Polen

Mein Leben vor dem Koffer

Der Brief war ein verzweifelter Versuch. »Ich bin als Kind im Koffer aus dem Warschauer Ghetto geschmuggelt worden. Der Mann, der mich gebracht hat, nannte mich Pola. Und dass er mich zurückholen wird. Doch er kam nie wieder. Niemand kennt meinen Nachnamen, niemand weiß, woher ich komme. Wer bin ich?«

Auswendig kennt Teresa Wieczorek den Brief. Im Jahr 1994 schickte sie ihn an mehrere Redaktionen weltweit. Teresa ist eine schicke, energische Dame. Blaue Augen, lange, blondierte Haare. Hektisch blättert sie in dem Stapel von Dokumenten und Fotos auf dem Tisch. »Hier sind sie«: Es sind Fassungen des Briefs in vielen Sprachen. Je mehr Briefe, desto größer war ihre Hoffnung, etwas über ihr erstes Leben zu erfahren, das »Leben vor dem Koffer«, sagt sie. Als sie noch nicht Teresa war.

Im Herbst 1942 wurde Teresa Ciarkowska geboren. Tochter von Kazimierz und Kazimiera. Drei Jahre alt. Polnisch. Katholisch. Eine neue Identität, die das kleine Mädchen aus dem Koffer vor dem Holocaust retten sollte. Denn in dem ersten Leben war Teresa Jüdin. Das ist das Einzige über sie, was wirklich sicher ist.

Über drei Millionen Juden lebten in Polen vor dem Krieg. Während der Nazi‐Okkupation sollten sie ausgelöscht werden.

Doch sie suchten die Rettung von außen, auf der so genannten arischen Seite. Ohne Hilfe konnten sie nicht überleben. Falsche Papiere waren nötig, ein Versteck und Versorgung. »Die Gefahr für Helfer war groß«, sagt Yale Reisner, ein amerikanischer Mitarbeiter im Jüdischen Historischen Institut in Warschau. »Jegliche Hilfe für Juden wurde in Polen mit dem Tode bestraft, anders als in Westeuropa. Tod für den Helfer, seine Familie oder sogar die Nachbarn.«

hoffnung Für die Kinder gab es Hoffnung: Je jünger sie waren, umso größer war die Chance zu überleben. Ihre Namen wurden geändert, oft zogen die Betreuer um, damit die Kleinen nicht auffielen. Die Kinder wurden entweder als eigene in den Familien aufgenommen oder in Kinderheimen und Klöstern versteckt. Sie überlebten oft als Einzige aus der ganzen Familie. Die »Holocaustkinder«, so nennen sie sich selbst. Wenn sie ihre Vergangenheit kennen.

Teresa erfuhr die Wahrheit im Jahre 1948. Die ehemalige Nachbarin ihrer Mutter sagte es ihr auf der Straße. Teresa rannte nach Hause. »Sag, dass du meine Mama bist!«, bittet sie die Kazimiera. »Meine Mutter war nicht meine Mutter, ein Schock. Dazu sollte ich noch Jüdin sein, ein Wort, das mich damals erschrocken hat«, erzählt Teresa. »Ich wollte es dir nie sagen«, sagte die Mutter schließlich. »Ja, wir haben dich aufgenommen und versteckt.« Danach, wie aus Angst, Teresa könnte sie ablehnen, sagte sie noch, dass sie sie wie eine Tochter liebe. »Nicht nur diejenige, die ein Kind geboren hat, ist Mutter, sondern auch diejenige, die es erzogen hat, sagte sie mir.« Diese Worte hat Teresa gut im Gedächtnis.

An diesem Tag erfuhr Teresa ihren Vornamen: Pola. So sagte der Mann, der sie im Koffer zu den Ciarkowskis gebracht hatte. Er kam durch den Kanal, der das Ghetto mit dem Betriebsbahnhof der Straßenbahn auf der arischen Seite verband. Ciarkowski war dort Arbeiter und Mitglied im lokalen Netz der Heimatarmee. Das dunkelhaarige Mädchen im Koffer hatte einen zugeklebten Mund und schlief tief.

»Ich sei sauber gewesen, nicht verhungert, erzählte Kazimiera. Anders, als man es beim einem Kind aus dem Ghetto gedacht hätte.« Der Mann, der sie gebracht hat, sei gutgekleidet gewesen. Er sagte, er müsse zurück ins Ghetto, um seine Familie zu retten. »Jemand sollte sich am nächsten Tag melden und seine Tochter abholen, soll er versprochen haben«, erzählt Teresa. Spätestens als der Aufstand im Ghetto ausbrach, war klar, dass niemand mehr kommen würde.

untergrund »Kinder gelangten auf verschiedenen Wegen zu ihren Verstecken«, erzählt Yale Reisner. »Einige wurden von ihren Eltern den Bekannten in Obhut gegeben, andere aus dem Transport rausgeworfen und von guten Menschen gefunden.« Einige Kinder wurden auch organisiert gerettet, durch die Untergrundbewegung.

Irena Sendler aus der Heimatarmee holte 2.500 Kinder aus dem Warschauer Ghetto und brachte sie in Verstecke. Es ist eine der wenigen bekannten Zahlen, denn Sendler führte zu jedem Kind eine Dokumentation. So konnten nach dem Krieg »ihre« Kinder ihre wahre Identität zurückerhalten. »Um ein jüdisches Kind zu retten, brauchte man zehn gute Menschen«, sagt sie: Leute, die es herausholten, die das Versteck organisierten, immer wieder neue, die Papiere ausstellten, die das Geld fürs Essen besorgten und die das Kind bei sich unterbrachten. Eine riskante und aufwendige Aktivität.

Auf dem Schwarz‐Weiß‐Foto stehen zwei Mädchen am Zaun. Eines ist etwa zehn, das andere vielleicht drei Jahre alt. Das ältere lächelt in die Kamera, das jüngere schaut scheu weg. Sie trägt ein helles Tuch auf dem Kopf, das die Haare bedeckt. Schwarze Haare durften nicht zu stark auffallen, erklärt Teresa. Es ist das erste Foto, das sie von sich hat. Die Familie Osiejewski, deren Tochter neben ihr auf dem Foto steht, war ihre zweite Unterkunft.

»Zuerst die Ciarkowskis aus der Sierakowska‐Straße, danach die Osiejewskis in der Altstadt, dann eine andere Familie im Vorort Wesola. Dann, als in der Nachbarschaft ein deutscher Polizist einzog, wurde ich im Dorf Kuklowka untergebracht und von zwei neuen Familien versteckt.« Oft blieb sie nur eine Woche lang in einem Versteck, dann musste sie weiter. Für eine so kurze Zeit konnte man sie als Verwandte vorstellen, die zu Besuch ist. »Viele Menschen halfen mir, zu überleben.« Sie landete wieder bei den Ciarkowskis in Warschau. Und wurde deren Tochter.

taufschein »Am 7. Mai 1943 brachte Kazimierz Ciarkowski, Arbeiter, 33, ein Mädchen, geboren am 23. Dezember 1939 aus der Ehe mit Kazimiera, 44, um sie unter den Namen Teresa zu taufen.« Teresa zeigt den Taufschein aus der Salesianer‐Basilika in Warschau. Das erfundene Geburtsdatum, dazu Unterschriften der Pateneltern.

Der Taufschein gehörte zur Rettung eines jüdischen Kindes. Nur als christliche Kinder hatten sie eine Chance. In Warschau halfen mehrere Kirchen dabei. Wie in der Allerheiligen‐Kirche. Dort war ein Pfarrer, der vor dem Krieg aus seinem Antisemitismus kein Geheimnis gemacht hatte. Als der Krieg und der Holocaust begannen, hielt er es für seine patriotische Pflicht, den verfolgten Juden zu helfen.

Dass sie Jüdin ist, hat Teresa nie erzählt. Der Erste, dem sie es sagte, war ihr Verlobter. Für den sei es kein Problem gewesen, doch der künftige Schwiegervater hat sie nie akzeptiert. Das gab er ihr zu spüren, bis sie sich scheiden ließ. Die Freunde, denen sie von ihrer jüdischen Herkunft erzählt hatte, behielten es für sich. »Darüber wurde einfach nicht gesprochen.«

Teresa sprach nicht, suchte auch nicht weiter. Wie denn? Sie kannte ja keine Details. Einmal zwang sie ihre Adoptivmutter, sie zum Jüdischen Historischen Institut zu begleiten. Frau Ciarkowska sollte bezeugen, dass ihre Tochter Jüdin war. »Ich habe keinen Groschen für dich genommen, habe dich geliebt und aufgezogen, und du willst zurück zu ihnen?«, fragte sie Teresa vorwurfsvoll. »Ihr Mann soll mehr gewusst haben. Aber der starb während des Krieges.«

Der Mann, der den Schmuggel durch den Betriebsbahnhof dokumentiert hatte, war erschossen worden. Mit ihm gingen Dokumente aller Kinder, die durch den Bahnhof geholt worden waren, verloren.

verein 1990 beginnt Teresa ihren Job in einem Büro für Kriegsveteranen. »Am ersten Tag machte ich die Schublade auf und fand eine Zeitschrift.« Auf der ersten Seite stand ein Artikel über einen Verein der Holocaustkinder. Es dauerte Monate, bis sie sich traute, sich dort zu melden. Dann traf sie Dutzende Menschen, die alle wurzellos waren wie sie. »Ich konnte nicht glauben, dass es so viele von uns gab. Ich habe eine Familie!«

700 Menschen sind im polnischen Verein der Holocaustkinder versammelt. Zwanzigmal so viele wie bei der Gründung im Jahre 1991. »Das ist kein Paradox«, sagt Yale Reisener.»Viele wussten nicht, dass sie Juden sind. Die Adoptiveltern wollten sie schützen oder hatten Angst, sie zu verlieren. Erst jetzt, wo die Adoptiveltern sterben, lernen viele Kinder die Wahrheit kennen. Im Alter von 60 oder 70 Jahren erfahren sie, dass sie noch andere Familien hatten.« Andere wussten es zwar, aber konnten sich damit nicht abfinden. Erst ihre Kinder halfen ihnen dabei. Die genaue Zahl der Holocaustkinder kennt niemand. Sie wuchsen als Katholiken auf, bei Adoptiveltern, und leben so weiter.

Als ihre Mutter Kazimiera starb, musste Teresa nicht mehr befürchten, sie zu verletzen. 1994 fuhr sie nach Israel und ging zur Gedenkstätte Yad Vashem. Dort hörte sie ein Gebet für Kinder, die durch den Holocaust umkamen. »Ich hoffte, ich würde vielleicht einen bekannten Name hören.« Drei Tag lang war sie dort. Nichts kam ihr bekannt vor.

korczak Dann schrieb sie den Brief. Ein israelischer Fernsehsender drehte eine Dokumentation über sie. Viele Leute meldeten sich. Immer wieder waren es falsche Fährten. »Pola, wir sind verwandt«, bekam sie einmal einen Anruf. Es war ein Mann aus Warschau, dessen Familie seit Jahrzehnten nach einer Cousine suchte, einer kleinen Pola. Im jüdischen Kinderheim des Arztes Janusz Korczak war sie zum letzten Mal gesehen worden, ihr Schmuggel auf die arische Seite soll schon vorbereitet gewesen sein. Und das Mädchen auf seinem Foto sei Teresa verblüffend ähnlich gewesen.

Dann kam die Enttäuschung. Das DNA‐Analyse‐Ergebnis bestätigte die Verwandtschaft nicht. Die Familie brach den Kontakt ab. »Das Erlebnis war zu viel für mich«, ihre Stimme zittert wieder. »Ich wollte nie wieder suchen. Ich muss mit Fragezeichen leben.«

Doch immer wieder passiert ein Wunder. »Manchmal melden sich Leute, die das ganze Leben lang dachten, sie seien die einzigen Überlebenden ihrer Familie«, erzählt Yale Reisner.

Wie vor Kurzem ein Mann aus Australien. Wenige Monate später kam eine fast identische Nachfrage aus Venezuela. Nach über 60 Jahren fanden sich die Brüder wieder. »Keine Anfrage ist für uns abgeschlossen, solange sie ungeklärt bleibt«, sagt Reisner. »Bis wir den Menschen zumindest einem Bruchteil ihrer Identität zurückgeben können. Die Hoffnung hält lange.«

Zwei Blätter holt Teresa aus einer Hülle heraus. Eine Kopie aus dem alten Telefonbuch, und der Auszug aus dem Ärzteverzeichnis aus der Vorkriegszeit. Vor einem Jahr sagte ihr jemand, der auch in der Sierakowska‐Straße gelebt hatte, er habe ihre Geschichte gekannt. Teresas Vater sei ein Arzt gewesen. Eine neue Spur. Vielleicht dieses Mal die richtige. »Ich bin wieder auf der Suche«, sagt Teresa. »Vielleicht bin ich eines Tages nicht mehr wurzellos.«

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