27. Januar

»Moralische Standfestigkeit«

Der israelische Historiker Saul Friedländer bei seiner Rede zur Gedenstunde an die Opfer des Nationalsozialismus 2019 im Bundestag Foto: imago

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Abgeordnete, liebe Freunde, liebe Familie, meine Damen und Herren.

Erlauben Sie mir zunächst, mich für die Ehre dieser Einladung zu bedanken, heute, am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, vor dem Bundestag zu sprechen. Ich werde meine Rede auf Deutsch halten und kann nur hoffen, dass Sie mir die unsichere Vortragsweise in der Sprache meiner Kindheit nachsehen, einer Sprache, die ich über viele Jahre vergessen hatte, die ich später – jedoch nicht in der Schule – zurückerwarb und derer ich mich nur sehr selten bediene.

Am 30. Januar 1939, also gestern auf den Tag genau vor 80 Jahren, erklärte Hitler im Reichstag: »Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in- und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa!«

Als drei Jahre später überall in dem von Deutschland besetzten Europa die systematische Ermordung der Juden begann, wiederholte der Nazi-Führer seine Prophezeiung, wie er es nannte, nicht weniger als viermal und in fast identischem Wortlaut: »Die Juden haben einst auch in Deutschland über meine Prophezeiungen gelacht. Ich weiß nicht, ob sie auch heute noch lachen oder ob ihnen nicht das Lachen bereits vergangen ist. Ich kann aber auch jetzt nur versichern: Es wird ihnen das Lachen überall vergehen. Und ich werde auch mit dieser Prophezeiung Recht behalten.«

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Viele »gewöhnliche Deutsche« wussten bereits 1942, was Hitlers »Prophezeiung« bedeutete. Ein Artikel, der am 25. Februar jenes Jahres in der Niedersächsischen Tageszeitung über eine dieser Reden berichtete, trug die Überschrift »Der Jude wird ausgerottet«. Dieselbe Einschätzung findet sich auch in privaten Tagebucheintragungen. Darüber hinaus gaben die zu Hunderttausenden im Osten stationierten deutschen Soldaten und Zivilisten Informationen über das, was sie sahen, und woran sie sich mitunter beteiligten, an ihre Freunde und Verwandten weiter. (…)

Belzec Am 31. August vertraute der Unteroffizier Wilhelm Cornides seinem Tagebuch eine Unterhaltung an, die er in einem aus Rawa-Ruska losfahrenden Zug mit einem Bahnpolizisten und dessen Frau geführt hatte. Das Paar hatte erwähnt, dass Juden im nahegelegenen Belzec vernichtet wurden, und sie versprachen, ihm das Lager zu zeigen. »18 Uhr 20: Wir sind am Lager Belzec vorbeigefahren. Vorher ging es längere Zeit durch hohe Kiefernwälder. Als die Frau rief: ›Jetzt kommt es‹, sah man nur eine hohe Hecke von Tannenbäumen. Ein starker süßlicher Geruch war deutlich zu bemerken. ›Die stinken ja schon‹, sagte die Frau. ›Ach Quatsch, das ist ja das Gas‹, lachte der Bahnpolizist.« (…) Es gibt Hunderte Beispiele dieser Art, und Ende 1942, spätestens aber im Verlauf des Jahres 1943, wussten Millionen Deutsche, dass die Juden im Osten systematisch ermordet wurden. (...)

Spätestens 1943 wussten Millionen Deutsche, dass die Juden systematisch ermordet wurden.

In Oberschlesien war ab September 1941 Auschwitz so weit, seine Funktion als Vernichtungslager aufzunehmen, nachdem man Experimente mit der Vergasung durch Zyklon B an russischen Gefangenen durchgeführt hatte. Und vergessen wir eines nicht: Zwar waren die Juden, der Inbegriff alles Bösen, die bevorzugten Opfer des Regimes. Aber auch andere Gruppen wurden gnadenlos ermordet: die Behinderten, die Sinti und Roma, und sowjetische Kriegsgefangene. (…)

Einer von denen, die erahnten, was die Nazis vorhatten, war der 16-jährige Mosche Flinker, ein tief religiöser Junge aus Holland, der zusammen mit seiner Familie vorübergehend Zuflucht in Brüssel gefunden hatte. Am 21. Januar 1943 notierte er: »Es ist, als wäre man in einem großen Saal, in dem viele Menschen fröhlich sind und tanzen, während eine kleine Gruppe Menschen still in der Ecke sitzt. Ab und an holen sie aus diesem Grüppchen ein paar Leute, schleppen sie in ein Nebenzimmer und drücken ihnen die Kehle zu. Die anderen feiern gelassen weiter. Es berührt sie nicht. Vielleicht haben sie ja dadurch noch mehr Spaß.« Mosche und seine Eltern wurden am 7. April 1944 verhaftet und im Mai nach Auschwitz gebracht; er starb im Januar 1945 in Bergen-Belsen.

Tschechoslowakei Gestatten Sie mir nun, mich von dem allgemeinen Hintergrund abzuwenden und Ihnen kurz zu erzählen, was mir und meinen Eltern widerfuhr, nicht, um unseren besonderen Fall hervorzuheben, sondern um zu schildern, was mit Juden wie uns geschah, die glaubten, in der »patrie« der Menschenrechte Zuflucht finden zu können: in Frankreich. Im April 1939, nach der deutschen Besetzung des tschechischen Teils der Tschechoslowakei, war es uns noch möglich, meine Geburtsstadt Prag zu verlassen und nach Paris zu gelangen. Ich war sechs Jahre alt. Wie die meisten Prager Juden sprachen meine Eltern zu Hause deutsch und nur gelegentlich tschechisch, zumal die Familie meiner Mutter aus Oberrochlitz im Sudetenland kam. (...)

Im Juli 1942 begannen im besetzten Frankreich die Verhaftungen von ausländischen Juden.

Wir blieben bis Juni 1940 in Paris. Dann flohen wir erneut. Meine Eltern entschieden sich für den kleinen Kurort Néris-les-Bains in Zentralfrankreich, einer Gegend, die zur nichtbesetzten Zone werden sollte, auch Vichy-Frankreich genannt. Wir blieben dort bis zum Sommer 1942.

Im Juli 1942 begannen im besetzten Frankreich die Verhaftungen von ausländischen Juden. (...) Für meine Eltern bestand die einzige Möglichkeit darin, über die Alpen in die Schweiz zu entkommen, ein Wagnis, das sie für mich zu riskant fanden. Ich musste versteckt werden. Ihr erster Versuch, mich an einem sicheren Ort unterzubringen, scheiterte: In ihrer Panik schickten sie mich in ein Kinderheim in einem abgelegenen Flecken in Zentralfrankreich, entschieden sich dabei aber für eine jüdische Einrichtung.

Ich traf dort an einem herrlichen Sommertag ein, am 8. August 1942. Unter den ungefähr 100 Kindern fanden gerade Sportwettkämpfe statt, hinterher wurden Lieder gesungen, danach gab es Abendbrot und dann ging es ins Bett. Mitten in der Nacht weckte uns ein plötzlicher Tumult. Die französische Polizei war eingetroffen. Man befahl uns, aus den Schlafsälen hinaus auf den Flur zu treten: Alle Kinder, die zehn Jahre und älter waren, mussten sich anziehen und auf die Lastwagen steigen. Ich wurde erst in drei Monaten zehn; so blieb ich bei den Kleinen. Am übernächsten Morgen wurde ich zu meinen Eltern zurückgebracht.

Schweiz Meine Eltern mussten jetzt dringend fliehen. Dank der Hilfe christlicher Freunde fanden sie einen Platz für mich in einem nahegelegenen katholischen Internat, genaugenommen einem Knabenseminar, das auf die Laufbahn als Priester vorbereitete. Sie selbst versteckten sich im Krankenhaus dieser mittelgroßen Stadt, Montluçon, wo sie darauf warteten, sich ihrer Gruppe in Lyon anzuschließen und eine Grenzüberquerung in die Schweiz zu versuchen. Ich riss aus dem Internat aus und fand meine Eltern in dem Krankenhaus. Sie mussten mich wieder zurückschicken. Was ging wohl in ihnen vor, als sie sahen, wie ihr kleiner Junge, der sich mit Händen und Füßen wehrte, weil er bei ihnen bleiben wollte, aus ihrem Zimmer entfernt wurde? Es war unsere letzte Begegnung.

Ich wehrte mich mit Händen und Füßen, weil ich bei meinen Eltern bleiben wollte.

Meine Eltern überschritten die Schweizer Grenze bei Saint-Gingolph am 29. September 1942 um drei Uhr morgens, als Teil einer Gruppe von 15 Juden. Die Gruppe wurde von der schweizerischen Grenzpolizei entdeckt und verhaftet. Ausgerechnet während dieser Woche erlaubte man Ehepaaren mit kleinen Kindern zu bleiben: Meine Eltern und ein anderes Paar ohne Kind lieferte man der französischen Polizei aus. Wäre ich dabei gewesen, hätten wir wahrscheinlich in der Schweiz bleiben dürfen. In jenen Tagen waren für Juden rationale Entscheidungen sinnlos.

Auschwitz Nachdem die französische Polizei meine Eltern zunächst ins französische Lager Rivesaltes gebracht hatte, verlegte sie sie nach Drancy bei Paris, das zentrale Sammellager für Juden. Am 3. November 1942 wurden sie von Drancy aus mit dem Transport Nr. 40 nach Auschwitz deportiert, dem 468 männliche, 514 weibliche und weitere 18 nicht näher gekennzeichnete Personen angehörten; unter den Deportierten befanden sich ungefähr 200 Kinder, manche so klein wie der zweijährige Jacques Wladimirsky oder der dreijährige Daniel Szulc, und Menschen so alt wie die 84-jährige Caroline Strauss und die 82-jährige Justina Fraenkel. Der Transport kam am 6. November in Auschwitz an.

Ich frage mich oft, ob meine Eltern während der drei Tage dieser höllischen Fahrt zusammen waren. Falls ja, was mochten sie einander gesagt haben? Und was mochten sie gedacht haben? Wussten sie, was sie erwartete? 639 Deportierte wurden gleich bei der Ankunft vergast. Mein Vater muss einer von ihnen gewesen sein, da er schon in den Monaten zuvor krank und schwach gewesen war. Laut der Unterlagen des Lagers wurde er am 1. Dezember für tot erklärt. Meine Mutter wurde wahrscheinlich zur Sklavenarbeit eingeteilt. 1942 und 1943 überlebten Juden, die kräftig genug waren um zu arbeiten, ungefähr drei Monate, bevor sie »Muselmänner« wurden, wie man sie im Lager nannte, das heißt Menschen, die zu schwach waren, um noch Nahrung aufzunehmen und sich zu bewegen; sie wurden sofort vergast. Von den 1000 Juden in diesem Transport Nummer 40 waren am Kriegsende noch vier am Leben.

Frankreich Ich wurde getauft und bekam einen neuen Namen; so wurde ich, im Alter von zehn Jahren, Paul-Henri-Marie Ferland. Nach einigem anfänglichen Widerstand und einer langen Krankheit fügte ich mich und wurde zu einem gehorsamen und frommen Kind.

Der Krieg ging zu Ende. Man nahm mich aus dem Seminar. Allmählich, und nicht ohne Wirrungen, begann mein neues Leben, zunächst in Frankreich. Richtig aber begann es erst in Israel; ich kam dort im Juni 1948 an, fünf Wochen nach der Staatsgründung. Für Juden wie mich – und für Juden überall, die einen eigenen Staat brauchten und ersehnten – war dessen Erschaffung lebensnotwendig. Für mich, und für meine Generation europäischer Juden – was von ihr übriggeblieben war – bedeutete Israel damals eine Heimat, ein Gefühl von Zugehörigkeit, und das ist es für mich letztlich bis zum heutigen Tag, ungeachtet meiner Kritik an der Politik seiner Regierung.

Das Existenzrecht des Landes zu verteidigen ist, meiner Überzeugung nach, eine grundsätzliche moralische Verpflichtung. Dies muss in einer Zeit wieder betont werden, in der auf Seiten der extremen Rechten und auf Seiten der extremen Linken Israels Existenz in Frage gestellt wird und der Antisemitismus in seinem traditionellen wie in seinem neuen Gewand wieder unübersehbar zunimmt.

Israel Der heutige Hass auf Juden ist ebenso irrational, wie er es immer schon war, und wie immer schon sind alte und neue Verschwörungstheorien in Umlauf, vor allem bei den Rechtsradikalen, während bei der antisemitischen Linken die politisch korrekte Art der Rechtfertigung ihres Hasses darin besteht, die israelische Politik obsessiv anzugreifen und dabei zugleich das Existenzrecht Israels in Frage zu stellen. Selbstverständlich ist es legitim, die israelische Regierung zu kritisieren, aber die schiere Heftigkeit und das Ausmaß der Angriffe sind schlicht absurd und enthalten den Beigeschmack eines nur dürftig verhüllten Antisemitismus.

Antisemitismus ist nur eine der Geißeln, von denen jetzt eine Nation nach der anderen schleichend befallen wird. Der Fremdenhass, die Verlockung autoritärer Herrschaftspraktiken und insbesondere ein sich immer weiter verschärfender Nationalismus sind überall auf der Welt in Besorgnis erregender Weise auf dem Vormarsch.

Der heutige Hass auf Juden ist ebenso
irrational, wie er es immer schon war.

Als man mir den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verleihen wollte, da fragte ich mich, ob ich ihn annehmen darf, und tat es dann; als man mich bat, vor dem Bundestag zu sprechen, zögerte ich wieder, aber ich nahm an. Warum? Weil ich wie viele Menschen weltweit im heutigen Deutschland ein von Grund auf verändertes Deutschland sehe. Dank seiner langjährigen Wandlung seit dem Krieg ist Deutschland eines der starken Bollwerke gegen die Gefahren geworden, die ich soeben erwähnt habe. Wir alle hoffen, dass Sie die moralische Standfestigkeit besitzen, weiterhin für Toleranz und Inklusivität, Menschlichkeit und Freiheit, kurzum, für die wahre Demokratie zu kämpfen.

Ich möchte zum Schluss einige Worte zitieren, die wir immer im Sinn behalten sollten. Hans von Dohnanyi, ein Schwager von Pastor Bonhoeffer, ehemaliger Beamter im Justizministerium des Reichs, dann Abwehroffizier während des Krieges, half, unter größter persönlicher Gefahr, Juden aus Berlin, in die Schweiz zu fliehen. Er wurde im April 1943 verhaftet und wie Dietrich Bonhoeffer zum Tod durch den Strang verurteilt. Im April 1945, kurz bevor beide hingerichtet wurden, antwortete er auf die Frage, was ihn zum Widerstand bewogen habe, mit einem Satz, der in seiner Schlichtheit für alle Zeiten und an jedem Ort seine Gültigkeit hat: »Es war einfach der zwangsläufige Gang eines anständigen Menschen.«

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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