Berlin-Moabit

Jugendliche belästigen und bepöbeln Mann antisemitisch

Putlitzbrücke am Westhafen in Berlin-Moabit Foto: imago

Ein 68-jähriger Mann ist nach Polizeiangaben am Dienstag in Berlin-Moabit von fünf Kindern und Jugendlichen antisemitisch angepöbelt und sexuell belästigt worden.

Bei dem Vorfall an dem Deportationsmahnmal auf der Putlitzbrücke wurde der 68-Jährige von fünf Jungen und Jugendlichen im Alter zwischen zwölf und 15 Jahren mehrfach als Jude bezeichnet, wie die Polizei am Mittwoch in Berlin mitteilte. Zudem sollen ihm zwei der unbekannten Täter nacheinander zwischen die Beine gefasst haben. Die Staatsschutz-Abteilung des Landeskriminalamts ermittelt.

Das Mahnmal erinnert an die Deportation von Berliner Juden vom Güterbahnhof Moabit. Ab Januar 1942 wurden von dort mehr als 32.000 jüdische Berliner in die Konzentrationslager verschleppt.

REAKTIONEN Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, verurteilte die Tat scharf. Er zeigte sich schockiert, dass die mutmaßlichen Täter noch so jung seien. »Wir sollten dies einmal mehr zum Anlass nehmen, durch Bildung, Begegnung und Aufklärung unsere Maßnahmen in der Antisemitismusprävention gerade bei jungen Menschen zu verstärken. Niemand wird als Judenhasser geboren.«

Es sei wichtig, die Täter zu ermitteln und, soweit sie strafmündig seien, ihnen geeignete erzieherische Maßnahmen nach dem Jugendstrafrecht aufzuerlegen, sagte Klein.

Gleichzeitig sei es wichtig, die Täter zu ermitteln und, soweit sie strafmündig seien, ihnen geeignete erzieherische Maßnahmen nach dem Jugendstrafrecht aufzuerlegen, sagte Klein der »Jüdischen Allgemeinen«.

Der Direktor des Berliner Büros des American Jewish Committee, Remko Leemhuis, forderte, bereits strafmündige Täter hart für solche Angriffe zu bestrafen, um ihnen die Schwere ihres Vergehens bewusst zu machen. »Auch die anderen Täter müssen ein deutliches Signal erhalten, dass Antisemitismus, sexuelle Übergriffe und Gewalt nicht akzeptabel sind. Ebenso sollten die Behörden prüfen, inwiefern die Eltern hier auch haftbar gemacht werden können«, so der AJC-Direktor.

übergriffe Gerade in jüngerer Vergangenheit sei es in Berlin immer wieder zu antisemitischen Übergriffen durch Kinder und Heranwachsende gekommen. »Dass es an Schulen und damit in dieser Altersgruppe ein massives Problem mit Antisemitismus gibt, ist bekannt,« sagte Leemhuis dieser Zeitung. Er forderte, Lehrer besser zu schulen, um dem Antisemitismus begegnen zu können.

Der ehemalige Grünen-Bundestagsabgeordnete und jetzige Lehrbeauftragte an der Uni Bochum, Volker Beck, findet, dass »etwas Behandlung des Holocaust in der Schule« bei Weitem nicht ausreiche. »Angesichts der weiten gesellschaftlichen Verbreitung von antisemitischen Haltungen in der Gesellschaft ist natürlich auch das Lehrpersonal nicht frei davon. Daher braucht es einen breiteren Ansatz von Lehreraus- und Fortbildung, Unterrichtseinheiten für Schülerinnen und Schüler und pädagogische Krisenprävention bei antisemitischen Vorfällen.«

Der ehemalige Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck fordert, dass jüdische Geschichte und Religion, die Geschichte des Zionismus und die des Staates Israel auf den Lehrplan gehören.

Beck fordert zudem, dass jüdische Geschichte und Religion, die Geschichte des Zionismus und die des Staates Israel auf den Lehrplan gehören. Das müsse »jeder Lehrer eigentlich draufhaben. Denn: Wer den Antisemitismus nicht versteht, erkennt ihn auch nicht«, so Beck.

Für Rosa Fava von der Amadeu Antonio Stiftung zeigt der Angriff in Moabit, »wie bereits Kinder und Jugendliche durch ihr familiäres und soziales Umfeld antisemitisch beeinflusst werden«. Nicht nur in den sozialen Netzwerken fielen die Schranken, den Hass auf Juden auch zu äußern oder ihn gewaltförmig auszuleben. Der Angriff vom Dienstag sei ein weiteres trauriges Beispiel dafür. Fava weiter: »Der Griff zwischen die Beine ist dabei vielleicht nicht zufällig: Für antisemitische Gefühle und Fantasien spielt die Beschneidung des männlichen Genitals eine große Rolle.«

warnsignal Für Uffa Jensen vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin kommt es nicht überraschend, dass der gewalttätige Angriff von Jugendlichen ausging: »Jugendliche bilden schon länger eine der Hauptgruppen unter den antisemitischer Straftätern. Zugleich ist das natürlich ein gesellschaftliches Warnsignal, das uns sehr beunruhigen muss.« Gleichzeitig müsse man aber vorsichtig sein, von der Existenz einer Altersgruppe von Straftätern auf eine generelle Verbreitung antisemitischer Einstellungen in diesen Gruppen rückzuschließen.

»Wenn man sich unsere Erkenntnis über die Verbreitung antisemitischer Einstellungen in der Bevölkerung nach Altersgruppen ansieht, kommt man nämlich zu einem anderen Schluss. Antisemitische Einstellungen nehmen mit dem Alter eher zu. Etwas überspitzt könnte man sagen, dass zwar antisemitische Einstellungen bei Älteren weiter verbreitet sind, Straftaten aber besonders bei Jugendlichen vorkommen«, sagte Jensen. Die besondere jugendlich-männliche Delinquenz sei ein bekanntes gesellschaftliches Problem.  epd/mth

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