Essay

Kein Staat wie jeder andere

Hedonistisch leben wie im Westen? Junge Israelis in den Straßen von Tel Aviv Foto: Flash 90

Die irrige Annahme, Israel könne ein Land wie jedes andere werden, ist seit Langem Teil der zionistischen Geschichte. Ein kleines, aber typisches Beispiel: Als jüdische Prostituierte im vorisraelischen Palästina ihren Beruf auszuüben begannen, gab es gemischte Reaktionen. Einige empfanden vor allem Scham, andere betonten, dies sei ein weiteres Zeichen jüdischer »Normalität« auf dem Weg zur Eigenstaatlichkeit.

Mit der Unabhängigkeit Israels wurden viele Institutionen geschaffen, wie sie auch andere Länder besitzen – Regierung, Parlament, Verfassungsgericht, Armee, Sicherheitsbehörden, Zentralbank und vieles andere mehr. Eine weitere Normalisierung besteht in der Sammlung von beinahe der Hälfte der jüdischen Weltbevölkerung in Israel. Und in Zukunft wird es vielleicht zu noch mehr »Normalität« kommen, zum Beispiel durch international anerkannte Grenzen.

Sollten die Friedensverhandlungen Fortschritte machen, wird die Forderung, Israel solle ein »normales« Land werden, wahrscheinlich wieder laut werden. Die grundlegende Vorstellung dahinter ist, dass Israel mehr oder minder so werden kann wie die westlichen Demokratien. Viele Israelis bewundern die vergleichsweise Friedlichkeit und den Hedonismus des Westens und würden gerne so leben wie die Menschen dort.

einzigartigkeiten Doch einer solchen »Normalisierung« sind Grenzen gesetzt. Zum einen sind alle Nationen an sich einzigartig. Und manche Länder sind »einzigartiger als andere«. So wie Israel. Es ist eines der wenigen Länder, deren Einwohner mehrheitlich Einwanderer oder deren Nachkommen sind. Dasselbe gilt zwar auch für die Vereinigten Staaten, Australien, Kanada, Argentinien und so weiter. Doch die primäre Einwanderung in diese Länder fand viel früher statt. Ein noch wichtigerer Unterschied ist, dass die Einwanderer nach Israel Vorfahren hatten, die vor langer Zeit für die Rückkehr nach Zion beteten, wo jüdische Generationen mehr als ein Jahrtausend zuvor gelebt hatten.

Zur Einzigartigkeit Israels gehört auch, dass weder seine Sprache noch seine Religion von anderen Völkern geteilt werden. Zwar haben viele Nationen Sprachen, die anderswo nicht gesprochen werden, Griechenland etwa. Doch das dort herrschende orthodoxe Christentum ist keineswegs einzigartig hellenisch. Das wurde während des Jugoslawienkrieges deutlich, als die Griechen sich – anders als die meisten Bürger der EU – mit den ebenfalls orthodoxen Serben solidarisierten.

Einzigartigkeit ergibt sich aus internen wie externen Faktoren. Ein zentraler Aspekt der Einzigartigkeit Israels ist, dass seine Geschichte sich von der anderer Länder radikal unterscheidet. Das lange Verweilen des jüdischen Volkes in der Diaspora ist ohne Beispiel. Das Gleiche gilt für den Holocaust in seiner jüngsten Geschichte. All dies verstärkt die Einzigartigkeit Israels nicht nur heute, sondern auch für die vorhersehbare Zukunft.

Die gegenwärtige Realität Israels steht damit in Zusammenhang. Die Vergangenheit des jüdischen Volkes hat eine viel größere Bedeutung für die Gegenwart als das, was in ein paar historischen Relikten sichtbar wird. Die jüdische Tradition, die zu großen Teilen aus religiösen Elementen besteht, strahlt auch auf den Staat aus, ebenso der jahrhundertealte ausgeprägte Judenhass in vielen Teilen der Welt.

Der historische Antisemitismus – ob religiös oder ethnisch motiviert – ist heute in erster Linie zu Antiisraelismus geworden. Keine andere Nation ist einer vergleichbaren Delegitimation ausgesetzt. Noch darüber hinaus gehen genozidale Bedrohungen aus Teilen der muslimischen Welt. Die jüngste solche Drohung sprach ein Befehlshaber der iranischen Republikanischen Garde aus: Ein amerikanischer Angriff auf Syrien werde die Vernichtung Israels nach sich ziehen.

masochismus Der Judenhass spielt zwar eine wichtige Rolle in der Entwicklung dessen, was man die weitverbreitete »masochistische Tradition« der Juden nennen könnte. Doch ihre Ursprünge sind vor allem interner und religiöser Art. Die Propheten geißelten die Israeliten fast pausenlos ob ihrer Lebensführung, die nicht den göttlichen Erwartungen entsprach. In Verbindung mit den Leiden der langen Diasporazeit führte das dazu, dass einige Juden die negative Wahrnehmung anderer von sich für bare Münze nahmen.

Diese wenig erforschte masochistische Tradition drückt sich auf vielerlei Weise aus – im jüdischen Humor zum Beispiel. Die Deutschen machen Witze über Polen, die Briten über Iren und die Holländer über Belgier. Aber jüdische Witze gehen oft auf Kosten der Juden selbst.

In Israel offenbart sich diese masochistische Tradition im Selbsthass einiger Israelis, die sich mit dem Standpunkt ihrer Feinde identifizieren. Ein weiteres Beispiel ist die übereilte Entschuldigung der israelischen Armee für den Tod des palästinensischen Kinds Mohammed al-Dura im Jahr 2000, den die Armee überhaupt nicht zu verantworten hatte.

»licht der völker« Auch die biblischen Texte spielen eine Rolle bei der Analyse der Einzigartigkeit Israels. Oft missbraucht werden die Verse Jesajas: »Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, der Bund für mein Volk und das Licht der Völker zu sein.« Verbunden mit falschen Interpretationen der Idee des auserwählten Volkes glauben viele Ausländer, Israel hart kritisieren zu dürfen, weil es sich oft nicht besser verhält als viele andere Demokratien. Dieses Messen mit zweierlei Maß ist von der Europäischen Union richtigerweise als antisemitisch eingestuft worden.

Israel als »Licht der Völker« hat heute ganz andere Bedeutungen als die, die dem Vers normalerweise zugeschrieben werden. Viele der politischen, militärischen, kulturellen und wirtschaftlichen Erfahrungen Israels sind Vorreiter für spätere Entwicklungen in Teilen der westlichen Welt: Israel fungiert gleichsam als »Labor des Westens«.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich eine neue Rolle für Israel herausgebildet. Es ist zunehmend zum Indikator für die Denkungsart der westlichen Welt und für deren verbreitete zweifelhafte Moral geworden. Wer wissen will, »wo der Westen steht«, muss sich nur sein Verhältnis zu Israel auf diversen Gebieten ansehen – so, wie in vergangenen Jahrhunderten – und vielerorts auch heute noch – der Umgang mit den Juden der Lackmustest für eine Gesellschaft war.

assimilation Dem Wunsch nach unerreichbarer »Normalisierung« verwandt ist übrigens eine Absurdität, die von einigen in Israel propagiert wird: Das Land sollte »sich dem Nahen Osten assimilieren«. Diese oberflächliche Idee wirft zahllose Fragen auf und gibt nicht eine stichhaltige Antwort.

Was sollte Israel tun, um sich »anzupassen«? Sollte es die wenigen Israelis verherrlichen, die vorsätzlich palästinensische Zivilisten ermordet haben, so wie die Palästinensische Autonomiebehörde die vielen Mörder israelischer Zivilisten vergöttert? Soll Israel nach Terrorangriffen wahllos palästinensische Dörfer bombardieren? Soll es mit arabischen Demonstranten so umgehen, wie das ägyptische Militär mit der Muslimbrüderschaft?

Soll Israel, wie Syrien, chemische Waffen entwickeln und einsetzen? Soll es Straffällige hinrichten, wie viele arabische Staaten das tun? Eine große Anzahl von Wesensmerkmalen der Nachbarländer Israels sind so unvereinbar mit den grundsätzlichen Normen und Werten des jüdischen Staates, dass diese »Anpassung an den Nahen Osten« nichts als ein irreales Hirngespinst ist.

Letztendlich ist die Idee, die Juden sollten sich der vorherrschenden Kultur ihrer Umgebung anpassen, uralt. Sie reicht weit in der Geschichte zurück, viel weiter als zu den assimilierten Juden Europas während der vergangenen Jahrhunderte. Schon vor zwei Jahrtausenden gab es im letzten unabhängigen jüdischen Staat, dem der Makkabäer, Juden, die die römische Kultur verehrten und nachahmten. Die Beiträge dieser Hellenisten zur jüdischen Geschichte sind minimal, wenn es sie überhaupt gibt. Denjenigen, die von einem »normalen« Staat Israel träumen, wird es vermutlich genauso ergehen.

Manfred Gerstenfeld ist Aufsichtsrat und ehemaliger Vorsitzender des Thinktanks »Jerusalem Center for Public Affairs«. Vor Kurzem ist sein Buch »Israel’s New Future Revisited. Shattered Dreams and Harsh Realities. Twenty Years After the First Oslo Accords« erschienen (RVP, New York 2013, 296 S., 18,95 US-$)

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