Liberté, Egalité, Fraternité

Kostbares Gut

Die Grande Nation weint: Ein Gefühl der Erschöpfung, Leere und Desorientierung ist die erste Reaktion. Foto: Reuters

Frankreich blutet. Europa hält den Atem an, die Welt schaut hilflos zu. Während die Grande Nation weint und der Staat sich kämpferisch gibt, feiern die Islamisten ihr jüngstes Blutbad. Was in Paris stattgefunden hat, war ein von langer Hand koordinierter, mit militärischer Präzision ausgeführter Massenmord.

Das Ziel: die Demokratie, ihre Kultur, ihre Werte, ihre Bürger. Die Dschihadisten führen uns zynisch vor Augen, dass sie jeden Staat, von Ägypten bis Frankreich, mitten ins Herz treffen können. Dieses Mal fand das kaltblütige Massenmorden in der Stadt der Liebe statt. Aus ihr ist eine Stadt der Angst geworden.

Das Gefühl, im permanenten Alarmzustand leben zu müssen, kennen Israelis seit Jahrzehnten aus eigener leidvoller Erfahrung nur zu gut. Europa kann nun von den Menschen in Tel Aviv und Jerusalem lernen, nicht in Apathie und Verzweiflung zu verfallen, sondern mit Lebenslust und Wehrhaftigkeit täglich von Neuem für die Werte einer demokratischen Zivilgesellschaft einzutreten.

Komfort Ja, die Freiheit ist ein kostbares Gut. Die Satten und Selbstgefälligen unter uns, deren Horizont sich auf Konsum und Komfort beschränkt, müssen erkennen, dass die Politik-, Parteien- und Staatsverdrossenheit allen Radikalen in die Hände spielt. Wir dürfen ihnen nicht die Zündschnur liefern, die sie inmitten von uns in Brand setzen werden.

Das individuelle Privileg eines jeden Bürgers, die Gefahr aus dem Bewusstsein verdrängen zu dürfen, kann sich keine Si-
cherheitsbehörde leisten. Ob separatistisch motivierte Einzeltäter, islamistische Zellen oder rechtsextremistische Gewalttäter, sie können überall zuschlagen, in Zügen, Su-
permärkten, Synagogen und Cafés, wie es in Madrid, London oder Toulouse geschah. Wir haben es bloß verdrängt, verleugnet. Und die Medien schützen uns davor – angeblich aus Rücksichtnahme und Pietät –, dass wir uns aus sicherer Entfernung bildlich mit dem auseinandersetzen, was längst Alltag ist: Verfolgung von Christen, Versklavung junger Mädchen, Massenhinrichtungen von Unschuldigen. Stattdessen wiegen wir uns in Sicherheit und klicken die Massenmorde bequem weg.

Wir dürfen uns nichts vormachen: Jetzt, wo der Schock nach dem Terrorinferno langsam abebbt und das Ausmaß des Horrors klar wird, nistet sich unmerklich eine Sinnleere und Desorientierung in den Köpfen und Herzen ein. Wem darf ich überhaupt noch trauen? Könnte mein muslimischer Nachbar ein Terrorist sein? Dürfen wir noch unbeschwert feiern? Und: Werden unsere Kinder gesund heimkehren? Ein Gefühl der Erschöpfung, Leere und Desorientierung ist die erste Reaktion, die allzu verständlich ist. Dort jedoch, wo die Trauer nicht stattfinden kann, wird der Ruf nach Rache und Vergeltung laut. In solchen Phasen der Verzweiflung sind Selbstreflexion, Besonnenheit und Entschlossenheit gefragt. Nicht nur seitens der Politik, sondern von jedem Bürger.

Gesellschaft
Dabei dürfen wir nicht vor kompromisslosen Fragen zurückweichen: Zeichnet sich unsere Gesellschaft als eine Wertegemeinschaft aus, die Schutz suchenden Flüchtlingen und sozialen Randgruppen Möglichkeiten bietet, aktiv an ihr zu partizipieren und zu prosperieren? Oder schließt sie Menschen aus, nur weil sie uns fremd sind, unseren inneren Frieden gefährden, Schuldgefühle und Angst erzeugen? Wie gelingt es uns Erwachsenen, die Jugend davon zu überzeugen, dass es sich bei der Demokratie um keine kostenlose Freizeitplattform handelt?

Wie können wir die »Klick«-Gesellschaft, die sich als soziale Netzgemeinschaft begreift, von der Notwendigkeit überzeugen, sich vom gemütlichen Sofa zu erheben und zur Wahlurne zu gehen? Warum sind die Menschen so leichtfertig bereit, aus Politikverdrossenheit ihre Privilegien zu vernachlässigen, statt sich als mündige Bürger zum Wohl aller noch mehr als bisher zu engagieren?

Ich bekenne: Ich fürchte mich sowohl vor der Judenintoleranz und Zionistenunverträglichkeit arabischer Migranten als auch vor den Ängsten vieler Bürger, die in den amtlichen Worthülsen keine überzeugenden Strategien und Perspektiven erkennen können. Wer sich aus Ratlosigkeit und Überforderung nach Sicherheit und Ordnung sehnt, darf nicht ausgegrenzt werden. Ängste muss man ernst nehmen und wissen, wie man sie abbauen kann. Gegner als Rattenfänger zu etikettieren, reicht nicht.

Schutz Es geht nicht darum, Grund- und Menschenrechte oder die Freiheit abzuschaffen. Es geht darum, sie zu stärken. Weder Europa noch Deutschland kann es sich leisten, an den Symptomen herumzudoktern. Solange die europäischen Nachbarn Frankreichs untätig zusehen, wie in Syrien ungebremst Menschen abgeschlachtet werden, so lange werden wir uns mit der Frage befassen müssen, wie wir auf die vielen notleidenden arabischen Schutzsuchenden reagieren. Grenzenlose Grenzen und emotionale Überreaktionen sind ebenso unangebracht wie das naive Pochen auf grenzenlose Freiheit.

Vor lauter Gier und Kulturrelativismus vergessen wir unsere eigenen Prinzipien. Nein, unsere westlichen Werte sind nicht verhandelbar – weder die offene Gesellschaft und die Religionsfreiheit noch die Säkularisierung. Die Erkenntnis, dass plötzlich alles anders werden kann, dass es keinen zuverlässigen Schutz vor dem Terror der Dschihadisten und der Gewalt der Neonazis gibt, ist erschreckend ernüchternd. Und dennoch: Das Leben ist es wert, verteidigt zu werden.

Adieu, nonchalance! Vive la liberté, egalité, fraternité!

Der Autor ist in Lyon geboren. Er ist Diplom-Psychologe und arbeitet als Coach und Stressexperte in München.

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