Schächten

»Keine britische Sitte«

Besonderheiten der Insel: schottisches Hochlandrind auf einer Weide Foto: dpa

Die britischen Tierärzte haben dankbar eine Anregung aus Dänemark aufgenommen. Weil das dortige Parlament sich gegen das Schächten aussprach, unternimmt nun auch die »British Veterinary Association« (BVA) enorme Anstrengungen, die rituelle Schlachtung von Tieren bei Juden und Muslimen zu verbieten oder zumindest deutlich einzuschränken.

Bemerkenswert ist dabei vor allem das defensive Vorgehen der BVA. Angeblich stammt das Thema, über das so heftig gestritten wird, nämlich gar nicht von ihr. Nur durch Fragen von Journalisten bei einem Galaabend der BVA sei das Thema aufgekommen. An diesem Abend aber präsentierte sich die Organisation bemerkenswert vorbereitet: Es sei wissenschaftlich bewiesen, wurde dort behauptet, »dass das Schlachten von Tieren ohne Betäubung deren Wohlergehen beeinträchtigt«. Zudem fordern die Tierärzte, dass koscheres und Halalfleisch nur noch an die jeweiligen religiösen Zielgruppen, also Juden und Muslime, verkauft werden darf.

halal Gerade Halalfleisch ist in den letzten Jahren in Großbritannien sehr beliebt geworden: 80 bis 90 Prozent werden gar nicht von Muslimen verzehrt. Shuja Shafi, der Vizepräsident des Zentralrats der muslimischen Briten (MCB), sagt, einige Moscheen hätten großen Schlachthöfen erlaubt, ihr Fleisch auch dann als halal zu kennzeichnen, wenn die Tiere bei der Schlachtung beim Adernschneiden betäubt wurden. Dieses Fleisch gehe dann nicht an muslimische Verbraucher, sondern werde beispielsweise an Restaurants verkauft.

Shafi vermutet, dass die BVA davon ausgeht, »dass auch die restlichen zehn bis 20 Prozent des Halalfleisches mit Betäubung geschlachtet werden könnten«. Dabei sei es doch genau umgekehrt: »Nur Tiere, die nicht betäubt geschlachtet wurden, gelten nach unserer Auffassung und der Mehrheit der Muslime in Großbritannien als halal.«

kaschrut Daher wollen Shafi und der MCB nun so schnell wie möglich dem jüdischen Modell in Großbritannien folgen und eine zentrale Stelle gründen, wo islamische Schächtung kontrolliert und reguliert wird. Bei den britischen Juden steht der gesamte Schlachtungsprozess unter der Obhut von Shechita UK, einer landesweiten Organisation, die alles für die Einhaltung der Kaschrut regelt. Das so geschlachtete Fleisch geht direkt zum Verzehr an jüdische Geschäfte. Wenn über den Bedarf der kleinen britischen Gemeinschaft produziert wurde, geht das Fleisch in manchen Regionen auch an muslimische Gemeinden.

Jonathan Arkush vom Jewish Board of Deputies (BOD) und Shuja Shafi vom MCB haben nun im »Guardian« eine gemeinsame Antwort an die Tierärzte formuliert: Sie verweisen auf viele wissenschaftliche Studien, wonach ihre rituellen Formen des Schlachtens mindestens so schonend seien wie konventionelle. »Unsere Methode stammt aus einer der ersten Kulturen, die humanes Schlachten überhaupt einführte«, erklärt Mark Frazer von Shechita UK. Und Robert Singer vom Jüdischen Weltkongress sagt, dass das Schächten »schon seit Jahrtausenden nach den höchsten ethischen Standards des Tierschutzes« betrieben wird.

kennzeichnung Eine weitere Forderung der BVA ist, das Fleisch geschächteter Tiere, das in den normalen Verkauf geht, besonders zu kennzeichnen. Frazer nennt dies »unfair«. So etwas solle doch nur rituelle Schlachtmethoden diskreditieren. »Wenn man solche Kennzeichnung überhaupt zulässt, dann sollen die Verbraucher aber auch wissen, welches Tier vergast wurde, welches durch Elektroschocks getötet wurde, oder wo das Bolzenschussgerät fehlerhaft war.«

Der Schächt-Streit hat mittlerweile die Politik erreicht. Der konservative Abgeordnete Andrew Rosindell behauptet, man müsse zwischen britischen und anderen Sitten unterscheiden: Nur die britische sei die korrekte Art, Tiere zu behandeln.

Auf Nachfrage gab Rosindell allerdings zu verstehen, dass er Juden sehr wohl als Briten ansehe, seine Kommentare seien nur überspitzt wiedergegeben worden. Es gehe ihm vielmehr »um eine Modernisierung der jüdischen und islamischen Methode, die tatsächlich einst die humanste war«, erklärt ein Sprecher Rosindells.

kampagne Jonathan Arkush und Shuja Shafi vermuten hinter der BVA-Kampagne aber andere Motive. Sie verweisen auf geheime Filmaufnahmen der Tierschutzorganisation Animal Aid, die in acht von neun britischen Schlachthöfen Tierquälerei nachweisen konnte. »Dazu hat die BVA noch keine Kampagne gestartet.« Außerdem verweisen der jüdische und der muslimische Vertreter darauf, dass nach einer Studie der Europäischen Lebensmittelbehörde aus dem Jahr 2004 bei Betäubung durch Bolzenschussgeräte die Fehlerquote bis zu 31 Prozent betrage. »Auch hierzu schweigt die BVA«, heißt es in der Erklärung von Arkush und Shafi. »Bei solchen Statistiken kann rituelles Schächten unmöglich Priorität bei der BVA besitzen.«

Eine große politische Gefahr droht dem Schächten in Großbritannien derzeit wohl nicht. Erst vor wenigen Monaten versicherte Innenministerin Theresa May dem BOD, dass das Schächten erlaubt bleibt. Auch Vizepremier Nick Clegg weist die von der BVA geforderten Maßnahmen zurück. Und die Konservativen erklärten, Rosindell habe nur seine eigene Meinung, nicht die der Partei, vertreten.

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