gegeben hat, zu nutzen. Wenn wir es nicht schaffen, wenn wir zurückfallen in Gleichgültigkeit, in Appeasement, in Intoleranz, in Rassismus, dann wird es keine Chance für dieses Land mehr geben.

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