Debatte

Krieg der Vergleiche

Russlands Außenminister Sergej Lawrow: »Aber Adolf Hitler hatte auch jüdisches Blut.« Foto: IMAGO/ITAR-TASS

Debatte

Krieg der Vergleiche

Warum die russische Aggression gegen die Ukraine von Versuchen begleitet wird, Parallelen zum Holocaust zu ziehen

von Bill Niven  05.05.2022 08:33 Uhr

Am vergangenen Sonntag hat der russische Außenminister Sergej Lawrow die russische Kriegsbegründung wiederholt, in der Ukraine seien Nazis am Werk. Im italienischen Fernsehsender »Rete 4« sagte er in Bezug auf den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, der selbst jüdisch ist: »Aber Adolf Hitler hatte auch jüdisches Blut.« Lawrows Indienstnahme dieser antisemitischen Verschwörungstheorie bildet den vorläufigen Tiefpunkt der gewagten historischen Referenzen, die im Kontext des Ukraine-Kriegs immer wieder gemacht wurden.

Israels Ministerpräsident Naftali Bennett hat die Äußerungen Lawrows scharf verurteilt. »Es ist das Ziel solcher Lügen, den Juden selbst die Schuld an den schlimmsten Verbrechen der Geschichte zu geben, die gegen sie verübt wurden.«

jom haschoa Bereits in einer Rede zum Jom Haschoa stellte er klar: »Selbst die schlimmsten Kriege heute sind nicht der Holocaust und nicht vergleichbar mit dem Holocaust.«

Diese Worte aus Jerusalem gingen damals auch Richtung Kiew. Wolodymyr Selenskyj hatte bei seiner Videoansprache vor der Knesset im März Israel dazu aufgerufen, sich eindeutiger an die Seite der Ukraine zu stellen.

Dabei zögerte er nicht, in Bezug auf Putins Krieg gegen die Ukrainer von der »Endlösung der Judenfrage« zu sprechen. Wenn der russische Machthaber die Ukrainer vernichten wollte, wie damals Hitler die Juden, hätte Israel – so die unterschwellige Botschaft – eine moralische Verpflichtung, der Ukraine beizustehen.

Nazi-Deutschland Eine solche Verpflichtung aus der Opfererfahrung der Juden abzuleiten, war durchaus kühn. Selenskyjs Holocaust-Vergleiche haben auch die Funktion, dem Narrativ der russischen Regierung etwas entgegenzuhalten. Putin hatte von der angeblichen Notwendigkeit gesprochen, die Ukraine »zu entmilitarisieren und zu entnazifizieren«. Das war ein Versuch, den Angriff als Akt der nationalen Selbstverteidigung gegen ein Wiederaufleben des Faschismus darzustellen.

Die Tatsache, dass er selbst Jude ist, hat Selenskyj schon vor dem russischen Einmarsch als Beweis für die Absurdität von Putins Nazi-Vergleichen angeführt. Indem Selenskyj zwischen dem brutalen russischen Vorgehen in der Ukraine und dem Holocaust Parallelen zieht, entlarvt er Putins Rhetorik als heuchlerisch. Demnach handele nicht die Ukraine faschistisch, sondern Putin, der gegen die Ukrainer eine Völkermordpolitik betreibe wie damals Hitler gegen die Juden.

Oft kommt zumindest implizit in den Reden Selenskyjs die Ansicht zum Ausdruck, dass Putins Krieg gegen die Ukraine auch antisemitisch motiviert sei. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Im Oktober 2020 hatte Dmitri Medwedew, stellvertretender Vorsitzender des russischen Sicherheitsrates, die Ukraine als »Vasallen der USA« bezeichnet. Selenskyj habe seine Identität »im Grunde verworfen«, um den ukrainischen Nationalisten zu dienen.

intelligenzija Medwedew sagte, dies sei genauso, wie wenn »sich ein Vertreter der jüdischen Intelligenzija in Nazi-Deutschland aus ideellen Gründen um die Aufnahme in die SS beworben hätte«. Putin behauptete in einer Ansprache, der Westen wolle Russland widernatürliche Werte aufzwingen, die zu »Verfall und Degeneration« führten. Bereits in den 50er-Jahren wurden in der Sowjetunion Juden als »wurzellose Kosmopoliten« verfolgt. Nach diesem antisemitischen Muster betrachtet Putin auch Selenskyj als Dreh- und Angelpunkt einer vom Westen gesteuerten Kampagne, Russland zu schwächen.

In einer Rede erinnerte Selenskyj an die »Endlösung der Judenfrage«.

Personifizierung ist ein klassisches Merkmal des modernen Antisemitismus. Bislang war es eher der Philanthrop, Investor und Schoa-Überlebende George Soros, der als Sündenbock und Zielscheibe antiwestlich-nationalistischer Ressentiments in Osteuropa diente. Spätestens seit Soros’ Unterstützung für die »Rosenrevolution« in Georgien 2004 betrachtet Putin Soros als Handlanger eines westlichen Kosmopolitismus.

In einer Pressekonferenz 2018 mit dem damaligen US-Präsidenten Trump wies Putin Anschuldigungen zurück, Russland hätte 2016 die US-Wahlen zu beeinflussen versucht, und wälzte die Schuld ab: »Mr. Soros, zum Beispiel, er mischt sich überall ein.« Und erst kürzlich hat das russische Verteidigungsministerium auch Soros beschuldigt, Labore für biologische Waffen in der Ukraine mitfinanziert zu haben. Dieser ist für Putin der Inbegriff des »ewigen Juden«, der nichts anderes im Sinn hat als Unterwanderung, Umsturz und Destabilisierung. Vieles deutet darauf hin, dass Putin Selenskyjs Absichten ähnlich einschätzt.

Man kann Selenskyj vorwerfen, dass seine Holocaust-Vergleiche übertrieben sind und er die Mitschuld von Ukrainern übersieht. Die ukrainische Hilfspolizei war zum Beispiel vor dem Massaker in Babyn Jar für die Bewachung der Opfer mitverantwortlich. Die Organisation Ukrainischer Nationalisten war an Pogromen beteiligt.

Aggressor Selenskyj setzt das Schicksal der Juden im Zweiten Weltkrieg und das Schicksal der Ukrainer heute zueinander in Beziehung, um historische Spannungen und Reibungen wie auch Erinnerungskonflikte zwischen Ukrainern und Juden zu überbrücken. Seine Holocaust-Vergleiche sind nicht nur als Gegenpropaganda gegen Putin gerichtet.

Sie sind nicht nur ein Versuch, über die universelle Holocaust-Erinnerung mit ihren »Nie wieder«-Formeln den Westen zum Eingreifen zu bringen. Sie zielen auf einen ethnisch inklusiven Patriotismus als Grundlage für eine effektive Verteidigung des Landes gegen den Aggressor Russland. Spätestens seit den Berichten über russische Gräueltaten in Butscha und Mariupol muss man wirklich fragen, ab welchem Punkt Massenmord tatsächlich zum Völkermord wird.

Der Autor ist emeritierter Professor für Zeitgeschichte an der Nottingham Trent University in Großbritannien.

Antisemitismus

Das sagt der Linken-Chef zum Büttner-Abgang

Der brandenburgische Antisemitismus-Beauftragte Andreas Büttner eckte in seiner Partei an. Jetzt verlässt er die Linke mit bitterer Kritik. Seine Partei erlebt die x-te Neuauflage einer Debatte

von Oliver von Riegen, Verena Schmitt-Roschmann  16.03.2026

Berlin

Hertie School: Studierendenvertretung verliert Misstrauensvotum

Nach einem Beschluss zur Unterstützung der gegen Israel gerichteten BDS-Bewegung haben die Studenten der privaten Hochschule ihre Vertretung abgewählt

von Joshua Schultheis  16.03.2026

Iran-Krieg

Deutschland will keinen NATO-Einsatz in der Straße von Hormus

Die US-Regierung macht Druck auf Nato-Partner, sich an der Absicherung einer wichtigen Seeroute in Nahost zu beteiligen. Berlin macht klar, dass man die Allianz gar nicht am Zuge sieht

 16.03.2026

Washington D.C.

Trump fordert militärische Unterstützung im Golf

Insbesondere von europäischen NATO-Staaten erwarte er konkrete Beiträge. Andernfalls drohe der NATO eine schwierige Zukunft, so der amerikanische Präsident

 16.03.2026

Thüringen

Jüdische Organisationen warnen vor »antisemitischer Provokation« in Buchenwald

Ein breites Bündnis wendet sich mit einer gemeinsamen Erklärung scharf gegen die Kampagne \»Kufiyas in Buchenwald\«

 16.03.2026

Nahost

Reaktion auf Beschuss der Miliz: Israel greift Hisbollah und iranisches Regime an

Die Lage im Überblick

 16.03.2026

EXKLUSIV

»Es geht nicht mehr«: Andreas Büttner verlässt die Linkspartei

Nach einem Beschluss der Linken in Niedersachsen war für Brandenburgs Antisemitismusbeauftragten das Maß voll: Er tritt aus der Partei aus

von Michael Thaidigsmann  16.03.2026

Teheran

Trotz Angriffen: Iran mobilisiert zu Al‑Kuds‑Protesten

Zum Ende des Fastenmonats Ramadan findet im Iran immer eine staatlich-inszenierte Großdemonstration gegen Israel statt. Die Führung rief die Bevölkerung auf, es dem »Feind« zu zeigen

 13.03.2026

Andenes

Kanzler Merz sieht keinen Anlass für Militäreinsatz in Straße von Hormus

Der französische Präsident treibt die Idee eines Militäreinsatzes zum Schutz von Öltankern und Handelsschiffen in der Straße von Hormus voran. Kanzler Merz ist da deutlich zurückhaltender

 13.03.2026